Chevrolet Camaro: Rock'n'Roll auf Rädern

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Ein Auto wie ein guter Rocksong: laut, schnell und unangepasst. Als Musclecar hat es der Chevrolet Camaro zum Mythos gebracht. Nach über zehn Jahren Pause gibt es den Kraftmeier jetzt auch wieder offiziell in Deutschland.

Chevrolet Camaro: Rock'n'Roll auf Rädern Fotos

Es ist die Rückkehr eines Klassikers: Mehr als zehn Jahre, nachdem Chevrolet den Camaro aus Europa abgezogen hat, feiert das Muscle-Car sein Comeback. Nachdem zuletzt Grauimporteure die Nachfrage nach der Neuauflage von 2009 mit US-Modellen bedienten, steht er jetzt als Coupé und Cabrio wieder offiziell beim Händler.

Neben Kleinwagen wie dem Spark und Familienkutschen wie dem Orlando dürfte er dort ein ziemlich ungewohntes Bild abgeben. Denn während sich die anderen Modelle brav und bieder geben, wirkt der fast fünf Meter lange Zweitürer frech und vorlaut. Er provoziert mit seinen Muskelpaketen, so wie man es bei Chevrolet bislang nur von der Corvette kennt. Bedenken sollte man dabei allerdings, dass diese bei nur einem Dutzend Händlern steht, weit über 80.000 Euro kostet und eigentlich nur für Egoisten mit gelegentlicher Damenbegleitung taugt. Der Camaro dagegen ist zumindest halbwegs bezahlbar und wird bei immerhin 60 Händlern angeboten. Außerdem ist er formal ein Viersitzer, auf dessen Rückbank man es wenigstens mal ein paar Minuten aushält.

Rock'n'Roll in Reinkultur

In Fahrt bringt den Wagen ein Motor, wie er amerikanischer kaum sein könnte: Acht Zylinder und 6,2 Liter Hubraum klingen nach Rock'n'Roll in Reinkultur. Dazu kommen bis zu 432 PS und maximal 569 Nm. Nicht ganz so rockig ist der Camaro in der Version mit der sehr ordentlichen Sechsgang-Automatik. Die hat schon auf dem Papier nur 405 PS und fühlt sich in der Praxis sogar nach deutlich weniger an. Nicht, dass der Camaro mit einem Sprintwert von dann 5,4 Sekunden zu träge wäre, schließlich sind 250 km/h auch für einen Sportwagen mehr als genug - aber wenn im Fahrzeugschein nur 300 PS stünden, würde man es den Amerikanern eher glauben.

Viel bedauerlicher als die Leistungserosion zwischen dem Motor und den 275 Millimeter-Walzen auf den 20-Zöllern an der Hinterachse ist das Verblassen der Klangfarben. Denn auf ein sattes Brabbeln beim Cruisen wartet man genauso vergeblich wie auf wütendes Brüllen beim Beschleunigen. Erst jenseits von 3000 Touren klingt der V8 wieder nach Heavy Metall.

An der Ausstattung nicht gespart

Dass er bei niedriger Drehzahl an ein Unplugged-Konzert von Bruce Springsteen erinnert, liegt an einem Kunstgriff der Konstrukteure: Der heißt "Active Fuel Management" und meint nichts anderes als eine Zylinderabschaltung. Sobald der V8 nicht seine volle Kraft benötigt, kocht er deshalb nur auf vier Töpfen. Das spart im Vergleich zum konventionellen V8 im handgeschalteten Camaro immerhin einen Liter. Zum Öko wird der Ami damit aber noch lange nicht: Schon auf dem Prüfstand braucht er 13,1 Liter.

Das schlagende Argument für den Camaro ist neben dem Kultfaktor sein konkurrenzlos niedriger Preis. So billig wie in Amerika ist der rasende Rocker bei uns zwar nicht - mit seinen 38.900 Euro für das V8-Coupé und weiteren 4000 Euro Aufschlag für das Cabrio ist er aber mit Abstand der günstigste V8-Sportwagen in Deutschland.

Trotzdem bieten die Amerikaner Einiges an Ausstattung: Leder und Klimaanlage zum Beispiel sind Teil der Serie, und auch das Head-Up-Display oder die Rückfahrkamera sind stets an Bord. Allerdings müssen die Europäer auf Goodies wie zum Beispiel ein Navigationsgerät verzichten: Weil es jährlich gerade mal 1000 Fahrzeuge über den Atlantik schaffen werden, lohnt sich die Entwicklung dafür angeblich nicht. Dem Erfolg des Camaro dürften solche Unpässlichkeiten kaum im Weg stehen. Obwohl Deutschland den mit Abstand größten Teil der Europaflotte bekommt, sind schon alle Autos an die Händler verkauft, berichtet Pressesprecher Rej Husetovic: "Manche Betriebe haben gleich 70 Stück bestellt."

