Ducati Panigale V4 S Bodenrakete

214 PS bei 195 Kilo Gesamtgewicht: An der Panigale V4 S entwickelten die Fahrer der Motorrad-Königsklasse MotoGP mit. Selbst durchschnittliche Biker schaffen es, die brachiale Ducati zu beherrschen - mit etwas Hilfe.

Ducati

Der erste Eindruck: Wunderschön! Ein Bike mit viel Liebe zum Detail und so gewaltig, dass schon vor der ersten Testrunde der Mund trocken wird wie beim Einnehmen einer Oblate beim Abendmahl.

Das sagt der Hersteller: Mit der Panigale V4 und dem neuen Motor, den sie in Bologna auf den Namen Desmosedici Stradale getauft haben, macht Ducati einen radikalen Schnitt. Das Superbike - vorgestellt mit dem Versprechen "A New Opera" - markiert den Abschied von Ducatis bisherigem Motorenkonzept mit Twin-Tradition (Zweizylinder). Unter der Verkleidung arbeitet das erste Vierzylinder-Serientriebwerk der Marke. Der Motor baut direkt auf dem Aggregat auf, das die Sportabteilung Ducati Corse in der Königsklasse MotoGP fährt.

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Ducati Panigale V4 S: MotoGP für jedermann

"Natürlich haben wir zuerst unsere Rennfahrer gefragt," sagt Alessandro Valia, Testfahrer bei Ducati, der an der Entwicklung des Fahrzeugs maßgeblich beteiligt war. "Auch Casey Stoner, unser Ex-Weltmeister, ist die Prototypen gefahren und hat viel Feedback gegeben."

Die Nähe zum Rennsport auf höchstem Niveau ist jedenfalls frappierend: identische Highend-Werkstoffe wie Titan und Magnesiumlegierungen für Motorenteile und Gehäuse senken das Gewicht des kompletten Serientriebwerks auf 64,9 Kilo - trotz der zusätzlichen zwei Zylinder wiegt der Desmosedici Stradale damit nur 2,2 Kilo mehr als der Vorläufermotor aus der Panigale 1299.

Übernommen aus der Moto GP-Rennabteilung haben Valia und Kollegen auch die Elektroniksysteme, mit denen die überbordende Power der straßenzugelassenen Mittelstreckenrakete im Zaum gehalten werden soll. Die Leistungsdaten der Panigale V4 und der noch exklusiver ausgestatteten V4 S sind nämlich extraordinär: 214 PS bei 195 Kilo Gesamtgewicht, ein wuchtiges Drehmoment von 124 Nm und ein bisher noch nie dagewesenes Serienleistungsgewicht von 1,10 PS je Kilo Gewicht stehen zu Buche.

Das ist uns aufgefallen: Für Alessandro Valia sind solche Spitzenwerte normaler Alltag. Testrunden auf einem schnellen Rennkurs wie dem Circuit Ricardo Tormo nahe Valencia gehören zu seiner Arbeitswoche. Er sitzt wie eingegossen in der Sitzmulde seiner V4 S, die in der Boxengasse kauert und stoßweise böses Grollen von sich gibt.

Rennsportmäßig eher minderbemittelte Fahrer spüren bei der Ausfahrt deshalb nicht nur ein freudiges Erwarten, sondern auch den erwähnten trockenen Mund und eine leicht stechende Verkrampfung im Magenbereich. Der fromme Wunsch, Valias Hinterrad auch nur ansatzweise im Blick zu behalten, ist deshalb schnell verworfen.

Die ganze Sorge fordert stattdessen die Panigale V4 S: Auch wenn das Renngerät weit unter den maximalen 14.000 U/min bewegt wird, haut der Motor eine Leistung raus, die ohne Hilfssysteme kaum mehr fahrbar ist. Wie auch? Die 214 PS - mit dem offenen Titanrennauspuff der V4 Speciale sind es gar 226 Pferdestärken - wirken auf eine Reifenauflagefläche von der Größe eines Smartphones.

Die Kurvengeschwindigkeiten und Fliehkräfte zerren so an Fahrer und Rennreifen, dass die heißen Flanken nach wenigen Runden abgerubbelt sind. Die neue Panigale ist in voller Fahrt eine reine Energievernichtungsmaschine: Während Sprit in vollen Zügen reingesaugt wird, saugt sie bei Spitzengeschwindigkeiten bis zu 300 km/h alle Kraft und Konzentration ab.

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Da hilft, dass Ducatis neues Flaggschiff die volle Elektronikausstattung mitbringt: An Bord sind u.a. ein schräglagensensibles ABS mit mehreren Einstellungslevels, die mehrstufige Traktionskontrolle und eine Slide Control für die gezielte Kontrolle des Driftwinkels beim Herausbeschleunigen aus Kurven. Hinzu kommt ein Wheelie-Wächter, um das gezielte Steigen des Vorderrads zu ermöglichen, der Power Launch zum optimalen Start und ein Quickshifter, der das schnelle Hoch- und Runterschalten des Sechsganggetriebes ohne Kupplung zulässt. Mehr geht selbst in der MotoGP kaum.

Auch die Brembo-Bremsanlage und der Aufbau des Chassis sind rennsporterprobt: Der V4-Motor übernimmt die Rolle des tragenden Verbindungsstücks zwischen dem Frontrahmen und dem zweiteiligen Aluminiumheckausleger. Die geschmiedete und 5,1 Kilo leichte Einarmschwinge ist direkt am Motorblock gelagert. Diese Konfiguration des Fahrwerks sorgt, so Ducati-Pilot Alessandro Valia, in Verbindung mit den reaktiven elektronischen Gabel- und Stoßdämpfer-Komponenten von Öhlins dafür, "dass die V4 auf der Strecke unvergleichlich ist und doch jederzeit berechenbar reagiert".

