Ausfahrt im VW XL1: Das Fast-ein-Liter-Auto

Aus Genf berichtet Tom Grünweg

VW XL1: Unterwegs Richtung Zukunft Fotos
Volkswagen

Mit Millionenbudgets werkelt VW seit Jahren am Ein-Liter-Auto. Jetzt zeigt der Konzern auf dem Autosalon in Genf den XL1. Der Wagen ist mit einer geplanten Auflage von 50 Exemplaren nur ein Öko-Feigenblatt - soll aber seine Spritspar-DNA an Golf und Up vererben. Wir waren im Prototypen unterwegs.

Mann, ist der klein! XS wäre ein passender Name für diesen Wagen, VW aber taufte sein neues Autochen XL1. Ja, Autochen! Denn schlanker als ein Polo und flacher als jeder Porsche wirkt der Wagen wie ein besseres Kinderspielzeug. Wenn nicht auf dem Hotelparkplatz in Genf eine Menschentraube um die Flunder herumstehen würde, müsste man den Wagen suchen.

Für Konzernchef Martin Winterkorn ist der XL1 so etwas wie das Formel-1-Auto unter den Spritsparmodellen - vollgestopft mit Hightech, bis in die allerletzte Schraube. "Wir sind bei diesem Auto bis an die Grenzen des Machbaren gegangen", bestätigt VW-Entwicklungschef Ulrich Hackenberg. Ein Leuchtturmprojekt nennt er den Knauserkönig mit Elektro- und Dieselmotor und einem angegebenen Durchschnittsverbrauch von 0,9 Litern. Eine Vision also, die vielen anderen Fahrzeugen den Weg weisen soll.

Leuchtturmprojekt, mal wieder eins. Von diesen grünen Aushängeschildern gab es schon einige im VW-Konzern. Den 3-Liter-Lupo zum Beispiel. Oder bei der VW-Konzerntochter Audi den elektrischen Sportwagen R8 etron. Der eine floppte nach Verkaufszahlen, beim anderen zog der Konzern noch vor dem Start den Stecker. Auch beim XL1 gibt sich VW eher zurückhaltend. "Erst mal gibt es eine Kleinserie von 50 Stück, danach sehen wir weiter", sagt Chef-Techniker Ulrich Hackenberg.

Die Spritspar-DNA soll an die Volumenmodelle vererbt werden

Der XL1 - nur ein Marketinginstrument? Erst einmal. Doch seine Technologie soll der Spritknauserer weitervererben. Noch in diesem Jahr kommt der rein elektrische Antrieb im Kleinwagen Up und dann im Bestseller Golf. Die Plug-in-Technik, also die Möglichkeit, das Auto außer mit Kraftstoff auch mit Strom aus der Steckdose zu betanken, findet sich dann ab 2014 im Golf wieder. "Ohne dieses extreme Sparmobil wären wir bei unseren Volumenmodellen noch lange nicht so weit wie wir es heute sind", sagt Hackenberg.

Worüber der Entwicklungschef nicht so gerne spricht, ist der sogenannte Business Case. Zu welchem Preis oder zu welchen Konditionen der XL1 in Kundenhand kommen soll, bleibt vorerst Geheimnis des Vorstands. Geld spielte offenbar bei diesem Prestigeprojekt eine untergeordnete Rolle: die Entwickler hatten beim XL1 völlig freie Hand.

Ernüchternd ist im Hinblick auf eine spätere Großserieneinführung der Technik, was für ein gewaltiger Aufwand beim XL1 für eine vergleichsweise geringe Einsparung betrieben werden musste. Die Karbonkarosserie und die extreme Stromlinienform des XL1 bringen gerade mal zwei oder drei Zehntel Spritersparnis. Würde VW den Antrieb des XL1 in einen ganz gewöhnlichen Up stecken, diesen ähnlich wie ein BlueMotion-Modell bei Gewicht und Luftwiderstand optimieren, wären bereits Verbrauchswerte "im niedrigen Einserbereich" machbar, gibt Hackenberg zu.

Am Ende doch eher ein Fast-zwei-Liter-Auto

Diese erreicht der XL1 auch bei der Testfahrt durch die Schweiz. Nach knapp zwei Stunden und fast hundert Kilometern zeigt der Bordcomputer einen Verbrauch von 1,6 Litern, der Akku ist dabei noch nicht einmal ganz leer. Die Tankfüllung reicht somit für eine Fahrt von Hamburg nach Berlin und zurück - und der Zehn-Liter-Tank wäre dann immer noch nicht ganz leer. Die von VW angegebenen 0,9 Liter bleiben jedoch Theorie.