Kleiner Sieg für Amerikaner, schwacher Trost für Europäer

Dass der alte Kontinent jetzt fast drei Jahre auf den neuen Camaro warten musste, hat vielleicht auch etwas Gutes: Chevrolet hat die Zeit zur dringend nötigen Feinabstimmung genutzt. War das US-Modell anfangs eine lieblose Flickschusterei, wirkt die Europa-Variante schon deutlich gereifter. Innen sieht man zwar immer noch viel Hartplastik, doch ein wenig mehr Kunstleder auf den Konsolen und ein bisschen mehr Mühe bei der Montage trösten über den Sparkurs der Innenausstatter hinweg.

Und auch das Fahrwerk haben die Ingenieure deutlich verbessert. Noch immer spürbar gemütlicher abgestimmt, und nicht ganz so feinfühlig zu lenken wie ein Porsche Cayman oder BMW M3, wirkt das Coupé jetzt stabiler und lässt sich von ein paar Kurven oder Kuppen nicht mehr aus der Ruhe bringen. Da haben die vielen Testrunden auf der Nordschleife des Nürburgrings für die neue Fahrwerksabstimmung offenbar geholfen.

Dort, in der "Grünen Hölle", hat Chevrolet vor wenigen Tagen auch die letzten Zweifel an den ernsthaften Absichten des Muscle-Cars ausgeräumt: Die Sportversion ZL1 hat die Runde durch die Eifel in 7:41 Minuten absolviert und war damit nur zwei Sekunden langsamer als ein Porsche 911 Turbo. Viel haben die Europäer davon allerdings nicht: Den ZL1 wird es bei uns nicht geben.

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insgesamt 56 Beiträge
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1. Faszination Pony Cars
wanderprediger 20.10.2011
Zitat von sysopEin Auto wie ein guter*Rocksong: laut, schnell und*unangepasst.*Als Musclecar*hat*es der Chevrolet Camaro zum Mythos gebracht. Nach über zehn Jahren Pause gibt es den*Kraftmeier jetzt auch wieder offiziell in Deutschland. http://www.spiegel.de/auto/fahrberichte/0,1518,791664,00.html
Oh, was werden die Vectra- und Priusfahrer kotzen. Tolles Auto der Camaro, obwohl ich eher auf den 2012 Challenger SRT8 392 (6.4 Liter) stehe.
2. super
dorpf 20.10.2011
wenn ich das geld hätte, würde ich mir das ding auf jeden fall kaufen. super preis-leistung und optik.
3. Genau das
cor 20.10.2011
Zitat von dorpfsuper preis-leistung und optik.
..dachte ich mir auch. Mit dem Camaro fährt man nicht im Deutschen Design-Einheitsbrei mit und hat dazu noch ganz ordentlich was unter der Haube. Hat jemand Erfahrung bzgl. Haltbarkeit, Wartungskosten etc.?
4. <eom/>
SmallSmurf 20.10.2011
Zitat von cor..dachte ich mir auch. Mit dem Camaro fährt man nicht im Deutschen Design-Einheitsbrei mit und hat dazu noch ganz ordentlich was unter der Haube. Hat jemand Erfahrung bzgl. Haltbarkeit, Wartungskosten etc.?
Aber dann bitte als Import den Camaro ZL1. Wenn es schon ein amerikanischer Dampfhammer sein soll, dann aber bitte gleich richtig.
5. Schnäppchen
gvcom 20.10.2011
Zitat von dorpfwenn ich das geld hätte, würde ich mir das ding auf jeden fall kaufen. super preis-leistung und optik.
Besonders der 3,6 Ltr. mit 311 PS ist für ca. € 40.000 ein Schnäppchen und das noch dazu als Cabrio. Es muss nicht unbedingt das Spitzenmodell sein.
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Aktuelles zu

Fahrzeugschein
Hersteller: Chevrolet
Typ: Camaro Coupe
Karosserie: Sportwagen/Coupé
Motor: V8-Benziner mit Zylinderabschaltung
Getriebe: Sechsgang-Automatik
Antrieb: Heck
Hubraum: 6.192 ccm
Leistung: 405 PS (298 kW)
Drehmoment: 556 Nm
Von 0 auf 100: 5,4 s
Höchstgeschw.: 250 km/h
Verbrauch (ECE): 13,1 Liter
CO2-Ausstoß: 304 g/km
Kraftstoff: Super
Kofferraum: 384 Liter
Preis: 38.900 EUR

Schnellcheck

Chevrolet Camaro

Einsteigen: ...weil der Kraftmeier Kult ist, cool aussieht und nicht die Welt kostet.

Aussteigen: ...weil man dem Motor die 400 PS kaum glauben mag und der Verbrauch so anachronistisch ist wie das gesamte Auto.

Umsteigen: ...müsste man aus Ford Mustang und Dodge Challenger - aber die werden bei uns nicht angeboten. Deshalb heißen die Alternativen in Europa BMW M3, Audi RS4 oder Mercedes C 63 AMG.


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