Citroën eMehari Urlaubsreifen

Vor fast 40 Jahren schuf Citroën mit dem Mehari ein schlichtes Strandmobil. Nun soll der eMehari als elektrische Neuauflage wieder Herzen erobern. Erst stellt er seine Insassen auf die Probe - dann geht es ab in den Urlaub.

Wolfgang Groeger-Meier

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Der erste Eindruck: Endlich hat jemand das Playmobilauto nachgebaut. In Lebensgröße.

Das sagt der Hersteller: Citroën-Pressesprecherin Susanne Beyreuther versucht sich gar nicht erst mit hochtrabenden Absatzprognosen: "Der Wagen ist ideal für Autovermietungen in Ferienregionen", sagt sie. Klar, man kann den Wagen auch als Privatperson bei seinem Händler ordern, aber Beyreuther gibt sich keinen Illusionen hin: "Der eMehari wird wohl höchstens als Dritt- oder Viertwagen angeschafft. Von Kunden, die finanziell sehr gut ausgestattet sind."

Warum aber baut Citroën dann überhaupt so ein Auto? Wegen großer Gewinne sicher nicht. "Der eMehari ist für uns kein Zuschussgeschäft, aber natürlich auch kein Umsatzbringer", so Beyreuther. Vielmehr ist der eMehari Teil der neuen Markenstrategie von Citroën: Von den Erfolgen mit dem DS3 und dem anderer DS-Modelle bestätigt, soll die Sub-Marke DS das neue Luxuslabel des Herstellers werden. Unter dem Namen Citroën werden hingegen künftig die günstigeren Modelle verkauft. Diese sollen aber nicht mehr so beliebig sein wie es Citroën-Modelle lange Zeit waren, sondern eher wie der sehr erfolgreiche Cactus. Also "frech, jung, unkonventionell", wie es Beyreuther ausdrückt. Der eMehari soll diese Botschaft in die Welt tragen.

Das ist uns aufgefallen: Der Wagen sieht nicht nur wie ein Playmobil-Auto aus, er fühlt sich auch so an. Das Interieur ist eine einzige Hartplastikwüste mit scharfkantigen Lüftungsklappen und einer scharfkantigen Lenksäulenverkleidung. Selbst die in Wagenfarbe lackierten A-, B-, und C-Säulen, das entpuppt sich bei genauerem Hinsehen, sind nicht aus Blech, sondern aus Kunststoff. Immerhin handelt es sich nur um eine Verkleidung, darunter sind stabilere Stahlrohrsäulen.

Was bei anderen Fahrzeugen als Unding gewertet würde, folgt hier der Tradition: Schließlich war der Ur-Mehari, zwischen 1968 und 1987 auf Basis der Dyane in einer Auflage von knapp 150.000 Stück als kompromissloses Freizeitmobil gefertigt, ebenfalls nur eine karg ausgestattete Kunststoffwanne auf Rädern.

Plastikwanne: Der Mehari von 1968
Citroen

Plastikwanne: Der Mehari von 1968

Der Kopf sagt also: "Das ist okay", das Herz wundert sich weiter über die krude, wild zusammengewürfelte Einrichtung. Das Armaturenbrett nämlich ist seltsamerweise wieder unterschäumt und wirkt vergleichsweise edel. Genau wie die Knöpfe zur Wahl der Fahrstufe, die aussehen, wie aus einem Hightech-Fahrstuhl geklaut: sie thronen auf einem Sockel aus schmucklosem schwarzem - genau, Hartplastik.

Auch das Fahrverhalten wirkt anfangs seltsam. Bei den meisten anderen Elektroautos scheint der Antrieb wie die Krönung des kommoden Fahrens: lautlos, vibrationsarm, geschmeidig. Im eMehari ist das anders. Weil der Wagen komplett offen ist, fällt einem hier erst einmal auf, wie laut ein E-Motor pfeifen kann. Jeder Gullideckel schickt außerdem eine deutliche Botschaft durch die wegen des fehlenden Daches offenbar wenig verwindungssteife Karosserie. Das Fahrgefühl ist entsprechend: eher Golf-Kart als Auto.

Aber wenn man nur lang genug in dem Wagen sitzt, findet man sich irgendwann damit ab, dass es sich hier nicht um ein richtiges Auto handelt. Dann nimmt einen der Charme des eMehari ein: Der Alltagsnutzen tendiert gegen null, dafür ist der Freizeitwert hoch - die bunten Sitzbezüge, auf die man wegen der niedrigen Seitenwände zur Not auch über geschlossene Türen hüpfen kann, sind aus Neopren. Der komplette Boden ist mit Gummimatten ausgelegt, und der Wagen hat im Boden einen Ablauf: Wenn man also nicht gerade mit dem Hochdruckreiniger auf die Elektronik hält, kann man den Wagen problemlos ausspülen. Noch so eine Gemeinsamkeit mit einem Spielzeugauto.

