Dacia Sandero: Dorthin, wo es weh tut

Von Tom Grünweg

Bereits eine Million biedere Logan-Modelle hat die rumänische Renault-Tochter Dacia verkauft. Nun rollt die Marke den Sandero auf den Markt, der vom alten Renault Clio abgeleitet ist und dorthin fährt, wo es der Konkurrenz richtig weh tun könnte: ins Kleinwagensegment.

Die Marke Dacia ist ein Phänomen: Fragt man die Konzernvorstände der Konkurrenz, rümpfen sie die Nase. Billigautos, igitt! Damit sollen sich andere die Finger schmutzig machen und das Image ruinieren. Erwähnt man aber dann die Statistik mit weltweit mehr als einer Million verkauften Autos in nur drei Jahren, drücken die Züge der Herren durchaus auch Neid aus. Auch wenn Renault vielleicht ein paar Kunden aus den eigenen Reihen an Dacia verlor, wurde die rumänische Tochter offenbar genau zur richtigen Zeit aktiviert: Während etablierte Hersteller mit den Inflationsängsten der Kunden kämpfen und sich auf ruinöse Rabattschlachten einlassen müssen, läuft der Logan wie von selbst - und zwar ohne Nachlässe.

Es könnte künftig noch dramatischer werden. Denn mit dem Modell Sandero startet an diesem Wochenende der erste Dacia, der nicht nur gut und günstig ist, sondern auch noch leidlich gut aussieht und zudem als Schrägheck im Format von Opel Corsa & Co. besser ins Bild der Westeuropäer passt. So ist der Sandero - trotz der vom alten Renault Clio übernommenen Plattform und Technik - eben kein Logan mit abgeschnittenem Kofferraum, sondern ein durchaus attraktiver Kleinwagen, der mit breitem Grinsen und großen Scheinwerferaugen in die Welt schaut. Einige Chromteile bringen etwas Glanz an die Karosserie und das neue Markenzeichen zeugt vom Stolz auf den Erfolg. Nur die eigenwillig ausgestellte Heckklappe mit dem ungewohnten Knick und den großen Rückleuchten muss man nicht schön finden.

Aber mit Schönheit will der Sandero die Kunden sowieso nicht gewinnen. Denn bei denen handelt es sich vorwiegend um nüchterne Rechner, die ihre Kaufentscheidung mit kühlem Kopf oder schmalem Budget treffen. Das eine Argument ist deshalb das überdurchschnittliche Platzangebot. Der Kofferraum fasst mit 320 Liter gut zehn Prozent mehr Gepäck als etwa VW Polo oder der Renault Clio. Das andere Argument bleibt der Preis, der bei konkurrenzlosen 7500 Euro beginnt.

Damit kostet die Basisversion des Sandero zwar 300 Euro mehr als das Stufenheckmodell Logan. Doch alle anderen Varianten seien, berücksichtige man die Ausstattung, preisgleich, sagt Produktmanager Marc Osseux. Der Konkurrenz ist der Sandero damit um mehrere Tausender voraus: Der günstigste Renault Clio aus der letzten Modellgeneration kostet heute als Fünftürer 10.200 Euro, einen Toyota Yaris gibt es ab 11.490 Euro, und selbst mit Vollausstattung und allen Extras kostet der Sandero weniger als der einfachste VW Polo mit fünf Türen.

Frische Farbe in der grauen Billigauto-Welt

Dabei ist der Sandero kein Armhäusler auf Rädern. Dass man in der Basisversion Fenster, Türschlösser, Spiegel und Lenkrad allein mit Muskelkraft bewegen muss, ist für verwöhnte Autofahrer zwar ungewohnt, schränkt aber nicht wirklich ein. Und es gibt immerhin zwei Airbags, ABS und Bremsassistent für alle Versionen. In den gehobenen Varianten kommen Seitenairbags, Servolenkung und Klimaanlage dazu. Außerdem gibt es dort auch schicke Zierleisten und nette Sitzbezüge, die ein wenig Farbe in die sonst graue Welt der Billigautos bringen. Manch koreanisches Modell ist da deutlich langweiliger. ESP allerdings gibt es nicht einmal gegen Aufpreis, das ist ein Manko.

