Elektrisches London-Taxi Cab der guten Hoffnung

Sieht nach Oldtimer aus, ist aber fit für die Zukunft: Seit einigen Wochen fahren in London die ersten Black Cabs mit Elektroantrieb umher. Und die schwarzen Riesen haben noch weitere Reize.

LEVC

Der erste Eindruck: Alles neu und doch beim Alten.

Das sagt der Hersteller: Ein neues Taxi für eine neue Zeit - so bewirbt Chris Gubbey den schwarzen Riesen. Gubbey ist Chef der London Electric Vehicle Company und hat das neue Taxi zusammen mit Projektleiter Ian Collins in den vergangenen fünf Jahren auf die Räder gestellt. "Damit sind wir die ersten und einzigen, die eine passende Antwort auf die seit Jahresbeginn verschärften Emissionsregeln in London haben", sagt Gubbey.

Seit 1. Januar 2018 gibt es in der britischen Hauptstadt nur noch Einfahrplaketten für Taxen, die zumindest teilweise elektrisch fahren können. Gubbey zielt mit seinem Produkt aber nicht nur auf London und England: "Wenn man die strengen Anforderungen der britischen Hauptstadt erfüllt, dann hat man überall auf der Welt gute Karten." Die chinesische Konzernmutter Geely, die den Beinahe-Monopolisten London Taxi International vor fünf Jahren übernommen und den Grundstein für die Elektrifizierung gelegt hat, baut in China bereits eine zweite Fabrik für den Wagen. Und im Stammwerk zwei Stunden nördlich von London laufen bereits die ersten Linkslenker vom Band.

Das ist uns aufgefallen: Der Platz hinter dem Lenkrad ist eine Oase der Ruhe. So laut und so hektisch es am Picadilly Circus auch zugeht - kaum haben sich die Türen des Taxis geschlossen, herrscht Stille an Bord. Und solang die Fahrgäste nicht die Wechselsprechanlage nutzen, bekommt der Fahrer von den Passagieren nichts mit. Auch das Anfahren funktioniert lautlos, denn obwohl der gut zwei Tonnen schwere Koloss loslegt wie ein Sportwagen und man sich durchaus mäßigen muss, damit niemand vom Sitz rutscht, schnurrt der Elektromotor kaum hörbar.

Dabei ist er nicht nur angenehm spritzig, sondern im Stadtverkehr auch wunderbar seidig, sodass man flüssig und ruckfrei durch die Rushhour kommt. Und nach etwas Übung mit dem Rekuperieren braucht man das Bremspedal kaum noch, was den Fahrfluss nochmals steigert.

Es ist aber nicht nur der Antrieb, der für Fahrspaß sorgt, auch das Auto selbst vermittelt ein königliches Gefühl. Schon nach wenigen Meilen hinter dem Steuer fühlt man sich beinahe unverwundbar. Selbst wer sich um britische Höflichkeit bemüht, Rücksicht übt und respektvoll verhält, wechselt die Spuren flink, nimmt es beim Halten nicht ganz so genau und fährt an etwaigen Staus - völlig legal - auf der Busspur vorbei.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des elektrischen London Cab - mit unserem 360-Grad-Foto:

Auffallend ist auch die gute Ergonomie des Cockpits, das stark von der ebenfalls zu Geely gehörenden Marke Volvo inspiriert ist. Gut, zwischen der hohen Front- und der nahen Trennscheibe fühlt man sich ein bisschen beengt. Und dass nebenan kein Beifahrersitz, sondern Platz für Gepäck ist, daran muss man sich auch gewöhnen. Doch die Ruhe im Auto, das zuverlässige Navigationsgerät und ein Notbremsassistent, der zusätzlich auf die Fußgänger aufpasst, bedeuten ein viel entspannteres Fahren als im rustikalen Vorgänger mit dem nageligen Dieselmotor. Zudem sind die Sitze so bequem, dass man auch nach einer Zwölf-Stunden-Schicht nicht gleich zum Masseur muss.

Noch deutlicher ist der Komfortgewinn für Fahrgäste. Die sind in den Londoner Taxis schon immer besser gefahren als in kontinentalen Standard-Taxis, weil die Cabs größer und höher sind. Aber in das neue Taxi kann man buchstäblich erhobenen Hauptes eintreten. Wenn man sich nicht gerade zu sechst ins Nachtleben stürzen möchte, und deshalb auch die Klappsessel entgegen der Fahrtrichtung besetzt werden müssen, können im Fond zwei Passagiere bequemer Lümmeln als im Erste-Klasse-Abteil der Bahn. Mit LED-Spots, USB-Buchsen, 230-Volt-Steckdosen und einem Hotspot trägt das Taxi den Anforderungen der Generation Smartphone Rechnung. Und Touristen verschafft es mit einem serienmäßigen Panorama-Dach ganz neue Ausblick auf die Stadt. Der Clou ist aber das Türkonzept - die Türen schlagen wie bei Rolls-Royce entgegen der Fahrtrichtung an.

