Elektroauto im Alltagstest Mein Leben als Ladesäulen-Nomade

Wie praktisch ist ein E-Mobil, wenn man keine eigene Garage mit Steckdose hat und auf öffentliche Ladesäulen angewiesen ist? SPIEGEL-ONLINE-Autor Christian Frahm wagt den Test.

Renault Zoe
Christian Frahm

Renault Zoe


Worum geht's?

Versuchen kann man's ja mal: Christian Frahm lebt in einem Wohngebiet im Osten Hamburgs und möchte herausfinden, wie praktisch ein Elektroauto für ihn ist. Ein Test unter verschärften Bedingungen - denn er hat keine Garage und kann sein E-Mobil nur an öffentlichen Ladesäulen mit Strom befüllen. Auf SPIEGEL ONLINE berichtet er über seine Erfahrungen.

Hallo Zoe!

Da steht er nun. Unweit meiner Haustür parkt der rote Renault Zoe, mit dem ich in den kommenden Tagen durch die Gegend surren werde. In meiner Straße ist das vier Meter lange Elektroauto ein Exot. Die nächste Möglichkeit, Strom zu tanken, ist etwa 800 Meter von meiner Haustür entfernt. Dort steht eine der derzeit rund 6800 Ladesäulen, die über Deutschland verteilt sind. Die Zahl der Anschlüsse beläuft sich auf rund 20.000, an der Säule in meiner Nähe gibt es zwei Ladebuchsen.

Geringe Reichweite, hoher Preis, schlechte Ladeinfrastruktur - das sind die drei großen Hemmnisse der Elektromobilität. Und es sind die drei wesentlichen Gründe, warum Elektroautos bislang nur etwas für wohlhabende Überzeugungstäter waren - die ein Eigenheim samt Wallbox oder eine Lademöglichkeit bei der Arbeitsstelle haben.

Für mich als Laternenparker ohne Firmenparkplatz waren E-Autos mit einer Reichweite von rund 150 Kilometern daher bislang völlig uninteressant. Doch das ändert sich derzeit. Denn die neue Generation von Elektroautos verspricht reale Reichweiten von 300 Kilometern und mehr. Tägliches Akkuladen ist also nicht mehr nötig. Und ein paar mehr öffentliche Ladesäulen gibt es inzwischen auch - zumindest in Großstädten wie Hamburg.

Wird das Elektroauto damit jetzt zum Fahrzeug für jeden?

Das möchte ich herausfinden. Als Testwagen dient ein Renault Zoe, das aktuelle Modell mit einer Akkukapazität von 41 kWh. Laut NEFZ-Norm schafft der Wagen rund 400 Kilometer Reichweite, Hersteller Renault nennt als realistischen Wert immerhin noch 300 Kilometer. Der Preis: Inklusive Akku 33.200 Euro. Abzüglich der Kaufprämie (2000 Euro vom Staat, 3000 von Renault) werden 28.200 Euro fällig. Billiger wird es, wenn man den Akku nicht kauft, sondern mietet. 69 Euro pro Monat kostet das. In diesem Fall liegt der Basispreis des Zoe bei 25.200 Euro (abzüglich Prämie: 20.200 Euro).

Das ist immer noch happig für einen Kleinwagen und deutlich teurer als ein vergleichbares Modell mit Verbrennungsmotor. Allerdings: Die sinkenden Produktionskosten der immer leistungsfähigeren Akkus lassen auf billigere E-Autos hoffen. Kostete eine Kilowattstunde Akkukapazität vor zehn Jahren noch rund 1000 Euro, sind es jetzt nur noch etwa 150 Euro.

Ich drücke den Startknopf des Autos, eine sanfte Begrüßungsmelodie ertönt. Im digitalen Cockpit erscheint ein Ladebalken, der mir signalisiert, dass der Akku voll geladen ist. 329 Kilometer Reichweite werden angezeigt. Das beruhigt mich erst einmal.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des Renault Zoe - mit unserem 360-Grad-Foto:

Ich fahre los, rolle leise und geschmeidig durch mein Viertel und will das Auto erst einmal ein bisschen kennenlernen. Im energieschonenden "Eco"-Modus geht es durch Hamburgs Innenstadt, der Verkehr ist dicht, der Zoe flutscht locker mit. Nach etwa 30 Kilometern meldet der "Tour-Report" im Bordcomputer, dass ich aktuell mit 81 von 100 möglichen Effizienzpunkten unterwegs bin. Dann biege ich jedoch Richtung Autobahn ab.

