Elektroauto Mia L Playmobil für Große

Große Kulleraugen, freundliches Antlitz, Kastendesign: Der Mia sieht aus, wie ein zu groß geratenes Spielzeugauto. Doch das neue E-Mobil meint es durchaus ernst. Das Konzept ist durchdacht und überzeugt mit praktischen Details. Der günstige Preis erfordert aber einige Zugeständnisse.

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Tom Grünweg

Wann haben Sie zuletzt mit einem Plastikauto gespielt? Wahrscheinlich ist das schon geraume Zeit her. Aber wenn es nach dem ehemaligen VW-Designchef Murat Günak geht, dann werden sich bald auch Erwachsene wieder mit einer Art Playmobil beschäftigen - allerdings ein paar Nummern größer. Mia heißt das Auto, das Günak jetzt betreut. Es handelt sich um einen ebenso winzigen wie witzigen Elektro-Wagen, der zum Jahresende in den Handel kommen soll. 19.500 Euro soll das Basismodell kosten und damit zum ersten Mal Elektromobilität für eine größere Kundengruppe erreichbar machen. Immerhin ist das Auto kaum mehr als halb so teuer wie ein Mitsubishi i-Miev, der nicht viel größer ist und nur geringfügig bessere Fahrleistungen bietet.

Mit einem Playmobil-Auto hat das Modell Mia nicht nur die rostfreie, unverwüstliche und leichte Kunststoff-Karosserie gemein, die hier freilich über einen stabilen Rahmen aus Stahl gespannt ist. Sondern es ist vor allem das schlichte und gerade Spielzeugdesign, das einem aus jeder Perspektive ein Lächeln ins Gesicht zaubert: Schon die stilisierte Blüte als Markenlogo, die sich auch an den Türöffnern und an der Fernbedienung wiederfindet, weckt Sympathie. Dazu ist das gesamte Design frei von jeder Aggression und allem Statusdenken: Mia ist nett, aber nicht niedlich. Das Fahrzeug schaut mit Glubschaugenscheinwerfern auf die Straße und macht sich mit 2,87 Metern Länge und 1,64 Metern Breite so klein, dass es fast in jede Parklücke passt. Zumal der Wagen mit einem Wendekreis von 8,50 Metern ziemlich handlich ausfällt.

Obwohl deutlich kürzer als ein Mini oder ein VW Fox, ist der Mia innen recht geräumig - vor allem in der gestreckten L-Version. Die kostet 24.500 Euro und damit 1000 Euro mehr als das etwas besser ausgestattete Grundmodell. Dafür wächst die Länge auf 3,19 Meter und drinnen haben zwei von drei Hinterbänklern mehr Beinfreiheit als in einer S-Klasse von Mercedes. Das liegt an der eigenwilligen Bestuhlung: Weil der Fahrer alleine in der Mitte der ersten Reihe sitzt, kann man links und rechts hinter ihm gemütlich lümmeln und wie auf einem Logenplatz die Beine ausstrecken. Der hintere Mittelsitz dagegen taugt höchstens für ein Kleinkind, ist dafür aber besonders sicher, wie die Entwickler betonen.

Die ungewöhnliche Fahrerposition schafft reichlich Freiraum

Ähnlich viel Freiraum wie die Fondpassagiere genießt man als Fahrer. Zwar muss man beim Einsteigen erst einmal über die verkleideten Streben im Wagenboden klettern und die Füße in den engen Schacht unter dem Lenkrad fädeln, doch wenn man erst einmal sitzt, gibt es Platz ohne Ende. Wo man in anderen Kleinwagen schnell auf Tuchfühlung mit dem Beifahrer oder der Seitenscheibe gerät, muss man hier fast die Arme ausstrecken, wenn man die Schiebefenster öffnen will.

Dazu gibt es ein schlichtes, übersichtliches Cockpit, ganz wenige, allesamt selbsterklärende Schalter und ein Ambiente, das bei den Serienmodellen etwas hochwertiger und farbenfroher werden soll, als bei dem noch etwas tristen Prototypen, mit dem wir auf Testfahrt waren. Die Sicht ist nach vorn und zur Seite prima, nur nach hinten miserabel. "Dafür gibt es ja zwei Außenspiegel", sagt Verkaufsleiter Carsten Leichsenring.

