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Carver One: König des Kreisverkehrs

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Wer sagt denn, dass ein Auto immer vier und ein Motorrad zwei Räder haben muss. Für Harry Stüdemann liegt die Wahrheit in der Mitte. Deshalb vertreibt er in Deutschland den Carver, einen kurvengierigen Zweisitzer, in dem sich Auto und Motorrad ziemlich nahe kommen.

Schade, dass der Werbeslogan "Nur fliegen ist schöner" schon vergeben ist. Denn hätte Opel diese Zeile nicht für den legendären GT belegt, könnte auch Harry Stüdemann sie nutzen. Im Cockpit des Dreirads Carver, für dessen Vertrieb er in Deutschland verantwortlich ist, kommt man dem Gefühl sehr nahe, hinter dem Steuerknüppel eines Flugzeugs zu sitzen.

Bereits seit 2003 wird die rasende Zigarre, die ein wenig an die futuristische Neuinterpretation eines rückwärts fahrenden Messerschmitt Kabinenrollers erinnert, in den Niederlanden von Hand gebaut. Allerdings haben die Holländer bislang gerade einmal 30 Fahrzeuge fertig bekommen. Weil ihnen das deutlich zu wenig war, mehr aber quasi in Heimarbeit nicht zu bewerkstelligen ist, haben sie den englischen Spezialisten Prodrive ins Boot geholt. Der baut sonst Rennwagen und Tuningkits und hat den Carver reif gemacht für die Produktion einer kleinen Serie, die vor wenigen Wochen in Saarlouis angelaufen ist. Die ersten Autos sind bei einem Grundpreis von knapp 35.000 Euro bereits verkauft und werden ab September ausgeliefert.

Parallelen zum Segelflug

Natürlich gibt es jede Menge Autos, die schneller sind als der Zweisitzer. Und natürlich kann man sich mit den meisten Motorrädern noch tiefer in die Kurven legen. Doch ohne Helm und mit fester Karosserie ist man im Carver der ungekrönte König des Kreisverkehrs. Denn wo einen im Auto die Fliehkraft unbequem nach außen drückt und man auf dem Motorrad mit dem Knie innen fast auf dem Boden schleift, da kippt das Dreirad ganz galant die gesamte Karosserie und lässt den Fahrer in bequemen Schalensitzen wie auf dem Snowboard durch die Kurven gleiten. "Das Fahrgefühl ist deshalb mit dem gewohnten Empfinden im Auto nicht vergleichbar," sagt Stüdemann und zieht statt dessen Parallelen zum Segelflug. Allerdings braucht man für das Vergnügen weder eine Pilotenlizenz noch eine Spezialausbildung: Der Carver gilt formal als Trike und kann mit dem Pkw–Führerschein gefahren werden

Technisches Highlight des Zwitters ist seine Neigetechnik. Dafür haben die Holländer eine "Dynamic Vehicle Control" entwickelt, die das Lenkmoment je nach Geschwindigkeit und Kurvenradius zwischen der eigentlichen Lenkung am Vorderrad und dem Kippmechanismus unter der Kabine verteilt: Rollt man langsam dahin, stellt das System deshalb nur den vorauslaufenden Motorradreifen schräg. Gibt man etwas mehr Gas, kippt die Hydraulik den ganzen Aufbau in Windeseile der Kurve entgegen und stellt ihn auf der Geraden wieder auf – allerdings nur, wenn man selbst auch das Lenkrad wieder in die Nullstellung bringt. Denn anders als ein Auto baut der Carver keine Rückstellkräfte auf und würde ansonsten ewig kreiseln.

Abrahams Schoß ohne ABS

Wie weit sich der Wagen in die Kurve legt, spürt man nicht nur in der Magengrube, die bei solchen Spielchen mangels störender Fliehkraft ausgesprochen gelassen bleibt. Man sieht es auch im Cockpit, das nur auf den ersten Blick ganz gewöhnlich aussieht. Wer genauer hinschaut, erkennt hinter dem Lenkrad zwei kleine Leuchtbalken, die mit grünen Dioden den Kippwinkel anzeigen. Bis 40 Grad fährt man im grünen Bereich. Danach leuchtet die Anzeige rot und warnt wie im Flugzeug mit einem laut vernehmlichen Signalton. "Bei trockener Straße sind auch 45 Grad kein Problem", sagt Stüdemann. "Doch wenn es draußen nass ist, sollte man langsam vorsichtig werden." Vorsicht ist übrigens ein gutes Stichwort. Denn viel Sicherheit bietet das Dreirad nicht. Zwar empfinden Motorradfahrer wahrscheinlich die Gurte und den im Computer erfolgreich crashgetesteten Stahlrahmen schon als Abrahams Schoß. Doch wer aus dem Auto umsteigt, würde sich schon über Airbags oder zumindest ein ABS freuen.

Dabei hat der Carver so ansprechende Fahrleistungen und ein gewisses Suchtpotenzial, dass einem Mäßigung nicht gerade leicht fällt. Auf dem Papier erscheint der zusammen mit dem konventionellen Fünfgang-Getriebe bei Daihatsu eingekaufte Vierzylinder mit seinen 0,7 Litern Hubraum und den 68 PS zwar als dürres Hemd. Doch weil der Carver nur 670 Kilogramm wiegt, reichen auch 100 Newtonmeter schon für viel Spaß und Spurtstärke. So schafft es der Zweisitzer in 8,2 Sekunden auf Tempo 100 und erreicht maximal 185 km/h. Der Verbrauch liegt dabei mit etwa sechs Litern auf dem Niveau eines Kleinwagens und lässt Vernunft und Vergnügen in guter Balance.

Und wer soll den exotischen Carver fahren? Harry Stüdemann teilt die Zielgruppe in drei Lager auf: "Das sind zum einen die ehemaligen Motorradfahrer, die jetzt kaputte Knie haben und im Carver nach der alten Straßenlage suchen", sagt der Vertriebschef. Zum Zweiten denkt er an Selbständige und Unternehmer, denen so wenig Freizeit bleibe, dass sie sich schon auf dem Weg von und zur Arbeit austoben wollen. Und dann seien da noch die Fahrer von Umweltmobilen. Sie sollen mit dem Carver lernen, dass Sparen auch Spaß machen kann.

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Fahrzeugschein
Hersteller: Carver
Typ: One
Motor: Vierzylinder-Turbobenziner
Hubraum: 659 ccm
Leistung: 68 PS (50 kW)
Drehmoment: 100 Nm
Von 0 auf 100: 8,2 s
Höchstgeschw.: 185 km/h
Verbrauch (ECE): 6,0 Liter
CO2-Ausstoß: 142 g/km
Kraftstoff: Benzin
Preis: 34.742 EUR
Fotostrecke
Carver One: Nur fliegen ist schöner


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