Auch, wenn der XL1 nicht so aussieht: Man fährt ihn wie ein ganz normales Auto. Das Cockpit wirkt ganz vertraut. Gestartet wird automatisch im e-Modus. Dann surrt der XL1 allein mit seinem 27 PS starken Elektromotor, die rein elektrische Reichweite beträgt bis zu 50 Kilometer. Geht der Akku zur Neige oder will der Fahrer die elektrischen Kilometer für die Zieleinfahrt sparen, arbeiten E-Maschine und Diesel wie bei einem Hybriden zusammen: Wer sachte Gas gibt, beschleunigt rein elektrisch, beim Kick-down gehen beide Motoren mit vereinter Kraft zu Werke, schubsen die Flunder in 12,7 Sekunden von 0 auf Tempo 100. Bis weit über die 100 km/h-Grenze schafft der XL1 elektrisch.

Mit Rücksicht auf den Luftwiderstand hat der XL1 statt Außenspiegeln zwei kleine Kameras an den Türen. Ihr Bild erscheint auf Monitoren von der Größe eines iPhones, die unterhalb der Fensterbrüstung integriert sind. Daran muss man sich immer mal wieder erinnern, damit etwa beim Einfädeln auf der Autobahn kein teurer Karbonschaden entsteht. Das Bild ist gestochen scharf und immer blendfrei, und bei Dunkelheit etwa im Tunnel ist die Rücksicht viel besser.

Der Dreifrontenkrieg

Was den XL1 von einem normalen Elektro- oder Hybridauto unterscheidet, ist aber vor allem die Geräuschkulisse. Wo andere Stromer flüsterleise sind, dringen durch die dünnen Scheiben in den XL1 überraschend viele Nebengeräusche ein. So lange die Keramikbremsscheiben noch kalt sind, knirschen sie, als reibe Sandpapier auf ihnen. Schaltet sich der Zweizylinder-Diesel im Heck zu, sitzt den Passagieren ein fieses Nageln im Nacken.

Um den Verbrauch des XL1 zu drücken, hat VW an drei großen Stellschrauben gedreht: Antrieb, Gewicht und Luftwiderstand.

Für den Antrieb stehen ein 0,8 Liter großer Zweizylinder-Diesel mit 48 PS, die E-Maschine mit 27 PS, eine Doppelkupplung mit sieben Gängen und zusätzlicher Trennkupplung im Heck sowie der Lithium-Ionen-Akku vor dem Fußraum zur Verfügung. Der Speicher hat eine Kapazität von 5,5 kWh und lässt sich an jeder Steckdose in weniger als zwei Stunden laden.

Das Fahrzeuggewicht haben die Ingenieure durch den Einsatz von jeder Menge Karbon gedrückt. Allein bei den nur noch elf Kilo schweren Sitzen spart VW jeweils runde zehn Kilo, das Kunststoffglas der Scheiben ist ein Drittel leichter und wenn überhaupt Metall verarbeitet wurde, ist es Magnesium oder Aluminium. Weil sie ein Kilo leichter sind als elektrische Fensterheber, müssen die Scheiben mit Kurbeln geöffnet werden. Statt mit Servohilfe lenkt man den XL1 allein mit Muskelkraft. Für die Sicherheit müssen ein Fahrerairbag, die nachgiebigen Seitenscheiben und das vor dem Beifahrer weit nach vorn gerückte Cockpit reichen. Am Ende stehen deshalb 795 Kilo auf der Waage - rund 50 Prozent weniger als bei einem VW Golf.

Die dritte Disziplin ist der Luftwiderstand. Um den auf einen neuen Rekord-CW-Wert von 0,189 zu drücken, wurde jede Fuge am Fahrzeug geschlossen, im Kühlergrill arbeiten Jalousien, die Türgriffe wandern unter die Karosse, der Typenschriftzug ist nur ein Aufkleber und das Heck ist so geformt, das die Luftverwirbelungen unter dem kleinen Rücksprung nicht den Strömung ums Fahrzeug stören.

