Elektromobil Renault Twizy: Eine Scheibe Auto, bitte

Der Renault Twizy ist halb Auto, halb Motorroller - die Renault-Marketing-Leute wollen es als das derzeit coolste Elektrovehikel der Welt verkaufen. So groß wie der Fahrspaß mit den ersten Prototypen sind allerdings auch die Zweifel am Erfolg des Zweisitzers: Ist das nur ein Spiel- oder schon ein Fahrzeug?

Renault Twizy: Das Spiel-Fahrzeug Fotos

Die Spaßgesellschaft bekommt ein neues Trendvehikel - zumindest ist Renault dieser Meinung. Neben dem elektrischen Allerweltsauto Fluence und pfiffigen Batterie-Kleinwagen wie dem Zoe bringt die Marke jetzt den unkonventionellen Twizy an den Start. Das Ding ist ein Zwitter aus Kleinwagen und Motorroller, sieht je nach Blickwinkel aus wie ein längs halbierter Smart oder wie ein verbreiterter BMW C1-Roller. Sein unbescheidenes Ziel: Den Verkehr in den Ballungsräumen revolutionieren.

Dass er trotz der kugeligen Form und den wie bei einem Formel-1-Renner freistehenden Rädern bislang noch ziemlich grau und trist wirkt, liegt an dem frühen Termin für die erste Fahrgelegenheit: "Das sind noch Prototypen", sagt Produktmanager Christophe Ambroggi entschuldigend über die farblose Kunststoffverkleidung. Bis der Twizy in knapp einem Jahr auf den Markt kommt, soll er ein kunterbuntes Mobil schillernden Designvarianten werden. Dann gibt es, zumindest gegen Aufpreis, sogar einen Satz halbhoher Türen, die wie bei einem Lamborghini nach oben aufschwingen.

Beinahe serienreif schon ist die Technik des Zweisitzers: An der Hinterachse sitzt ein Elektromotor mit 20 PS, der den 450 Kilo schweren Twizy erstaunlich flott in Fahrt bringt, bis bei Tempo 80 der Vorwärtsdrang begrenzt wird. Gespeist wird die Maschine aus einem 6 kWh großen Lithium-Ionen-Akku unter dem Fahrersitz, der im Stadtverkehr für mindestens 100 Kilometer reichen soll. Danach muss der Twizy für dreieinhalb Stunden an die Steckdose.

Auch wer noch nie Roller gefahren ist, kommt mit dem Twizy auf Anhieb gut zurecht. Man nimmt Platz auf einem ganz normalen Sitz, schnallt sich mit zwei Gurten an, hat im Fußraum zwei Pedale und vor der Brust ein normales Lenkrad. Dann nur noch die Handbremse lösen, dem Getriebeschalter auf D drücken - und schon saust man mit dem Scheibletten-Smart davon. Der Sozius jedoch hat schlechte Karten. Er muss mühsam auf den Rücksitz klettern und hockt dort breitbeinig in einer engen Höhle, das Heck im Rücken und den Fahrer vor dem Bauch.

Ein Auto für Leute, die eigentlich gar nicht Auto fahren dürfen

Imposant wie die Beschleunigung ist die Wendigkeit des Stadtflitzers: Man wuselt förmlich zwischen den Hindernissen hindurch, quetscht sich beim Parken in die kleinste Lücke und freut sich über einen Wendekreis auf dem Niveau eines Kinderdreirades: Währnd der Smart mindestens 8,80 Meter braucht, genügen dem Twizy 6,80 Meter.

Neben dem Twizy für Autofahrer gibt es noch eine abgespeckte Variante mit identischer Technik, aber limitierten Fahrleistungen: Dann wird der Motor auf 5 PS gedrosselt und das Tempo auf 45 km/h beschränkt, womit der Zweisitzer bereits mit 16 und in einigen Ländern sogar ohne Führerschein gefahren werden darf.

Das könnte der Zielgruppe gut passen, sagt Produktmanager Ambroggi. "In Paris bespielsweise hat die Hälfte der Einwohner zwischen 18 und 25 Jahren gar keine Fahrprüfung gemacht." Darüber hinaus sollen Autovermieter, Carsharing-Gruppen und Familien, die eine praktischen Zweitwagen suchen, die Twizy-Kundschaft stellen. Schließlich auch jene großstädtischen Hedonisten, die immer das neuste Gefährt haben müssen und auch ökologisch Flagge zeigen wollen. Insgesamt konkurriert der Twizy gleichermaßen mit der klassischen Vespa, dem dreirädrigen Piaggo-Roller MP3 und Kleinstautos wie Smart oder Toyota iQ.

Das Fahren macht einen Heidenspaß - wenn es warm und trocken ist

Genau dazwischen liegt auch der Preis: Er beginnt bei 6990 Euro für die Basisversion des Twizy 45 und wird wohl auch in der Top-Variante mit 80 km/h und den optionalen Türen unter 10.000 Euro bleiben. Dazu kommen allerdings 45 Euro pro Monat für die Batterie, die bei elektrischen Mobilen von Renault stets separat geleast werden muss.

Zwar will der Twizy Auto und Motorroller in einem sein, doch ganz ausspielen kann er die Vorteile beider Fahrzeuggattungen nicht. Statt sich wie mit einem Zweirad in die Kurve zu legen, bleibt man aufrecht sitzen und vermisst den Seitenhalt. Und statt Klimatisierung und Komfort wie in einem Auto zu genießen, sitzt man fast im Freien und findet kaum Staumöglichkeiten. ABS, ESP oder Servolenkung gibt es nicht, aber einen Airbag im Lenkrad.

Trotzdem macht der Twizy auf dem Testgelände einen Heidenspaß, wenn man mit dem Zweisitzer Slalom um Blumenkübel fährt, die laue Frühlingsluft genießt und mit fast 80 Sachen durch den Handlingparcours saust. In südlichen Städten wie Nizza oder Barcelona, eventuell auch im Zentrum von Paris, kann man sich den Twizy prima vorstellen. Zumal das Wägelchen zumindest anfangs mehr Aufmerksamkeit erregen dürfte als ein Ferrari.

Schon im Stau auf der Périphérique jedoch dürfte das anders aussehen. Eingekeilt zwischen Lkw, Bussen und anderen Blechburgen wird man sich im Twizy klein und verletzlich fühlen. Und an einen verregneten Tag im Herbst mag man auch nicht denken. Eine Heizung ist übrigens nicht verfügbar, stattdessen gibt es als Zubehör eine Mischung aus Regenhose und Wärmedecke, wie sie manche Rollerfahrer verwenden. Das Ding wird vom Start weg gebraucht, denn in Frankreich startet der Twizy im Dezember, hierzulande dann im kommenden März.

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Fahrzeugschein
Hersteller: Renault
Typ: Twizy
Karosserie: Kleinwagen
Motor: Elektromotor
Getriebe: Eingang-Getriebe
Antrieb: Heck
Leistung (E-Motor): 18 PS (13 kW)
Drehmoment (E-Motor): 57 Nm
Höchstgeschw.: 80 km/h
Kofferraum: 31 Liter
Gewicht: 562 kg
Preis: 7.990 EUR
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Renault Twizy

Einsteigen: ...weil es schon lange keinen so unkonventionellen Kleinwagen mehr gab und man in dem Ding im Stadtverkehr zum König wird.

Aussteigen: ...weil es zugig ist im Twizy, und weil er eben doch nicht so handlich ist wie ein Roller.

Umsteigen: ...von Rollern wie Piaggio MP3 oder Vespa und aus Autos wie Smart, Toyota iQ oder Renault Twingo.



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