Citroën Grand C4 Picasso im Test Fahrendes Familienfest

Platz muss er bieten, auch sonst praktisch sein und sparsam: Der Familienvan ist der Inbegriff des Vernunftautos. Sex-Appeal? Ästhetik? Vollkommen egal, denkt man beim Anblick der Pampersbomber-Flotte. Doch zum Glück gibt es Ausnahmen.

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Ein kleines Detail entlarvt den Grand C4 Picasso sofort als Familienkutsche. Wer in den Rückspiegel guckt, entdeckt über dem noch einen zweiten, kleineren, konvexen Rückspiegel. Jeder, der schon mal eine längere Strecke mit zankenden Kindern auf der Rückbank zurückgelegt hat, weiß, dass Feindbeobachtung das A und O ist.

Auch sonst macht der Picasso aus seiner Bestimmung kein Geheimnis. Es gibt ausfahrbare Jalousien in den hinteren Seitenscheiben, die peinliche Saugnapf-Sonnenschirme überflüssig machen. Auf die Rückbank passen problemlos drei Kindersitze nebeneinander. Zusätzlich gibt es, zumindest auf Wunsch, ausklappbare Sitze im Kofferraum, also Reihe drei. Dorthin lassen sich besonders unfriedliche Kinder im Notfall verbannen, wahlweise nimmt der so zum Siebensitzer mutierte Mini-Van auch die halbe Fußballjugend auf dem Weg zum Auswärtsspiel auf. Außerdem bietet der Grand C4 Picasso zahlreiche Staufächer, in denen man Krempel erst verstauen und dann vergessen kann.

Irgendwie anders

Es gibt vieles am Grand C4 Picasso, was gut zum Konzept des Vernunftautos passt. Der in unserem Testwagen verbaute 115-PS-Diesel ist kein Triebwerk, das Gefühlsausbrüche hervorruft - weder im positiven, noch im negativen Sinne. Es reicht locker, um im Verkehr mitzuschwimmen, und ist angenehm genügsam beim Verbrauch. Das Fahrwerk ist weder bemüht sportlich ausgelegt, noch unangenehm weich. Es passt schlicht zum Charakter des Autos. Die Materialanmutung ist ordentlich, die Bedienung (bis auf den Tempomaten) intuitiv.

Ein ganz normales Familienauto also? Nicht ganz.

Unangenehm ist uns das Automatikgetriebe in Erinnerung geblieben. Die Bedienung über den filigranen Wahlhebel rechts hinter dem Lenkrad ist dabei nicht das Problem. Es sind die Schaltvorgänge, die irritieren. Sie dauern nämlich so lang, dass man sich bei normalem Umgang mit dem Gaspedal schnell fühlt wie auf dem Rücken eines Kamels: Erst wird man vom Drehmoment des Diesels in den Sitz gedrückt, dann wirft der Automat den Gang raus, die Beschleunigung reißt abrupt ab, und man hängt plötzlich vorn im Gurt. Wenn man den Schaltvorgang unfreiwillig abgenickt hat, wird man vom wiedereinsetzenden Drehmoment erneut in den Sitz geworfen.

Der Tritt ins Leere

Das Ganze lässt sich durch einen zarten Umgang mit dem Gaspedal mindern, insofern könnte man die Schaltcharakteristik wohlmeinend als Erziehungshilfe zu einer sparsamen Fahrweise betrachten. Unschön wird es allerdings, wenn spontaner Einsatz gefragt ist, zum Beispiel beim Überholen: Ein Kickdown ist nämlich für das Getriebe auch ein Gangwechsel, der erst nach einer scheinbar endlosen Gedenksekunde ausgeführt wird. In der Praxis bedeutet das: Man tritt aufs Gaspedal, und es passiert - nichts.

Abgesehen vom Automatikgetriebe, der etwas umständlichen Bedienung des Bordcomputers und dem Navi, das eigensinnige Routenvorschläge bereithält, gibt es am Picasso wenig zu beanstanden. Dafür gibt es zwei Dinge, durch die sich der französische Pampersbomber angenehm von seinen Artgenossen unterscheidet.

Da ist zum einen das große, in der Mitte des Armaturenbretts untergebrachte Cockpit. Die ersten Kilometer überrascht der Blick nach vorn noch. Keine Instrumente, Schalter, Displays, sondern nur die Straße. Doch genau das ist angenehm. Diese Philosophie der Minimierung wurde auch beim Cockpit selbst angewandt. Natürlich kann man sich auf Knopfdruck alle gängigen Daten wie Drehzahl, Durchschnittsverbrauch etc. einblenden. Es gibt aber auch eine Einstellung, bei der nur der Tacho und die wichtigsten Informationen angezeigt werden. Der deutliche größere Teil des Bildschirms zeigt dann das Bild eines Bergseepanoramas. Diese Einstellung empfehlen wir dringend - sie entspannt.