Bis ganz zu Ende haben die Entwickler allerdings nicht gedacht: Der Zündschlüssel ist überraschend schwer und wurde eins zu eins vom Golf übernommen. Und wo an der Karosserie jede noch so kleine Fuge geschlossen und jede noch so flache Sicke geglättet wurde, ragt das VW-Logo aus dem Blech wie der Harz aus der norddeutschen Tiefebene. "Das war einer der ganz wenigen Punkte", räumt einer der Entwickler ein, "bei dem wir selbst beim XL1 keine Kompromisse machen durften."

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insgesamt 82 Beiträge
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1.
leiboldson 04.03.2013
Zitat von sysopMit Millionenbudgets werkelt VW seit Jahren am ein-Liter-Auto. Jetzt zeigt der Konzern auf dem Autosalon in Genf den XL1. Der Wagen ist mit einer geplanten Auflage von 50 Exemplaren erstmal ein Öko-Feigenblatt - soll aber seine Spritspar-DNA an Golf und Up vererben. Wir waren im Prototypen unterwegs. Einliter-Auto: Testfahrt mit dem VW XL1 - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/fahrberichte/einliter-auto-testfahrt-mit-dem-vw-xl1-a-886671.html)
Wäre es ein französischer Wagen, käme ein Jubelbericht und die Mahnung, dass deutsche Hersteller schlafen würden.
2. Seltsam
geisterfahrerii 04.03.2013
Heute brauchen die jede Menge unbezahlbares Karbon um aus das Gewicht zu kommen. Ich kann mich erinnern, der erste Golf war ein echtes Auto und auch nicht schwerer. Irgend etwas läuft doch da schief?
3. Wenn Mercedes
mr future 04.03.2013
Zitat von sysopMit Millionenbudgets werkelt VW seit Jahren am ein-Liter-Auto. Jetzt zeigt der Konzern auf dem Autosalon in Genf den XL1. Der Wagen ist mit einer geplanten Auflage von 50 Exemplaren erstmal ein Öko-Feigenblatt - soll aber seine Spritspar-DNA an Golf und Up vererben. Wir waren im Prototypen unterwegs. Ein-Liter-Auto: Testfahrt mit dem VW XL1 - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/fahrberichte/einliter-auto-testfahrt-mit-dem-vw-xl1-a-886671.html)
was Kleines Schnuckliges Originelles wie den Smart hat (den es jetzt auch in E-Version gibt) kann VW ja nicht zurückstehen. Nur: der Smart läuft seit Jahren in Serie und der XL1 wird wohl enden wie der Lupo 3L oder der WOB-1L (mit dem Herr Piech bei der Aufsichtsratssitzung in Hamburg vorfuhr): im Tresor. Und die 50 Exemplare gehen sicher unter noch schärferen Rückholauflagen an die Handverlesenen wie damals das EV1. re future
4.
barlog 04.03.2013
Zitat von sysopMit Millionenbudgets werkelt VW seit Jahren am ein-Liter-Auto. ...
Klingt interessant, was die VW-Ingenieure da ertüftelt haben. Ich frage mich (als Großstadtbewohner) allerdings, wer so ein Auto gebrauchen kann. Wahrscheinlich am ehesten Menschen, die in Gebieten mit gering entwickelter Infrastruktur wohnen und mit so einer Kiste lange Wege zur Arbeitsstelle zurücklegen könnten. Aber ehe sich der erwartungsgemäß hohe Preis für diese Carbon-Aluminium-Magnesium-Mischung durch die geringen Energiekosten amortisiert hat, dürfte meiner Meinung nach sehr viel Zeit vergehen. Abgesehen davon, daß andere Einsatzzwecke für ein Auto wie Baumarktbesuche, Reisen oder einfach mal eine Fahrt ins Grüne aufgrund eines für mich nicht erkennbaren Kofferraumes wohl illusorisch bleiben. Da ziehe ich es denn doch vor, lieber Fahrrad zu fahren und mir für letztgenannte Einsatzgebiete ab und zu ein Auto zu borgen
5. Golf I
tgu 04.03.2013
Zitat von sysopAm Ende stehen deshalb 795 Kilo auf der Waage - rund 50 Prozent weniger als bei einem VW Golf. Ein-Liter-Auto: Testfahrt mit dem VW XL1 - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/auto/fahrberichte/einliter-auto-testfahrt-mit-dem-vw-xl1-a-886671.html)
Tolle Leistung, der erste Golf hatte ein Leergewicht von 750-805 kg (laut Wikipedia). Man konnte also schon sowas vor knapp 40 Jahren bauen, und in dem passten bequem 4 Leute rein. Klar der hat mehr verbraucht als der XL1, aber hat der auch mehr verbraucht als der heutige Golf?
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Fahrzeugschein
Hersteller: VW
Typ: XL1
Karosserie: Sportwagen/Coupé
Motor: Plug-In-Hybrid mit Zweizylinder-Commonraildiesel
Getriebe: Siebengang-Doppelkupplung
Antrieb: Heck
Hubraum: 800 ccm
Leistung: 48 PS (35 kW)
Leistung (E-Motor): 27 PS (20 kW)
Drehmoment: 120 Nm
Drehmoment (E-Motor): 140 Nm
Von 0 auf 100: 12,7 s
Höchstgeschw.: 160 km/h
Verbrauch (ECE): 0,9 Liter
CO2-Ausstoß: 21 g/km
Kofferraum: 120 Liter
Gewicht: 795 kg
Maße: 3888/1665/1153

