Citroën Berlingo Multispace Ruhe im Karton

Keine Marketingversprechen, kein Firlefanz, dafür Alltagsnutzen vom Feinsten: Das ist der Citroën Berlingo. Die neue Variante des Kastenwagens bietet zudem eine clevere und atmosphärisch angenehme Dachkonstruktion - und mehr Stille.

Jürgen Pander

Von Jürgen Pander


Das Auto ist nicht besonders schnell, technisch allenfalls Durchschnitt und unter optischen Gesichtspunkten ziemlich abtörnend. Klingt nach einem echten Problemfall für den Hersteller. Doch genau das Gegenteil ist der Fall. Der Citroën Berlingo gehört zu den gegenwärtig meistverkauften Modellen der Marke in Deutschland, seine zweifellos vorhandenen Defizite stehen dem Erfolg offenbar nicht im Wege. Doch warum ist das so?

Eine mögliche Antwort: Weil dieser Wagen die alte Freiheitsverheißung des Automobils auf eine sehr praktische Weise erfüllt. Der Citroën Berlingo ist nämlich so geräumig gestaltet und nützlich eingerichtet, dass er im Alltag tatsächlich kaum Grenzen setzt. Dieses Auto löst zwar nicht die Aufgabe, mit 235 km/h über die Autobahn zu knallen (was nur wenigen Menschen wichtig ist), aber es ist entgegenkommend wie ein Butler alter Schule. Egal ob es gilt, Gepäck zu verstauen, Kleinkram wohlsortiert abzulegen, Kinder und auch Kinderwagen zu befördern oder eine Waschmaschine. Spontan eine Nacht im Auto verbringen? Im Berlingo kein Problem.

Nicht mit der ganzen Familie natürlich, aber zu zweit im Fond, wenn die Rücksitze komplett eingefaltet sind, ist es möglich. Und es kann, falls Decke, Kissen oder gar eine Matratze zur Hand sind, sogar richtig gemütlich werden. Wenn man das "Modutop" geordert hat (Aufpreis 890 Euro), bietet sich von der Liegefläche sogar der Blick in den Sternenhimmel, denn zu diesem Ausstattungspaket gehören neben Staufächern unterm Autodach auch vier getönte Dachfenster.

Mehr Variabilität geht eigentlich nicht

Wir sprechen hier natürlich von der Variante Berlingo Multispace, also der Pkw-Version des Hochdachkombis, der erst vor wenigen Monaten gründlich renoviert wurde. Resultat sind ein leicht verändertes Design, was aber nicht weiter wichtig ist, denn Autos dieser Klasse sind nun mal kastenförmig und ästhetisch ungelenk. Dafür gibt es im Innenraum genug zum Gucken, das schon erwähnte Modutop, die überhaupt erstaunliche Menge an Ablagen, Klappen und Staufächern, ein modernes Multimedia-System und ein maximal variable Rücksitzanlage.

Die besteht aus drei Einzelsitzen, deren Lehnen sich umklappen lassen, die dann auch noch nach vorne hochgeklappt werden sowie komplett ausgebaut werden können. Das kostet jeweils nur ein paar Handgriffe und eröffnet etliche Fond-Grundrisse, die mit einer Ladekapazität zwischen 675 und 3000 Liter einhergehen. Viel mehr geht wohl nicht in einem Auto auf der Grundfläche von 4,38 mal 1,81 Meter. Zum Siebensitzer lässt sich der Berlingo ebenfalls aufrüsten, die beiden Plätze in der dritten Reihe kosten 700 Euro Aufpreis.

So viel Freiheit bei der Innenraumgestaltung und vor allem -nutzung bieten nur wenige Autos, im wesentlichen nämlich Hochdachkombis. Und unter denen reklamiert Citroën für den Berlingo eine Ausnahmestellung, weil die 1996 vorgestellte Baureihe das Segment begründet habe. Kann man so sehen, muss man aber nicht.

Endlich Ruhe im Karton

Zu den unscheinbaren Neuerungen des aktuellen Berlingo, die aber im Alltag umso willkommener sind, zählt die deutlich verbesserte Laufruhe. Die Gründe dafür sind aerodynamische Feinarbeiten an der Außenhaut, ein besser gedämmter Motor samt Kapselung nach unten und mehr Dämmschaum in den Karosseriehohlräumen. Auch wenn die Hartplastik-Collage im Innenraum und die senkrecht aufragende, wuchtige Armaturentafel eher nach robustem Lieferwagen aussehen, das Fahrgefühl ist eindeutig Pkw-artig.

