Von Tom Grünweg
Dieses Grollen macht süchtig. Lange, bevor man ihn sehen kann, hört man den Chevrolet Camaro schon. Also rolle von fern Donner heran, lässt sein V8-Motor die Luft erzittern. Die Maschine bollert und blubbert, sprotzt und krawallt.
Die Symphonie für acht Zylinder führt übrigens nicht der neue Chevrolet Camaro auf, der sich während der Fotofahrt feuerrot ins Bild schiebt, und der im Anschluss an die Europapremiere auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Frankfurt offiziell auch in Deutschland verkauft wird. Der Sound stammt vielmehr von einem Oldtimer der Baureihe. Das Auto aus dem Baujahr 1976 gehört der zweiten Camaro-Generation an, die in den Augen vieler Fans die schönste ist. Der Wagen trägt den klassischen "Bumblebee"-Look. Quietschgelb und mit schwarzen Streifen erinnert die Lackierung an eine Hummel - und hierzulande manchen Beobachter vielleicht auch an die Vereinsfarben von Borussia Dortmund.
Wenn sich der Camaro in den Rückspiegel schiebt, löst das fast immer Respekt, vielleicht sogar Ehrfurcht beim Vorausfahrenden aus. Doch der Auftritt ist weitgehend Show: Viel mehr als einen bösen Scheinwerferblick und das tiefe Grollen darf man von diesem Modell heute nicht mehr erwarten. "Der braucht ein wenig Liebe und Geduld", hatte man uns bei der Schlüsselübergabe noch zugerufen und auf das hohe Alter und die üppige Laufleistung hingewiesen.
Während der neue Wagen buchstäblich ein Muscle-Car ist und mit 432 PS absolut austrainiert antritt, lebt der Klassiker vor allem vom Mythos, weniger von den 165 PS, die ihn befeuern. Mitte der siebziger Jahre war von der ursprünglichen Kraft und Vitalität, mit der die erste Generation Muscle-Cars zehn Jahre zuvor für Furore gesorgt hatte, nicht mehr viel übrig geblieben. Viel Lärm um nichts könnte man daher das Spektakel nennen, das der Oldie aufführt, wenn man das Gaspedal durchtritt. Als gingen Leistung und Drehmoment auf dem Weg durch die Dreigang-Automatik in Richtung Hinterachse irgendwo verloren, kommt der Camaro nur sehr bedächtig in Fahrt. Kaum zu glauben, dass dieses Auto einst binnen 9,9 Sekunden auf Tempo 100 spurtete und mit einer Tachoskala, die bis 220 km/h reicht, locker auskam.
Starrachse und Blattfedern dämpfen die Lust am Schnellfahren
Mit ein bisschen Tuning würde der Wagen sicher wieder zum Gelegenheits-Racer. Immerhin zählt der Camaro zu jenen US-Modellen, die bis heute am meisten veredelt oder zumindest verändert werden. Doch wer nicht auf einem langen und geraden Highway, sondern einer kurvigen, typisch europäischen Landstraße unterwegs ist, der nimmt das gemächliche Tempo gelassen und dankbar hin. Dann nämlich stört das Fahrwerk mit Starrachse und Blattfedern im Heck nicht so sehr. Die Rustikal-Radaufhängung kann einem bei flotter Fahrt gehörig ins Schwitzen bringen.
In den weichen Ledersitzen wird man unweigerlich zum Cruiser, zumal auch die sonst für Sportwagen typische Enge fehlt. Dieses Auto ist weit und lässig - in jeder Hinsicht. Der Begriff Seitenhalt war offenbar unbekannt, als die Camaro-Sitze gepolstert wurden. Auch das ist ein Grund, weshalb man den Wagen keinesfalls so richtig ausreizen will. Stattdessen ist man vollauf damit beschäftigt, am Steuer wenigstens halbwegs so cool zu wirken wie das Auto. Und wenn man schon keine Plüschwürfel dabei hat, um sie am Innenspiegel baumeln zu lassen, lässt man wenigstens den Arm aus dem Fenster hängen. Das verschafft zudem die dingend nötige Abkühlung und bringt überdies diesen wunderbaren Motorsound noch ein bisschen besser zu Gehör.
Die Geschichte des Camaro begann 1966, als General Motors dem Erfolg des Ford Mustang nicht länger tatenlos zusehen mochte. Der Mustang, quasi die Mutter aller Pony-Cars, trabte seit April 1964 über die Highways und macht der Konkurrenz eindrucksvoll bewusst, wie dringend ihr ein billiger, sportlicher Wagen für die automobile Adoleszenz fehlte.
Ein Auto nach der klassischen Formel "long hood, short deck"
General Motor reagierte, indem aus dem kreuzbraven Chevy II der Camaro wurde. Das Auto wurde mit allem garniert, was die gängigen Schlüsselreize bedient: Es gab Einzelsitze statt der damals üblichen Kuschelbank in Reihe eins, es gab große, potente Motoren, es gab mehr als 80 Optionen zur Individualisierung - und der Camaro erhielt vor allem das inzwischen klassische Muscle-Car-Design. "Long hood, short deck" (lange Haube, kurzes Heck) heißt die Formel, die auch fast 50 Jahre später noch funktioniert.
Was den Erfolg des Camaro über all die Jahre ausmachte - in bislang fünf Generationen wurden insgesamt mehr als fünf Millionen Exemplare verkauft - waren nicht nur sein hemdsärmeliges Design und seine großvolumigen Motoren, sondern es war vor allem der Preis. Das ist noch immer so. In den USA startet die jüngste Auflage des Klassikers bei etwas mehr als 22.000 Dollar. Umgerechnet in Euro gibt es für das Geld bei einem deutschen Autohändler nicht einmal einen VW Golf GTI. Ganz so billig werde das Auto in Europa zwar nicht verkauft, sagt Chevrolet-Sprecher Rej Husetovic, doch wolle man auch auf dieser Seite des Atlantiks eine Art Preisbrecherrolle spielen. Das Coupé soll deshalb fab 38.990 Euro und das Cabrio ab 42.990 Euro zu haben sein.
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