Wie das Sitzkonzept ist auch die Art des Zustiegs neu. Statt raumgreifenden Klapp- gibt es Schiebetüren, die zudem mit großen Aussparungen im Boden und im Dach kombiniert sind. "Das spart nicht nur Platz in engen Parklücken. Man steht auch beim Ein- und Aussteigen eher im als vor dem Auto", sagt Leichsenring. Praktisches Detail: Weil der Fahrer in der Mitte sitzt, kann er wahlweise rechts oder links aussteigen.

Ein 24-PS-Elektromotor sorgt für moderates Vorwärtskommen

Bei so vielen frischen Ideen gerät der Antrieb fast in Vergessenheit. Und er ist tatsächlich auch nicht die starke Seite des Mia. Zwar fährt der Wagen elektrisch und damit auf der Höhe der Zeit. Aber mit seinen 24 PS liefert er einfach zu wenig Temperament, um Fahrspaß aufkommen zu lassen. Obwohl lediglich zwischen 700 und 800 Kilo schwer, kommt das Plastikmobil eher mühsam in Fahrt und lässt den Sportsgeist vieler anderen E-Autos vermissen. Was die Höchstgeschwindigkeit betrifft (110 Km/h), kann der Kleine mit seine Klasse zumindest mithalten. Aber so schnell will man mit dem Mia ohnehin nicht so gerne fahren.

Dafür reicht der Lithium-Eisen-Phosphat-Akku mit 8 kWh im Wagenboden für 80 bis 90 Kilometer Fahrstrecke. Wer weiter fahren möchte, drückt die Eco-Taste, klemmt damit Nebenverbraucher wie Radio oder Lüftung ab und limitiert das Tempo auf 60 km/h. Oder man zahlt 4300 Euro Aufpreis für eine 12 kWh-Batterie, die den Aktionsradius auf 120 bis 130 Kilometer ausdehnt. Danach muss das E-Mobil allerdings an die Steckdose, je nach Akku-Größe zwischen drei und fünf Stunden.

Für Günak ist der Mia nicht das erste Elektroauto seit dem Abschied von VW. Vor einigen Jahren sorgte er bereits mit dem Schweizer Projekt Mindset für Furore, doch in Fahrt kam das ambitionierte Auto nie so recht. Diesmal ist der Designer ungleich zuversichtlicher. Mit Partnern wie dem Pharmaunternehmer Edwin Kohl und dem Essener Energieberater Conenergy gibt es Kapital und Know-how, und seit der Übernahme der Elektroautosparte des französischen Karosseriebauers Heuliez ist auch die Produktion gesichert. Derzeit laufen in Cerizay im Westen Frankreichs die letzten Vorbereitungen, damit dort künftig bis zu 10.000 Fahrzeuge pro Jahr vom Band laufen können. Was Günak besonders optimistisch stimmt, ist das Echo auf den Wagen: In Deutschland sind schon ein paar hundert Mia-Modelle verkauft.

