Autogramm Citroën C3 Der kunterbunte Kontrollfreak

So durchtrieben können Kleinwagen sein: Der Citroën C3 ist zwar ziemlich farbig, bewegt sich aber im Graubereich - er hat ab Werk eine Kamera installiert, die während der Fahrt ständig mitläuft.

Citroen

Der erste Eindruck: Ist der noch gar nicht ausgepackt? Die Flanken des neuen Citroën C3 sehen aus, als wären sie mit Luftpolster-Folie beklebt. Doch diese sogenannten Airbumps sind natürlich Absicht und sollen vor Parkremplern schützen.

Das sagt der Hersteller: Der C3 hat sich seit seiner Premiere 2002 mehr als 3,5 Millionen mal verkauft und ist damit das zweiterfolgreichste Modell der Firmengeschichte - nach dem "Ente" genannten 2CV. Markenchefin Linda Jackson setzt deshalb große Hoffnungen in die Neuauflage des kleinen Autos.

Um die alten Kunden bei der Stange zu halten und neue zu erobern, baut Citroën beim C3 auf vier Faktoren, erläutert Unternehmenssprecher Baptiste Plaine: Das Design, den Komfort, neue Technologien sowie eine schier grenzenlose Gestaltungsvielfalt. Allein 36 Kombinationen aus Seiten- und Dachfarbe sind möglich.

Das ist uns aufgefallen: Zum einen natürlich das unverwechselbare Design mit den prägnanten Airbumps und der hohen Frontpartie, zum anderen aber auch das für einen Kleinwagen ziemlich mutig gestaltete Innere. So einen individuellen Auftritt wie ihn der C3 hinlegt, kennt man sonst nur von teureren Lifestyle-Flitzern wie Mini oder Opel Adam, nicht aber von Mainstream-Modellen mit Millionenauflage.

Ein Beispiel sind die Sitze, die mit breiten Polstern und den eigenwilligen Seitenwangen an Wohnzimmersessel erinnern. Sie mögen zwar nicht den besten Seitenhalt bieten, sind dafür aber ungeheuer bequem. Oder das omnipräsente Viereck: Außen sind die Luftpolster in dieser Form gestaltet und innen wird das Format zum Running-Gag in den Türtafeln oder an den Ausströmern der Klimaanlage. Und wo herkömmliche Autos einen Türgriff haben, öffnet man den C3 von innen mit einer Lederschlaufe, wie man sie von Koffern kennt.

Dank dieser fantasievollen Details sieht man dem Kleinwagen sogar das viele Hartplastik nach. Auch der große, frei im Cockpit stehende Touchscreen lenkt den Blick von scharfen Kunststoffgraten und Billigmaterialien ab.

In diesem Video kann man einen Blick in den Wagen werfen:

Tom Grünweg

So unkonventionell Auftritt und Ambiente des C3 sind, so gewöhnlich sind Ausstattung und Antrieb. Bestellbar sind zwar ein Dutzend Style-Pakete mit allerlei Farbklecksen für außen und innen, aber nur wenige Assistenzsysteme. Warnsysteme zur Überwachung des toten Winkels sowie beim Verlassen der Fahrspur sind darunter, eine Rückfahrkamera ebenso. Das war's schon.

Unter der Haube gibt es Massenware. Immerhin ist der C3 betont weich und komfortabel abgestimmt und fühlt sich dadurch viel erwachsener an, als man es einem 3,99-Meter-Auto zutraut. Zumindest im Stadtverkehr. Jenseits des Ortschilds jedoch wird die beim Rangieren noch wunderbar leichte Lenkung eher lästig und man würde sich in Kurven mehr Verbindlichkeit im Fahrwerk wünschen.

So verfestigt sich der Eindruck, dass Citroën beim C3 zwar vieles anders gemacht hat als die Konkurrenz, aber eben damit nicht automatisch auch alles besser. Das merkt man nicht zuletzt, wenn man hinten einsteigt, wo die Beinfreiheit zwar etwas größer geworden ist, dafür aber die Sitzbank schmaler. Und die Fondfenster lassen sich auch kaum mehr als bis zur Hälfte öffnen. Der Kofferraum fasst mit 300 Liter Gepäck mehr als bei den meisten Konkurrenten, doch leider ist auch die Ladekante konkurrenzlos hoch.

Das muss man wissen: Der Citroën C3 kommt in Deutschland am 21. Januar in den Handel und kostet mindestens 11.990 Euro. Es gibt ihn mit drei Leistungsstufen eines 1,2 Liter großen Benziners von 68 bis 110 PS, der wie alle Dreizylinder ein bisschen schnattert, dafür aber um so quirliger zur Sache geht.