Fotostrecke
Die Neuheiten des Autosalons Genf: Der erste Blick auf die Weltpremieren

Mit diesen Tipps sparen Sie Sprit
Motor ausschalten
Machen Sie öfter mal den Motor aus. Das lohnt sich oft schon ab einer Standzeit von zehn Sekunden. Bei älteren Autos sollte sie jedoch eine halbe Minute betragen. Außerdem muss die Maschine die Betriebstemperatur erreicht haben und die Batterie voll aufgeladen sein.
Beim erneuten Anlassen des Aggregats sollten Sie auf keinen Fall das Gaspedal drücken, weil sonst der Einspareffekt ausbleibt.
Stromverbraucher ausschalten
Je mehr elektrische Verbraucher die Lichtmaschine belasten, desto höher ist der Verbrauch. Schalten Sie also Geräte wie Klimaanlage, Sitz- oder Heckscheibenheizung aus, wenn sie nicht gebraucht werden.
Niedrigtourig fahren
Mit geringer Motordrehzahl zu fahren, kann nach Angaben des Verkehrsclub Deutschland (VCD) bis zu 30 Prozent Kraftstoff sparen. Das gilt für alle Autos, die in den vergangenen 20 Jahren gebaut wurden. Der VCD berichtet, dass zum Beispiel ein Porsche 911 Carrera bei 50 km/h im zweiten Gang 15,1 Liter, im sechsten Gang jedoch nur 6,2 Liter Benzin verbraucht.
Fahren Sie ohne Ballast
Das Gesamtgewicht des Autos beeinflusst den Verbrauch enorm. 100 Kilogramm weniger auf der Waage bedeuten im Schnitt etwa 0,3 bis 0,5 Liter weniger Verbrauch. Fahren Sie also nicht mit leeren Getränkekisten, alten Reifen und sonstigen überflüssigen Gegenständen umher.
Auch einen unnötigen Dachgepäckträger sollten Sie demontieren. Das reduziert zusätzlich noch den Luftwiderstand. Wer zum Beispiel mit drei Fährrädern auf dem Dach unterwegs ist, muss mit einem Mehrverbrauch von bis zu vier Litern auf 100 Kilometern rechnen.
Vorausschauend fahren
Vor allem Anfahren und Beschleunigen verbraucht viel Kraftstoff. Fahren Sie zum Beispiel auf eine rote Ampel zu, nehmen Sie deshalb den Fuß vom Gas und rollen einfach auf den Haltepunkt zu. Im Idealfall kommen Sie also gar nicht erst zum Stehen, sondern das Signal schaltet vorher schon auf Grün. Allerdings sollten Sie darauf achten, den nachfolgenden Verkehr nicht zu behindern.
Früh schalten
Wenn Sie mit einem Auto mit manuellem Getriebe unterwegs sind, nutzen Sie den ersten Gang nur zum Anfahren. Bereits nach wenigen Metern sollte der Fahrer in den zweiten Gang schalten. Dann sollte mit viel Gas beschleunigt und bei 2000 Umdrehungen pro Minute in die nächsten Gänge gewechselt werden. Haben Sie die gewünschte Geschwindigkeit erreicht, fahren Sie am besten im höchsten Gang.
Reifendruck
Ein leicht erhöhter Reifendruck um maximal 0,2 bar über der Empfehlung des Hersteller bringt laut ADAC bei gemäßigter Fahrweise eine Spritersparnis von bis zu drei Prozent. Fahrer sollten aber nachschauen, ob dies laut der Bedienungsanleitung bei ihrem Wagen zulässig ist.


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