Sitzbezüge aus Neopren, einfach abwaschbar
Citroen

Sitzbezüge aus Neopren, einfach abwaschbar

Das muss man wissen: Der eMehari entsteht in Kooperation mit dem französischen Hersteller Bolloré. Der unterhält in Paris eine Flotte von Elektro-Mietwagen und steuert unter anderem das Batterie-Know-how zum eMehari bei. Der Wagen kostet laut Liste 27.000 Euro und ist ab Juli 2016 bestellbar. Zusätzlich fällt eine monatliche Batteriemiete von 87 Euro an. Der Akku - die Reichweite ist laut Hersteller 200 Kilometer - bleibt also faktisch Eigentum von Bolloré. Das hat auch Vorteile: Sollte es Probleme damit geben, erhält der Kunde Ersatz - ohne sich an den Kosten für neue Zellen, Recycling oder Ähnliches beteiligen zu müssen.

Das Grundgerüst des eMehrari besteht aus einem Stahlrohr-Chassis. Der Wagen wird in einer Kleinserie von rund tausend Stück pro Jahr gefertigt und muss deswegen keine Crash-Normen erfüllen. Airbags sind zwar theoretisch nachrüstbar, in der Serienversion aber nicht erhalten.

Ein Stoffdach lässt sich wie beim Vorbild Mehari anknöpfen, die Scheiben werden dann einfach in die Tür gesteckt. Im Kofferraum gibt es eine abschließbare Luke, in die ein etwas größerer Rucksack passt. Es gibt eine Heizung, ein kleines, in der Sonne schlecht ablesbares Display, auf dem Geschwindigkeit und Akkustand angezeigt werden und serienmäßig eine Bluetooth-Audi/Freisprechanlage von Parrot, außerdem Zwölf-Volt-Zigarettenanzünder und USB-Anschluss. Eine Klimaanlage ist als Extra erhältlich - wer braucht bei so einem Auto eine Klimaanlage?

Das werden wir nicht vergessen: Erst mal fremdelten wir wegen der Ausstattung und des Fahrverhaltens etwas mit dem eMehari. Doch schon anderthalb Stunden Testfahrt bei Sonnenschein über eine deutsche Nordseeinsel änderten das. Was eben noch Arbeit war, wurde plötzlich zu Ferien im Spielmobil. Über verwinkelte Bergstraßen Mallorcas surren, an griechische Strände düsen, vollkommen offen unter Mittelmeerpalmen entlangflitzen - der Film im Kopf zeigte immer neue Urlaubsbilder.

Und die Passanten liebten den Wagen. "Geil, was ist das?", wurden wir gefragt, wann immer wir mit dem Wagen irgendwo stehen blieben. Und: "Wo kann man den mieten?" Und plötzlich erschien eine berufliche Neuausrichtung gar keine so blöde Idee. Fünf eMeharis, irgendeine Insel - fertig ist der Kleinunternehmer.

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insgesamt 37 Beiträge
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thrust26 11.06.2016
1. ...die in Wagenfarbe lackierten A-, B-, und C-Säulen?
Ich sehe auf den Fotos: Die Wagenfarbe ist türkis, die drei Säulen sind silber.
ahloui 11.06.2016
2. 27.000???
Die spinnen total. Jeder, der soviel für so wenig ausgibt, leidet entweder an Profilneurose oder ist schlichtweg bekloppt.
barlog 11.06.2016
3.
Wie lange wird dauern, bis jemand erklärt, warum er dieses Auto als zu teuer, zu unpraktisch und überhaupt das ganze E-Konzept als Irrweg empfindet?
Oberleerer 11.06.2016
4.
Ich sehe hier eigentlich fast schon den Suzuki Samurai. Dieser war als billiges Freizeitmobil in den Urlaubsregionen sehr beliebt. Elektro wäre für die Ferienregionen mehrfach vorteilhaft, keine Abgase, kein Lärm an der Promenade und 150km sollten ausreichen. Einzig die Geländetauglichkeit ist so ein Thema. Einerseits darf man in D sowieso nirgends durch den Wald, übers Feld oder gar an den Strand, andererseits läßt es sich oft nicht vermeiden, einen schlecht planierten, verschlammten Parkplatz oder Campingplatz aufzusuchen.
Frank Zi. 11.06.2016
5.
Zitat von ahlouiDie spinnen total. Jeder, der soviel für so wenig ausgibt, leidet entweder an Profilneurose oder ist schlichtweg bekloppt.
Das Auto ist, wie auch der Hersteller sagt, als Dritt- oder Viertwagen gedacht. Sie sind wohl nicht die Zielgruppe. "Der eMehari wird wohl höchstens als Dritt- oder Viertwagen angeschafft. Von Kunden, die finanziell sehr gut ausgestattet sind." Ideal, um sich 1-2 davon als Spassmobile in die Garage des Ferienanwesens zu stellen.
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