In Fahrt bringen den Wagen zum Verkaufsstart wahlweise zwei Benzinmotoren mit 75 oder 87 PS; ein Dieselaggregat in zwei Leistungsstufen mit 68 und 86 PS folgt im nächsten Frühjahr. Von diesen Motoren, die allesamt aus dem Renault-Regal stammen, darf man keine Wunder erwarten. Zwar läuft zum Beispiel der großen Benziner angenehm leise und kultiviert. Aber wo die 87 PS sein sollen, erschließt sich nicht. Man muss schon kräftig Gas geben und bei hohen Touren das maximale Drehmoment von bescheidenen 128 Nm suchen, um in Fahrt kommt. Ein angegebener Sprintwert von 11,5 Sekunden und ein Spitzentempo von 170 km/h sind jedoch ok. Dazu erzieht das Fahrwerk zu großer Gelassenheit: Weil der Sandero etwas mehr Bodenfreiheit und längere Federwege hat als andere Autos in dieser Klasse, lässt er sich auch von schlechten Straßen nicht beeindrucken. Zum Kurvenfeger taugt er natürlich nicht, aber der Komfort ist besser als bei vielen Konkurrenten.

Der Dacia-Erfolg puffert die Renault-Talfahrt ab

Vom Erfolg der Dacia-Billigautos im verwöhnten PS-Paradies Deutschland sind selbst die Renault-Manager überrascht. Andererseits hilft der Erfolg der rumänischen Tochter dabei, die Talfahrt der Mutternmarke zu bremsen. Immerhin hat Renault in Deutschland im vergangenen Jahr ein Zulassungsminus von mehr als zehn Prozent hinnehmen müssen. Die Kunden seien allerdings nicht zu Dacia übergelaufen, wehrt Produktmanager Osseux den Verdacht der Kannibalisierung ab. "Beide Marken sprechen völlig unterschiedliche Zielgruppen an. Dacia bringt uns Kunden in die Autohäuser, die unsere Händler noch nie gesehen haben."

Laut interner Statistik sind zwei von drei Dacia-Fahrer Kunden, die bislang auf dem Gebrauchtwagenmarkt aktiv waren und sich nun zum ersten Mal ein neues Auto zugelegt haben. Warum? "Weil sie es sich leisten können", sagt Osseux . Der durchschnittliche Neuwagenpreis in Deutschland von 24.000 Euro sei für diese Klientel nicht bezahlbar. Das durchschnittliche Gebrauchtauto hierzulande koste jedoch 8500 Euro - und für diese Summe hat man bei Dacia die Wahl zwischen allen drei Neuwagenmodellen. Sandero-Interessenten aber brauchen viel Geduld. So wie es aussehe, könne nämlich auch dieses Modell in Deutschland zur Mangelware werden, befürchtet Osseux. "Von 8000 Autos, die noch in diesem Jahr auf den deutschen Markt kommen, sind die 5000 bereits verkauft."

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Fahrzeugschein
Hersteller: Dacia
Typ: Sandero
Karosserie: Kleinwagen
Motor: Vierzylinder-Benziner
Getriebe: Fünfgang-Schaltgetriebe
Antrieb: Front
Hubraum: 1.598 ccm
Leistung: 87 PS (64 kW)
Drehmoment: 128 Nm
Von 0 auf 100: 11,5 s
Höchstgeschw.: 170 km/h
Verbrauch (ECE): 7,2 Liter
CO2-Ausstoß: 170 g/km
Kofferraum: 320 Liter
umgebaut: 1.200 Liter
Versicherung: 17 (HP) / 17 (TK) / 18 (VK)
Preis: 10.000 EUR

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Dacia Sandero: Fahr & Spar

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