Das liegt unter anderem daran, dass der Berlingo mit dem gleichen Fahrwerk ausgeliefert wird wie der Kompaktvan Citroën C4 Picasso, lediglich der Radstand ist mit 2,73 Meter etwas länger. Zudem gibt es den stärksten Dieselmotor, den 1,6-Liter-Vierzylinder mit 120 PS, jetzt in Kombination mit einem Sechsgang-Schaltgetriebe. Das überzeugte in unserem Testwagen nicht so ganz, weil es zum Hakeln neigte. Am Motor jedoch gibt es nichts zu meckern, der Selbstzünder bringt den klobigen Wagen angemessen voran und schweift nicht allzuweit vom Normverbrauch von 4,4 Liter ab - 5,4 Liter je 100 Kilometer ergab sich als Durchschnitt bei unseren Testfahrten.

Logisch, dass der überarbeitete Motor nun die Abgasnorm Euro-6 erfüllt, das fordert der Gesetzgeber. Erreicht wird das in diesem Fall durch ein paar innermotorische Optimierungen und eine Abgasreinigungsanlage, bestehend aus Katalysator, Rußpartikel- und Stickoxidfilter. Damit Letzterer funktioniert, müssen ungefähr alle 20.000 Kilometer 17 Liter Harnstoffflüssigkeit (Adblue) nachgekippt werden.

Ja, das ist ein zusätzlicher Handgriff alle eineinhalb Jahre. Die große Freiheit, die der Wagen in den Zwischenzeiten bietet, schränkt das natürlich kein bisschen ein. So wenig sich der Berlingo Multispace als Statussymbol eignet, so viele Entfaltungsmöglichkeiten mehr als jedes andere Auto bietet er. Hochdachkombis mal ausgenommen.

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insgesamt 81 Beiträge
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Seite 1
amdorf 07.09.2015
1. Kein Vorteil
Von Aussen betrachtet freut man sich auf mehr Platz durch ein höheres Dach, aber nach dem Einsteigen stösst man vorne mit dem Kopf gegen eine überdimensionale Ablagefläche im Dach. Entfernen lässt sie sich nicht. Schilda lässt grüssen.
Zeugma 07.09.2015
2. Das wären dann bitte?
Zitat SPON: "... seine zweifellos vorhandenen Defizite ..." OK, mit 235 km/h brettern geht nicht, auch nicht mit 200 und auch nicht mit 217, 235, 259oder 276. Über die Form zu streiten ist sinnfrei. Papas feuchte Autoträume à la A6, 5er oder was auch immer sind gestalterisch Nullnummern. Nun ja. Ansonsten bleibt der Artikel ja angenehm sachlich. Ein feiner Wagen, nur etwas zu kurz vor allem als Siebensitzer; da ist der Grand Kangoo einfach besser gemacht. @ Jobuch (#1): Ja, die A-Säulen ... leider nicht nur im Berlingo ein Problem (da kann sich aufgrund der Entfernung vom Fahrer und der Dicke schon einiges dahinter "verbergen") - gibt es dazu keine Norm, die einen bestimmten Höchstwinkel an nach vorne verdecktem Raum festschreibt? Zeit wäre es.
fd53 07.09.2015
3. bitte nicht vergleichen
mit der PKW-Version vom Renault Kangoo oder gar mit dem Mercedes Citan. Die schneiden nämlich besser ab. Und der angeblich große Gepäckrum? Wenn zum Urlaubsgepäck von 3 oder gar 4 Personen noch ein Rollstuhl und ein Gehwagen dazu kommt, dann sieht man ganz schnell wie wenig 675 Liter sind. Aber wer von den jungen Redakteuren auf SPOPN hat denn heute noch Familie oder ist sogar zu viert und dann noch mit einer Person im Rollstuhl unterwegs.
monolithos 07.09.2015
4. Sehr gutes Auto
Was ist an einem Auto mit für Familien mehr als ausreichenden Fahrleistungen, Euro 6 und viiiel Platz denn "technisch allenfalls Durchschnitt", wenn man es mit real 5,4 Liter / 100 km bewegen kann? "Zweifellos vorhandenen Defizite" kann ich darin nicht erkennen, eher Vorteile, dass man bewährte und verlässliche Technik bekommt, anstatt Experimentalmotoren und -getriebe wie bei manchem selbsternannten Premiumhersteller. Lediglich eine Elektrovariante mit RangeExtender (müsste in dieser Fahrzeuggröße doch unterzubringen sein) und eine Langversion wie beim Renault Kangoo wäre schön.
verbal_akrobat 07.09.2015
5. Einbauschrank mit Rundungen?
Gestern saß ich erstmals im neuen Ford Mustang, GOIL- finde den Citroen aber auf seine Art genau so gut und Chic!!! Nehmen Sie mal her Spon Schreiberling die deutschen mißratenen KFZ ala MB A Klasse usw. mit ihrer Wortwahl unter Beschuss... OK!
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