Wider die Vernunft

Viel wichtiger als das zentrale Cockpit jedoch ist ein anderer Punkt: Die Optik, das Design des Autos. Die Entscheidung für den Kauf eines Familien-Vans ist in der Regel ja die letzte Entsagung in einer langen Reihe von Abschieden. Zuerst entscheidet man sich gegen die schöne, aber unpraktische Altbauwohnung in Stadtlage und zieht in ein Reihenhaus am Stadtrand. Dann steht das Bye-Bye zu ausschweifenden Partynächten auf dem Plan, stattdessen warten Nachmittagsfeste mit anderen Kita-Eltern. Irgendwann erreicht der Vormarsch der Vernunft auch die Wahl des Autos. Mit "der ist so praktisch" versucht man die Entscheidung für eines dieser gesichtslosen Vernunftmobile dann vor sich zu rechtfertigen.

Der Picasso ist anders. Er wirkt ein bisschen wie die Neuinterpretation des Citroën-Designs aus den Sechziger- und Siebzigerjahren, als die französischen Flundern aussahen, wie gerade aus dem All gelandet. Auch der Grand C4 Picasso erinnert an ein Raumschiff, auf jeden Fall hat er ein vollkommen eigenständiges Design. Ja, er ist ein Familienvan und macht daraus auch keinen Hehl - aber er lässt einem im neuen Kosmos der Vernunft ein kleines bisschen Restwürde.



insgesamt 78 Beiträge
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eta1 24.10.2014
1. Schöner Wagen
Normalerweise bin ich absolut kein Citroen Fan. Aber ich muss gestehen, der Wagen gefällt mir. Außen wie innen! Gelungenes Fahrzeug. Leider fehlt der Preis im Artikel...
larry_lustig 24.10.2014
2. Hat der Autor das Auto wirklich gefahren
Die Fehler sind ja wohl gravierend - eine zu spät ansprechende Automatik - ein schlechtes Navigationssystem - ein Cockpit, welches nicht im direkten Sichtbereich des Fahrers liegt (ich hatte das Nicht-Vergnügen, den Vorgänger ein Jahr zu fahren -> an den Display-Platz konnte ich mich nie gewöhnen)
123egal 24.10.2014
3. Geschmackssache
Naja, die Frontansicht des C4 sieht aus, als hätte man hier zwei Autos zusammengepresst. Aber Citroen ist da schon immer sehr eigene Wege gegangen. Beim Foto über die Staumöglichkeiten hätte ich zudem ein anderes Motiv gewählt....jeder, der Kinder hat, weiß, das die Kinder da was anderes reinstopfen wollen als den Verbandskasten. Zudem sind 115 PS bei einer vollen Beladung mit 7 Personen schon mager. Auf eine flotte Beschleunigung kann man da nicht mehr hoffen.
andreas.s 24.10.2014
4. Klischee
Wenn ich meine Würde unter anderem darüber definiere wie mein Auto aussieht, und dann auch noch das GEfühl habe das meine Familie mir meine Würde raubt, dann sollte ich vielleicht doch lieber nicht so einen Wagen kaufen, sondern irgendwas kleines, schnelles mit dem ich abhauen kann. Vermutlich ist meine Frau dann als Alleinerziehende besser dran, die Kinder also die Ursache meines Würdeverlusts erst recht!
orbit72 24.10.2014
5. Schlechtestes Getriebe der Welt
Es ist schon so, dass Citroen mit der DS-Reihe und auch diesem Auto design-mäßig große Würfe gelungen sind, die aus dem Einerlei der Kompaktwagen sehr positiv heraus stehen - wenngleich die niedrigen Dachlinien oft zu schlechter Rundumsicht und einem höhlenartigen Innenraum führen. So gar nicht zu dieser dynamischen Formensprache wollen hingegen die Automatikgetriebe, im DS3 sogar mit Schaltwippen zu bekommen, passen; ich habe noch nie eine derart mißgeratene, schlecht abgestimmte, im Überholvorgang schon fast gefährliche Schaltbox kennengelernt, wie diese bei Citroen! Ein Jammer und eine verpasste Chance - denn optisch gibt es, bei der aktuellen Retro-Welle im Automobilbau, kaum einen Hersteller, der moderner und zeitgemäßer daher kommt. Dieses Getriebe aber ist ein Killer und ein Ausschlusskriterium!
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