Dacia Logan MCV Proletariat statt Premium

Die Geiz-ist-Geil-Welle ebbt ab. Doch die Formel "viel Auto für wenig Geld" geht immer auf. Das beweist die rumänische Marke Dacia. Denn nach der Limousine punktet nun auch ein geräumiger Kombi zum Ramschtarif. Prestige hat er wenig, aber dafür Platz ohne Ende.

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Ein bisschen komisch fühlt man sich anfangs schon, wenn auf dem Hof ein Dacia Logan steht. Was werden die Nachbarn jetzt denken, schießt es einem durch den Kopf. Gestern noch Mittelklasse und heute automobiles Proletariat? Dabei liest man doch allerorten vom Aufschwung, der Deutschland in neue Höhen treibt. Aber warum sollte man für ein Auto mehr ausgeben, als unbedingt nötig, würden kopfgesteuerte Menschen antworten, die immun sind gegen die Macht von Marketing und Markenimage. Solche Menschen sind es, denen Renault den Erfolg des Dacia Logan verdankt.

Denn das Billigauto aus Rumänien ist nicht nur ein Renner in Mittel- und Osteuropa, sondern verkauft sich auch in Deutschland besser, als die Franzosen erwartet haben. Im letzten Jahr waren es 6290 und in den ersten vier Monaten dieses Jahres bereits 4623 Zulassungen, mit denen der Logan sogar den Renault Laguna klar abhängt (1605 Neuzulassungen).

Und das war erst der Anfang. Denn bis vor kurzem gab es den Preisbrecher ausschließlich in der Version mit Stufenheck. Doch seit ein paar Monaten kommt aus Pitesti auch eine zweite Karosserievariante, die gleichermaßen die Stammkunden von Kombis und Großraumlimousinen anspricht: Eine Art Kombi-Van, der mehr Platz fürs Geld bietet, als jedes andere Auto in Deutschland. Denn gemessen am Grundpreis von 8400 Euro wirken selbst die meisten Gebrauchtwagen der europäischen Wettbewerber hoffnungslos überteuert.

Für die tragende Rolle der zweiten Modellvariante haben die Designer aus dem Stufenheck nicht einfach nur einen großen Kasten gemacht, sondern zudem Platz für eine dritte Sitzreihe geschaffen und das Dach so weit angehoben, dass man innen mehr Kopffreiheit genießt als in einem Londoner Taxi. Und wo andere Lastenträger eine schnöde Heckklappe haben, gibt es hier - wie bei einem Kleintransporter - zwei seitlich angeschlagene Türflügel, die man auch in engen Parklücken bequem öffnen kann.

Kein Schönling, aber ein Raumriese

Eine Schönheit ist zwar auch die zweite Spielart des Logan nicht, doch lassen ihn das geriffelte Dach, das riesige Heck und die großen Fenster wenigstens so praktisch aussehen, wie er tatsächlich ist. Denn immerhin haben die Entwickler den Radstand um 27 und die Gesamtlänge um 20 Zentimeter gestreckt und so ein maximales Kofferraumvolumen von 2350 Litern ermöglicht, das den Logan zum ungekrönten König an Rudis Resterampe macht. Wer die Rückbank nutzen möchte, kann dahinter noch immer 700 Liter laden. Und selbst nach dem Kauf der dritten Sitzreihe für bescheidene 450 Euro bleiben noch knapp 200 Liter Stauraum übrig.

Allzu hoch dürfen freilich die Erwartungen an den Kombi nicht sein. Nach wie vor ist der Wagen die rollende Entsprechung zum sozialen Wohnungsbau und wirkt innen entsprechend nüchtern. Das Nötigste wie zwei Airbags und ABS gibt es serienmäßig, das Nützliche wie das Regal unter dem Dach, die Seitenairbags oder eine Klimaanlage bekommt man zumindest gegen Aufpreis. Alles andere, etwa eine elektrische Spiegelverstellung oder ähnliche Gimmicks, fallen mit dem Hinweis "Logan statt Luxus" aus. Die Verarbeitung ist ganz ordentlich, doch wo sonst farbiger Frohsinn demonstriert wird, lebt im Logan die K & K & K-Monarchie weiter: K wie Kante, K wie Kunststoff und K wie keine Farbe. Dafür hat der Wagen nach ein paar Stunden in der Sonne seine ganz eigene Duftnote, die allerdings mit blühenden Frühlingswiesen nur wenig gemein hat.

Auch mit 167 km/h Spitze kommt man ans Ziel

Auch unter der Haube regiert die Vernunft. Selbst wer sich den Luxus leistet und statt des Basismotors mit 75 PS den nächst stärkeren Benziner mit 87 PS bestellt, wird nur selten die Freude am Fahren spüren. Natürlich reichen 128 Nm aus, um den Kombi in Fahrt zu bringen – nur möchte man sich dann keine sieben Fahrgäste samt Gepäck vorstellen. Und natürlich kommt man auch mit einer Höchstgeschwindigkeit von 167 km/h ans Ziel – nur erreicht der Logan dieses Tempo erst nach einer halben Ewigkeit, und das auch nur dann, wenn jeder Gang bis kurz vor den Begrenzer ausgedreht wird.

Doch wer sich auf der Straße vergnügen möchte, kauft ohnehin ein anderes Auto. Statt auch nur mit einem Hauch von Sportlichkeit punktet der Logan mit einem Fahrwerk ohne unangenehme Überraschungen und einem schier unverwüstlichen Motor, der bei einem Normverbrauch von 7,8 Litern sogar halbwegs sparsam ist. Und wer damit nicht zufrieden ist, kauft entweder den dritten Benziner mit 105 PS oder investiert das gesparte Geld wann immer ihn die Lust auf Leistung oder Luxus packt, in einen sportlichen Leihwagen. Mit dem kann man dann ja auch mal wieder – zumindest vorübergehend - die Nachbarn beeindrucken.

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