Alternativ bietet Citroën zwei Vierzylinder-Diesel mit 1,6 Liter Hubraum und 75 oder 99 PS an, die aber schon vor dem Selbstzünder-Stimmungstief kaum nachgefragt wurden. Das wird sich beim Generationswechsel wohl kaum ändern - vor allem, weil die Dieseltypen um gut 2000 Euro teurer sind.

Das werden wir nicht vergessen: Die kleine Kamera hinter dem Innenspiegel des C3, die sogenannte Connected Cam. Während andere Hersteller diese Sonderausstattung für die Abstandsregelung oder zur Fußgängererkennung einsetzen, nutzt Citroën sie für Schnappschüsse oder Videos, die per Knopfdruck auf Facebook & Co. verbreitet werden können.

Diese Anwendung erscheint zunächst sinnfrei und bewegt sich obendrein in einer juristischen Grauzone, weil der Einsatz sogenannter Dashcams in Deutschland umstritten ist. Stellt man die selbstgedrehten Videos in soziale Netzwerke und macht sie damit öffentlich, können andere Verkehrsteilnehmer, die darauf zu sehen sind, unter Umständen eine Verletzung ihrer Persönlichkeitsrechte geltend machen.

Citroën führt die Betriebsgenehmigung für die Kamera auf die Verwendung einer speziellen App zurück, die man zum Herunterladen der Videos benötigt. Während man Fotos mit einem Knopf an der Kamera selbst auslösen und direkt ins Netz schicken kann, muss man für eine Videoaufnahme eine Auswahl von in 90 Sekunden getakteten Videosequenzen treffen, diese über eine WiFi-Verbindung auswählen und auf dem Telefon sichern. Andernfalls wird das Gefilmte automatisch überspielt.

Nützlich können die Aufnahmen dann werden, wenn sie als Beweismaterial bei strittigen Unfällen dienen. Zwar müssen dazu bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein, aber grundsätzlich ist das möglich. Und damit im Falle eines Crashs auch wirklich ein Video vorliegt, sichert die Technik des C3 ungefragt Situationen, die sie als kritisch einstuft. Diese erkennt sie anhand eines sogenannten Aufprallsensors - gespeichert werden dann automatisch die 30 Sekunden vor dem Signal und die 60 Sekunden danach.

Wer ein bisschen für Datenschutz sensibilisiert ist, wird die Kamera als ein Ärgernis ab Werk empfinden. Zumindest lässt sich die Funktion auch komplett abschalten. Zweifelsohne ist dieser Kleinwagen in jeder Hinsicht ein Hingucker.

Fahrzeugschein
Hersteller: Citroen
Typ: C3 (2016)
Karosserie: Kleinwagen
Motor: Dreizylinder-Benziner
Getriebe: Fünfgang-Schaltgetriebe
Antrieb: Front
Hubraum: 1.199 ccm
Leistung: 82 PS (60 kW)
Drehmoment: 118 Nm
Von 0 auf 100: 15,9 s
Höchstgeschw.: 173 km/h
Verbrauch (ECE): 4,7 Liter
CO2-Ausstoß: 108 g/km
Kofferraum: 300 Liter
Gewicht: 1.051 kg
Maße: 3996 / 1829 / 1474
Preis: 12.890 EUR
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insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
kloppskalli 19.10.2016
1. Airbumps / Kratzerschutz
geil, kann ich bitte das ganze Auto mit Gummi-Panzerung haben? :)
franky_24 19.10.2016
2. Parkrempler ...
Die meisten Parkrempler die ich kenne sind an den vorderen oder hinteren Stoßfängern. Diese haben aber keine dieser seltamen Airbumps. Denke die Funktionalität ist hier eher zweitrangig, zumal sie auf der unteren abfallenden Türflanke sitzen und somit auch nicht gegen Türrempler in engen Parklücken nützen. Was aber witzig ist ... eine Kamera für 300 Euro die mir Bilder macht, auf welchen zu 1/4 nur die Motorhaube zu sehen ist. Supi.
flytogether 19.10.2016
3. Ich frage mich
Warum die letzten 30 Sekunden Aufzeichnung vor einem Unfall nicht schön längst gesetzlich vorgeschrieben sind.
klaviermann 19.10.2016
4. Big Brother is watching you!
in der Einleitung: "...er hat ab Werk eine Kamera installiert, die während der Fahrt ständig mitläuft." am Ende des Textes: "Zumindest lässt sich die Funktion auch komplett abschalten." in einer Bildunterschrift: "Die Kamera kostet 300 Euro Aufpreis." Da fehlen mir jetzt echt die Worte.
patrick6 19.10.2016
5. Mainstream
Mini und Adam sind nicht Mainstream? Das sehe ich aber anders. Die sind absolut Mainstream, besonders Mini.
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