Corvette ZR-1: Vollgas-Therapie für GM

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Früher galt das US-Coupé Corvette vor allem als ungehobelter Kraftmeier, dessen mieses Image nur vom schlechten Ruf der Besitzer übertroffen wurde. Doch allmählich mausert sich die US-Legende zum ernsthaften Sportwagen. SPIEGEL ONLINE fuhr jetzt die Extrem-Version ZR-1.

Corvette ZR-1: Geschärft am Nürburgring Fotos
Tom Grünweg

Mitten in der tiefsten Krise der US-Autoindustrie schickt sich ausgerechnet General Motors an, mit der Corvette ZR-1 den Thron der Supersportwagen zu erobern. Zwar werden einige tausend verkaufte Exemplare des PS-Protzes nichts an der der katastrophalen Kassenlage ändern, aber für das angekratzte Selbstbewusstsein des rostigen Riesen kommt die stärkste Corvette aller Zeiten gerade recht. In den USA gibt es den Wagen bereits zu kaufen, nun beginnt - in homöopathischer Dosierung - auch die Auslieferung in Europa. SPIEGEL ONLINE war mit einem der ersten Exemplare unterwegs.

In Fahrt bringt die ZR-1 ein V8-Motor, der mit 6,2 Liter Hubraum eigentlich viel zu voluminös wirkt für den Namen Smallblock. Statt einer Leistung von 436 PS wie im Serienmodell, erreicht die Maschine in diesem Fall mit Hilfe eines Kompressors 647 PS und maximal 817 Nm Drehmoment; Werte, die locker für die Aufnahme in den illustren Club der Supersportwagen reichen. Einen Lamborghini Gallardo, einen Porsche 911 GT2 oder eine Dodge Viper jedenfalls muss die Corvette ZR-1 mit einem Sprintwert von 3,6 Sekunden und einem Spitzentempo von 330 km/h nicht mehr davon fahren lassen.

Zum erstarkten Motor kommt ein leicht aufdringlicher Auftritt. Mit Hilfe spezieller Schallklappen in den vier Endrohren wird das Motorengeräusch brummiger und vor allem lauter als üblich. Die Karosserie, weitgehend aus Aluminium und Karbon geformt, bildet scheinbar Muskelpakete ab und sieht etwas übertrieben aus. Absoluter Clou und einer der derzeit schrillsten Styling-Gags in der Autobranche ist ein Schaufenster in der Motorhaube, durch das man auf den Achtzylinder-Block blickt sieht wie ein Chirurg aufs offene Herz.

Leider war die Phantasie der Designer bei der Gestaltung des Innenraums wohl schon aufgebraucht. Die Platzverhältnisse sind zwar üppig, die Sitze für einen so rasanten Sportwagen überraschend bequem, die Ausstattung mit Klimaanlage, Navigationssystem und Head-Up-Display sehr ordentlich, und auch mehr als 600 Liter Kofferraumvolumen bietet kein anderer Rennstrecken-Kandidat. Doch besonders edel wirkt das Interieur trotz Karbon- und Lederverkleidung nicht, und das ZR-1-Logo in den Instrumenten und auf dem Schaltknauf ist kein Ausweis sprühenden Ideenreichtums.

Stark motorisiert war die Corvette schon immer, doch in diesem Fall weiß das Auto mit der Kraft auch umzugehen. Präzise jagt die Flunder durch die Kurven und bleibt dabei auch bei sehr hohen Geschwindigkeiten gut kontrollierbar. Außerdem sorgen die mit einem Durchmesser von 33 Zentimetern größten Keramik-Bremsscheiben, die der Zulieferer Brembo derzeit im Programm hat, für Verzögerungswerte, wie sie sonst wohl nur Kampfjets bei der Landung auf einem Flugzeugträger erreichen.

Teures Stück Technik

Großartigen Federungskomfort darf man natürlich nicht erwarten, wenn sich die 335er Walzen auf den hinteren 20-Zoll-Felgen in den Asphalt beißen. Doch haben die Amerikaner ein Herz für Langstreckenfahrer und deshalb gibt es serienmäßig ein adaptives Magnetic-Ride-Fahrwerk sowie einen Drehschalter auf der Mittelkonsole, mit dem der Fahrer in den so genannten Tour-Modus wechseln kann. Zur Sänfte wird der Sportler auch dann nicht - aber zumindest überrollt er dann die Querfugen auf der Autobahn etwas aufmerksamer.

Dass die Corvette bei Tempo 200 auf der linken Spur den kräftigen Cruiser gibt und einen Gasstoß später zum Rennwagen mutiert, liegt vor allem an der aufwändigen Abstimmungsarbeit. "Mehr denn je wurde der Wagen getestet und war immer wieder auf der Nordschleife unterwegs", sagt Patrick Herrmann, der als deutscher Ingenieur die Entwicklung begleitet hat.

So wurden nicht nur Fahrwerk, Motorelektronik und die Schallklappen im Auspuff auf den deutschen Geschmack getrimmt, sondern auch die Erfahrungen des Corvette-Teams aus der GT2-Rennserie übernommen. Der Aufwand zahlt sich aus: Keine andere Corvette lässt sich so präzise auf der Ideallinie halten. Und mit dem entsprechenden Fahrer sei auch kein anderes Auto schneller, behauptet Herrmann. "Mit 7:26:4 Minuten hält die ZR-1 den Rekord auf der Nordschleife."

Derlei Raserei-Potenzial hat jedoch einen hohen Preis. Das gilt noch nicht einmal so sehr für den Verbrauch, der offiziell bei 15,0 Litern liegt und nach einer durchaus ambitionierten Testfahrt mit 16 Litern berechnet wurde. Richtig schlucken müssen Corvette-Interessenten vielmehr beim Kauf, wenn der Händler mindestens 135.990 Euro aufruft. Auf Verhandlungsspielraum darf man selbst in der aktuellen Krise kaum hoffen. Denn bei lediglich 50 Autos für Europa noch in diesem Jahr und vielleicht 150 Exemplaren 2010 wird ein Entgegenkommen der Händlerschaft kaum nötig sein.

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Fahrzeugschein
Hersteller: Corvette
Typ: ZR-1
Karosserie: Sportwagen/Coupé
Motor: V8-Benziner- Kompressor
Hubraum: 6.162 ccm
Leistung: 647 PS (476 kW)
Drehmoment: 819 Nm
Von 0 auf 100: 3,6 s
Höchstgeschw.: 330 km/h
Verbrauch (ECE): 15,4 Liter
CO2-Ausstoß: 355 g/km
Preis: 135.990 EUR


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