Fotostrecke

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Autogramm Elektrisches London-Taxi: Das Geschäft summt

Das muss man wissen: Das neue London Taxi wird von einem 110 kW starken Elektromotor angetrieben, dessen Tempo angesichts der landesweiten Höchstgeschwindigkeit von 115 km/h auf maximal 130 km/h limitiert ist. Die Energie liefert ein Lithium-Ionen-Akku mit 31 kWh Speicherkapazität, was für bis zu 130 Kilometer Fahrt reicht. Mehr war laut Collins nicht drin, um den Preis halbwegs im Rahmen zu halten. Damit Taxler trotzdem ohne Nachladen bis zum Flughafen oder durch die Schicht kommen, gibt es einen Range Extender. Ein Dreizylinder-Benziner von Volvo platzt deshalb immer mal wieder in die Stille und treibt mit konstanter Drehzahl einen Generator an, der aus 38 Litern Sprit Strom für weitere 500 Kilometer erzeugt und das Taxi so lässig über den Tag bringt.

Der Preis liegt laut Gubbey nach Abzug der staatlichen Förderung bei 55.599 Pfund (circa 63.000 Euro) und damit noch immer etwa ein Viertel über dem des konventionell angetriebenen Vorgängers. Doch wer das Taxi mit billigem Nachtstrom auflade, könne allein dadurch pro Woche rund 80 Pfund sparen, rechnet Collins vor. Nimmt man den geringeren Verschleiß der Bremsen durch die Rekuperation und den geringeren Wartungsaufwand hinzu, liegt der Vorteil beim Unterhalt sogar bei wöchentlich 100 Pfund. Das Auto macht sich also vergleichsweise schnell bezahlt - zumal es für Neuanmeldungen aktuell keine Alternative gibt und die 20.000 Taxen in der britischen Hauptstadt ja nicht mehr ewig fahren.

Das werden wir nicht vergessen: Elektrisch oder nicht, eine Eigenschaft des London Cab ist seit Jahrzehnten konstant, und genau die macht eine Fahrt mit dem schwarzen Riesen unvergesslich. Es ist der winzige Wendekreis. Denn die steht in der Taxi-Verordnung schon viel länger drin als der saubere Antrieb. Der neue TX kann daher die Räder um 25 Grad stärker einschlagen als etwa ein Volvo XC90 und deshalb zwischen zwei Wänden wenden, die lediglich 8,50 Meter auseinander stehen. Selbst mit einem Smart müsste man da einmal zurücksetzen. Das macht den Koloss so handlich, dass sich die Rushhour anfühlt wie ein Besuch auf dem Rummelplatz. Und ja: Autoscooter fahren auch elektrisch.

Fahrzeugschein
Hersteller: London Electric Vehicle Company
Typ: TX
Karosserie: Hochdachkombi
Motor: Elektroantrieb mit Range-Extender
Getriebe: Eingang-Automatik
Antrieb: Heck
Hubraum: 1.497 ccm
Leistung (E-Motor): 150 PS (110 kW)
Drehmoment (E-Motor): 255 Nm
Von 0 auf 100: 12,0 s
Höchstgeschw.: 130 km/h
Verbrauch (ECE): 1,2 Liter
CO2-Ausstoß: 29 g/km
Gewicht: 2.230 kg
Maße: 4860 / 2030 / 1890


insgesamt 85 Beiträge
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Seite 1
jana.wenzel.2 21.03.2018
1.
Herr Grünweg, Sie Schelm: Na gut, ich kaufe sie alle.
petzle 21.03.2018
2. Well done...
da sind wir in Deutschland leider noch Lichtjahre von entfernt. Vielleicht der schleichende Anfang von Ende der automobilen Vormachtstellung der BRD. Dank dem perfekten Lobbyismus und dem unsinnigen Protektionismus für unsere schöne aber anscheinend hochkriminelle Autoindustrie...
dirk1962 21.03.2018
3. Warum nur London?
Das Konzert des Antriebs kann überzeugen, der Rest des Fahrzeugs scheinbar auch. 130 km elektrische Reichweite reichen für Taxen in vielen Orten völlig aus. Überraschend ist einmal mehr, dass die Chinesen auch hier ohne Wettbewerber sind.
digge8 21.03.2018
4. endlich ein echter Hybride
Oder eher ein echtest Benzin/elektrisches Auto, gibts übrigens schon lange bei der Eisenbahn. Und nicht so ein pseudohybride wie die deutschen Autobauer bauen. Endlich kein doppelter Antriebsstrang sonder ausschließlich einfache und vor allem wartungsarme Elektroantriebstechnik. Da kann sich der deutsche Fahrzeugbau warm anziehen und auch die ganzen Zulieferer, es kommt der große Arbeitsplatzabbau und dann ist Deutschland weder Weltmarktführer im Autobauer noch vollbeschäftigt. Endlich weniger Smog und keine Dieselgeschenke mehr von der Regierung. Wenn der Wind der Veränderung bläst, bauen einige Windmühlen und andere bauen weiter Autos/SUVs groß wie Mauern.
seikor 21.03.2018
5. Ich fasse es nicht...
Ein Artikel, der ein Elektroauto positiv darstellt? Dass ich das hier noch eröffnen durfte! :) Kann alles bestätigen: Ruhe, Stressfreiheit, usw. Wird einem bei jedem Elektroauto ganz kostenlos mitgeliefert. Nie mehr Verbrenner!
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