Nun ist "berechenbar" ein gefährlich dehnbarer Begriff, wenn es um den rasiermesserscharfen Unterschied zwischen maximaler Schräglage und Krankenhausbett geht, aber im Grunde hat der Ducati-Mann recht: Die Panigale V4 S hat am Gas einen Punch, der einem wie ein Uppercut unter die Rippen fährt. Doch im Vergleich zur alten V2-Panigale oder etwa dem V4-Motor von Aprilia ist die Newcomerin weniger ruppig, weniger spitz und linear aggressiv. Die extrem agile und leichtfüßige Panigale V4 fordert den Fahrer beim Ritt um den Kurs, doch man muss sie nicht bezwingen.

Und wer nicht im Grenzbereich unterwegs ist, kann es nach ein paar Erkundungsrunden schneller und zugleich schaltfaul angehen lassen: Die Panigale V4 münzt ihre 1103 Kubik in eine Drehmomentkurve ohnegleichen um, die sich zwischen 9000 und 12.000 U/min immer um 120 Nm bewegt und wie eine einladende Hochebene vor dem entschlossenen Wanderer liegt. Kraft ohne Ende, das sorgt in diesem Fall für sicheres Fortkommen, und weckt gleichzeitig die Magie der Moto GP.

Das muss man wissen: Ducati hat keinen Überblick, wie und wo die neue Panigale V4 zum Einsatz kommen wird, doch klar ist: Alltagsfahrten gehen zur Not, Landstraße und Autobahn auch. Doch jenseits der Rennstrecke ist ihr Einsatz schlichtweg verschenkt.

Auf dem Rennrund liegt das angestammte Habitat dieses formidablen Sportgeräts, welches Ducati in drei Ausführungen anbietet: Die Basisversion Panigale V4 (21.990 Euro) mit Showa-Gabel und Sachs-Federbein sowie die in Valencia getestete Panigale V4 S (27.990 Euro) mit Öhlins-Komponenten werden in Ducati Rot mit schwarzen Felgen und einen Sozius-Kit ausgeliefert. Die Panigale V 4 Speciale (39.990 Euro) kommt dagegen als reine Solo-Maschine mit Tricolore-Farben, Akrapovic-Racing-Auspuff und jeder Menge Karbon- und Aluteilen. Die Speciale ist auf 1500 Exemplare limitiert; die Hälfte davon ist bereits vorbestellt.

Das werden wir nicht vergessen: Mit welcher Eleganz und wie lässig Alessandro Valia während der Testtage über den Circuit Ricardo Tormo gleitet. Das schafft man nur, wenn man weiß, was man kann, und welches Potenzial im Arbeitsgerät steckt. Denn Valia kann auch anders: Wenn er die Panigale V4 S durchlädt und um den 4005 Meter langen Kurs prügelt, verliert er mit dem Serienmotorrad nur sensationelle 5 Sekunden auf den 1.31-min-Streckenrekord aus der Moto GP.



insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
Sondron 31.01.2018
1. da wurde aber viel
gelobt. die BMW S100RR spielt schon seit jahren in dieser klasse.
twister13 31.01.2018
2. Fake News
Zitat von Sondrongelobt. die BMW S100RR spielt schon seit jahren in dieser klasse.
Die BMW spielt in einer völlig anderen Liga. Ein V4 Motor mit einem Reihenmotor der BMW zu vergleichen ist Äppel mit Birnen zu vergleichen. Wenn überhaupt ist die Aprilia RSV4 ein gleichwertiger Gegner, die gibt es auch schon seit Jahren und ist eine ebenso scharfe Klonge wie die Ducati. Ducati hat übrigens zur Entwicklung der V4 Ngenieure vn Aprilia und nicht von BMW abgeworben.
highway 31.01.2018
3. Klassenwahl
In welcher Klasse soll denn die Maschine mitfahren? Höchstens Open-end-Klassen. Aber davon gibt es nicht viele. Für ambitionierte Rennstreckenfahrer ist die Maschine eher nix. Ähnlich wie bereits die 1299´er. Wer ein Superbikeklasse-kompatibles Renneisen mit V4 möchte bleibt bei der Aprilia.
gruebi01 31.01.2018
4. Nö, sicher nicht.
Zitat von Sondrongelobt. die BMW S100RR spielt schon seit jahren in dieser klasse.
Die S100RR spielt eher in der Klasse einer 1199 Panigale. Die Panigale V4 S ist ein neues Kapitel.
war:head 31.01.2018
5.
Zitat von Sondrongelobt. die BMW S100RR spielt schon seit jahren in dieser klasse.
Also rein optisch spielt die RR in der Kreisklasse und sportlich in der WSBK die zweite Geige. Was die reinen Leistungsdaten angeht, ist die RR wie jeder andere, moderne Supersportler auch, wobei man ihr zugestehen muss, dass sie eine gewisse Vorreiterrolle hatte. Da legt die V4 aber nochmal eine Schippe drauf und auf diesem Niveau ist selbst die kleinste Kelle beachtenswert. Insofern ist das Lob mMn berechtigt. Um aber Missverständnissen gleich vorzubeugen: Jede einzelne dieser Maschinen ist ein kleines Meisterwerk der Ingenieurskunst, egal ob RR, Panigale, Gixxer, Ninja etc - das Niveau ist unglaublich hoch und liegt weit über dem, was Normalos wie wir aus den Kisten rausholen könn(t)en. Insofern ist es generell ein Privileg, so ein Motorrad fahren zu dürfen, egal von welchem Hersteller es stammt.
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