Die Beschleunigung des Zoe im Eco-Modus entpuppt sich dort als derart dürftig, dass ich in den Standard-Modus wechsle, um zumindest die Lkw überholen zu können. Als die Strecke frei ist, trete ich das Pedal durch, bis der Tacho 139 km/h anzeigt - dann regelt die Elektronik automatisch ab. Das Tempo zehrt natürlich an der Akkuladung, die Restreichweite reduziert sich schneller, als der Kilometerzähler zulegt. Als ich von der Autobahn abfahre, ist mein Effizienzpunktestand auf 76 gefallen.

Was heißt das?

Laut Tacho endet meine erste Fahrt nach 72 Kilometern. Die Reichweitenanzeige im Cockpit hat jedoch um das doppelte abgenommen - 142 Kilometer sind weg. Mir wird bange: Stecken in den anfangs angezeigten 329 Kilometern Reichweite tatsächlich nur rund die Hälfte reale Kilometer? Wo soll das enden, ohne eigene Lademöglichkeit? Ich habe vor, mit dem Auto an die Ostsee zu fahren, Besorgungen zu erledigen. Was ich eigentlich nicht vorhabe, ist den Zoe mit meiner Kabeltrommel durch Vorgarten und Wohnzimmerfenster an einer Steckdose meiner Erdgeschosswohnung aufzuladen.

Oder lag der hohe Energieverbrauch bei der ersten Fahrt an meiner Fahrweise? Ist man erst jenseits von 90 oder 95 Effizienzpunkten für ein Elektroauto wie den Zoe geeignet? Ich sehe mich schon von Ladesäule zu Ladesäule zuckeln, in der Hoffnung, eine freie Buchse zu finden. Und funktioniert das Stromzapfen dann wirklich so einfach, wie es von E-Auto-Lobbyisten stets suggeriert wird?

Mit diesen Fragen im Kopf drücke ich auf die Verriegelungstaste der Chipkarte, die beim Zoe den klassischen Autoschlüssel ersetzt. Ich bin gespannt auf die Antworten.


Lesen Sie im nächsten Teil: Wie ich das erste Mal erfolgreich Strom zapfe und warum das keine Selbstverständlichkeit ist.

Wie gut kennen Sie sich mit Elektroautos aus? Testen Sie ihr Wissen in unserem Quiz.



insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
gelbesvomei 20.07.2017
1. Innerstädtisch ...
scheint mir die bei Weitem ökologischste (und auch logischste) Alternative zum Verbrennungsmotorgetriebenen PKW der Öffentliche Personennahverkehr oder das Fahrrad oder die Kombination aus beidem zu sein - und nicht das E-Mobil. Für Überlandfahrten bieteen sich dagegen eher die Dienste eines Car-Sharing-Anbieters oder ganz schnöde ein Leihwagen an. Alles einfacher UND ökologischer UND flexibler als das E-Mobil. Btw: Wenn in der näheren Umgebung zur "Lieblingszapfsäule" des Autors auch noch nur zweidreivier weitere E-Mobile angeschafft werden, wird das Laden wohl doch zum Roulette (oder Anlass zum Wanderausflug). Im Wohngebiet will sicher jeder nach der Arbeit tanken ...
seikor 20.07.2017
2. soso...
Zitat von gelbesvomeischeint mir die bei Weitem ökologischste (und auch logischste) Alternative zum Verbrennungsmotorgetriebenen PKW der Öffentliche Personennahverkehr oder das Fahrrad oder die Kombination aus beidem zu sein - und nicht das E-Mobil. Für Überlandfahrten bieteen sich dagegen eher die Dienste eines Car-Sharing-Anbieters oder ganz schnöde ein Leihwagen an. Alles einfacher UND ökologischer UND flexibler als das E-Mobil. Btw: Wenn in der näheren Umgebung zur "Lieblingszapfsäule" des Autors auch noch nur zweidreivier weitere E-Mobile angeschafft werden, wird das Laden wohl doch zum Roulette (oder Anlass zum Wanderausflug). Im Wohngebiet will sicher jeder nach der Arbeit tanken ...
Was die Handhabung betrifft, wüsste ich - außer dem Aufladen an einer externen Ladesäule - nicht, was am E-Auto schwer handzuhaben ist? Eine ungünstige Pauschalisierung. E-Autos muss man nicht anlassen, nicht schalten, nicht hören... ich find das schön (seit 11 Jahren).
seikor 20.07.2017
3. #1: Sie vergessen...
Zitat von gelbesvomeischeint mir die bei Weitem ökologischste (und auch logischste) Alternative zum Verbrennungsmotorgetriebenen PKW der Öffentliche Personennahverkehr oder das Fahrrad oder die Kombination aus beidem zu sein - und nicht das E-Mobil. Für Überlandfahrten bieteen sich dagegen eher die Dienste eines Car-Sharing-Anbieters oder ganz schnöde ein Leihwagen an. Alles einfacher UND ökologischer UND flexibler als das E-Mobil. Btw: Wenn in der näheren Umgebung zur "Lieblingszapfsäule" des Autors auch noch nur zweidreivier weitere E-Mobile angeschafft werden, wird das Laden wohl doch zum Roulette (oder Anlass zum Wanderausflug). Im Wohngebiet will sicher jeder nach der Arbeit tanken ...
... den beruflichen Pendelverkehr auf dem Land bzw. am Stadtrand. Der geht nicht mit ÖPNV (gibts nicht, da wo ich hin muss) und klappt nicht mit Carsharing (da regelmäßige Nutzung). Das E-mobil ist hier eine sehr gute und durchaus die flexibelste Lösung - mit PV-Anlage auf dem Dach auch die ökologischste und mit Sicherheit die einfachste...
gelbesvomei 20.07.2017
4. Naja - ich habe sicher noch viel mehr vergessen ...
Aber im Artikel ging es konkret um innerstädtisches Pendeln innerhalb Hamburgs und eine Fahrt an die Ostsee ... Und es ging um "Laternenparker" - genau OHNE PV-Anlage auf dem Dach. Mich persönlich hat jedenfalls weder der Artikel selbst, noch Ihre Kommentare, davon überzeugen können, dass ein E-Mobil für mich eine geeignete Lösung darstellt. Praktikabler und effizienter als überall Ladeinfrastruktur für Besserverdiener mit zweit- oder gar dritt-E-Mobil durch Stromanbieter (auf Kosten aller Stromkunden) erstellen zu lassen und knappen Parkraum zu Aufladezonen umzuwidmen scheint mir, den ÖPNV kräftig auszubauen - von mir aus auch bis in die von der Pendlerpauschale gemässteten Speckgürtel.
Flari 20.07.2017
5.
Zitat aus dem Artikel: "Als Testwagen dient ein Renault Zoe, das aktuelle Modell mit einer Akkukapazität von 41 kWh. Laut NEFZ-Norm schafft der Wagen rund 400 Kilometer Reichweite, Hersteller Renault nennt als realistischen Wert immerhin noch 300 Kilometer. Der Preis: Inklusive Akku 33.200 Euro. Abzüglich der Kaufprämie (2000 Euro vom Staat, 3000 von Renault) werden 28.200 Euro fällig. Billiger wird es, wenn man den Akku nicht kauft, sondern mietet. 69 Euro pro Monat kostet das. In diesem Fall liegt der Basispreis des Zoe bei 25.200 Euro (abzüglich Prämie: 20.200 Euro)." Der Preisunterschied von 8.000,- Euro gilt für Miete/Kauf der 22 kWh Batterie, möchte man die 41 kWh Batterie kaufen, kommen noch einmal 3.100,- Euro dazu, also insg. 11.100,- Euro. Mit der 41 kWh Batterie kostet die ZOE in der Basisversion nach Abzug aller Prämien also 31.200,- Euro. Mietet man die 41 kWh Batterie für 69,- Euro/Monat (828,-/Jahr), darf man damit nicht mehr als 7.500 km im Jahr fahren, also im Schnitt 20,5 km am Tag. Braucht man mehr Fahrleistung, kann die monatliche Batteriemiete abgestuft auf bis zu 119,- Euro (1.428,-/Jahr) steigen.
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