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insgesamt 90 Beiträge
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varesino, 12.09.2011
1. Nicht schlecht,...
.. besser als viele ander Versuche erschwingliche, vernuenftige E-Autos zu bauen. Aber fahren Designer ihre Kreationen eingentlich nie? "Wo man in anderen Kleinwagen schnell auf Tuchfühlung mit dem Beifahrer oder der Seitenscheibe gerät, muss man hier fast die Arme ausstrecken, wenn man die Schiebefenster öffnen will." Einfach mal in ein Parkhaus fahren und versuchen das Ticket zu ziehen und bei der Ausfahrt das ganze nocheinmal anders herum. Macht nichts, dass wid schon noch. Nehmt eure Prototypen nach Hause und benutzt sie.
mauimeyer 12.09.2011
2. Rollende Verzichtserklärung
Zitat von sysopGroße Kulleraugen, freundliches Antlitz, Kastendesign: Der Mia sieht aus, wie ein zu groß geratenes Spielzeugauto. Doch das neue E-Mobil meint es durchaus ernst. Das Konzept ist durchdacht und überzeugt mit praktischen Details. Der günstige Preis erfordert aber einige Zugeständnisse. http://www.spiegel.de/auto/fahrberichte/0,1518,785158,00.html
Als es von der Pferdekutsche zum Auto ging, war das Auto von Anfang an leistungsfähiger! Wer stellt sich denn so eine rollende Verzichtserklärung im Design der Naiven vor das Haus? Ei zweitüriger Polo "Blue-Motion" ist rundherum ein ausgereiftes und ansehliches Auto mit ca. 4L/100 km und Leistungswerten, die so ein E-Winzling nie erreicht! Und im nächsten Winter, wenn die Batteriekapazität ohnehin schon beansprucht wird, stelle ich mit der Spar-Taste meine Heizung ab und fahre frierend mit vereisten Scheiben! Was hier als Fortschritt angepriesen wird hätte ich als Student nicht abliefern dürfen! Was wirklich gut ist, braucht auch SPON nicht hypen! Z.B. E-Fahrräder! Die werden eben nur mit dem Fahrrad verglichen und schneiden dem gemäß gut ab! Kauri
cor 12.09.2011
3. 1000 Euro pro PS
24000 Euro und 24 PS. Naja, aber dafür bekommt man auch einen ernst zu nehmenden Multipla-Konkurrenzen und kann mit diesem um den zur Zeit anscheinend begehrten Titel "Hässlichstes Auto aller Zeiten" konkurrieren. Mal im Ernst: Man kann doch nicht allen Ernstes ein Auto mit derart hässlichen Design zu dem Preis auf den Markt werfen. Das funktioniert einfach nicht. So ein Auto wird sich erst verkaufen: -wenn die Motorisierung einigermassen stimmt, also mindestens 50 PS bei 600 Kilo. Das wäre auch nicht gerade eine Rakete, aber immerhin. -Wenn der Preis stimmt, das bedeutet unter 15k. Und selbst dieser Preis wäre vielen zu hoch. -Wenn das Design stimmt bzw. man überhaupt Designer eingestellt hat. Alles 3 Dinge erfüllt der Mia nicht.
George712 12.09.2011
4. Schönes Auto
Der wäre was für mich! Reines Stadtauto. Ich fand die israelische Idee, dass man leere Akkus gegen volle Austauschen kann, nicht schlecht. Die Akku-Technologie entwickelt sich ja weiter und man spart sich das stundenlange aufladen. Evtl könnte der Hersteller per Vetrag zusichern, jedes Jahr die Akkus kostenfrei gegen die neuesten Modelle upzudaten, wenn man es will. 20.000 Eu ist nicht wenig, aber man spart ja monatlich am Spritt. Die Richtung stimmt schon mal für mich. Irgendwann hole ich mir ein E-Auto.
Agent Orange 12.09.2011
5. Ich kapiere es nicht...
also zunächst gab es schon im letzten Jahrtausend annehmbare Elektroautos, die aber im Interesse der Ölindustrie wieder vernichtet worden sind. Informieren Sie sich einmal. Dann kapiere ich nicht wieso jeder Neuversuch so hässliche Autos hervorbringt (obwohl der hier so gerade noch durchgehen kann). Für 20.000€ ist dieser Brotkasten absolut keine Alternative zum Verbrennungsmotor. Das ist nur etwas für Individualisten, die es sich leisten können. Was zum Teufel ist so schwer daran ein minimalistisches E-Fahrzeug für max. 10.000€ mit einem "normalen" Aussehen zu entwicklen? Reichweite 100km ist für Stadtverkehr völlig OK oder für den (nahen) Weg zur Arbeit. Stehen da Patente im Weg, die irgendwelche Autofirmen aufgekauft haben, damit man erst den letzten Tropfen Öl aufbrauchen muss und man dann mit besseren Produkten den neuen Markt absahnt? Und übrigens, solange der Strom dafür nicht aus erneuerbarer Energie kommt, ist das E-Fahrzeug schlimmer als ein Verbrennungsmotor. Fragen über Fragen...
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