E-Bike Energica EsseEsse9 im Test Das Aus für den Verbrennungsmotor

Wer unter E-Motorrädern nach der Spitzenklasse sucht, landet zwangsläufig bei der Energica EsseEsse9. Der Preis für das E-Bike ist nicht von Pappe - dafür braucht man kein normales Motorrad mehr.

Energica

Der erste Eindruck: Eine gelungene Mischung aus Märklin-Metallbaukasten und Hightech-Komponenten.

Das sagt der Hersteller: Energica, der italienische Kleinserienhersteller aus Modena, hat erst im Frühjahr 2015 sein erstes Motorrad überhaupt verkauft, das Elektro-Superbike Ego. Im Herbst 2016 kam der unverkleidete Roadster Eva ins Angebot. Jetzt folgt die EsseEsse9, ein "Electric Old School-Bike", benannt nach der alten Landstraße SS9 von Mailand nach Rimini. Das ist selbstbewusst.

"Die EsseEsse9 ist unser nächster logischer Schritt", sagt der Entwicklungschef von Energica, Giampero Testoni, dazu. "Die technische Plattform hat sich inzwischen so bewährt, dass wir zügig Modelle auf die Schiene bringen können. Und die Old School-Interpretation eines ganz jungen E-Bikes, das hat uns sehr gereizt."

Energica hat fast zehn Jahre in die Idee und Entwicklung von Elektromotorrädern investiert. Dass die Italiener diese Durststrecke durchgehalten haben, hat viele Beobachter überrascht. Der Grund für den Erfolg: ein gediegenes technologisches und finanzielles Hinterland: der Mutterkonzern CRP Technology, ein Spezialist für Prototypenherstellung mit 3-D-Druckern und exotischen High-End-Materialien, hält lukrative Patente.

Livia und Franco Cevolini, Tochter und Sohn des CRP-Gründers, haben Energica vor zwei Jahren an die Mailänder Börse gebracht und die Firmenkasse weiter gefüllt. "Unser Businessplan ist konservativ. 2018 wollen wir 400 Fahrzeuge verkaufen", sagt Giampero Testoni.

Das ist uns aufgefallen: Neues E-Bike und Old School, das geht gut zusammen. Während der Design-Strich der Energica Ego noch ein traditionelles Superbike-Gewand übergestülpt hat, durfte die Phantasie bei der EsseEsse9 und beim Sondermodell S mit der gelben Plakette an der Seite volle Fahrt aufnehmen. Filigrane Speichen und schwarze Felgen statt Guss, die Offenlegung von Akku und Motor, dazu der braune Sattel in Retro-Manier und liebevolle Details wie das aus dem Vollen gefräste Aluminium-Lampengehäuse machen die Energica zu einer Fahrmaschine, die wohlwollend ins Auge sticht.

Das entscheidende Bauteil ist allerdings der überbreite, flache Lenker, das wird schon nach den ersten Metern auf der Straße klar. Als Fahrer wird man durch ihn optimal hinter den Armaturen und dem LED-Cockpit positioniert; bereit, der EsseEsse9 klare Richtungsbefehle zu geben. Die braucht es, denn leicht sind die Energicas allesamt nicht: Der Batterieblock mit einer Speicherkapazität von 11,7 kWh wiegt allein mehr als 110 Kilogramm. Insgesamt bringt die EsseEsse9 gut 280 Kilogramm auf die Waage.

Der Fahrfreude tut das Gewicht keinen Abbruch; dafür sorgten das über die Marzocchi- oder Öhlins-Gabel (nur in der S-Version oder gegen Aufpreis) gut tarierbare Chassis und der formidable E-Antrieb. Der arbeitet mit der gleichen intelligenten Steuerungstechnik, die in der Energica Ego und der Eva verbaut wird, und die zum Beispiel per Knopfdruck zum Rangieren in den Rückwärtsgang umschaltet.

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Autogramm Energica EsseEsse9: Und es hat Summ gemacht

Wenn es außerhalb der Stadt vorwärts geht, sind die EsseEsse9 und ihr Elektromotor kaum zu halten. 109 PS Spitzenleistung, gepaart mit einem unglaublichen Drehmoment von 180 Nm hieven das E-Bike auf ein Leistungsniveau, auf dem man sich auch vor weitaus stärker motorisierten Verbrenner-Motorrädern nicht verstecken muss. Wenn die EsseEsse9 auf Landstraßen aus der Kurve zieht, verstummt jegliche Kritik am Power-Potenzial von Elektromotorrädern.

Nichts verändert hat sich an der Reichweite des Fahrzeugs. Energica gibt basierend auf forschen Landstraßengeschwindigkeiten einen Richtwert von etwa 140 Kilometer an, bevor die EsseEsse9 wieder ans Stromnetz muss. Da angedockt, spielt die Energica dann allerdings einen ihrer großen Vorteile gegenüber anderen E-Bikes wie etwa der ZERO aus: Schon serienmäßig haben die Italiener eine Schnellladeelektronik an Bord.

Bei der Testfahrt in Italien haben wir den Akku-Block der EsseEsse9 an einem Fast Charger innerhalb von 20 Minuten von 10 auf 85 Prozent Ladung gebracht und auch die Reichweite lag im Rahmen der Vorgaben: Nach 35 Kilometern flotter Fahrstrecke war die Ladungsanzeige um 25 Prozent gefallen. 140 Kilometer Reichweite sind also realistisch und variabel je nach wählbarem Fahrmodus Urban, Eco, Rain oder Sport.

Das muss man wissen: Kleinserie und dann auch noch Italien, das lässt bei der EsseEsse9 alte Vorurteile in Sachen Zuverlässigkeit und Qualität aufkommen. Völlig falsch. Energica hat in der Manufaktur nahe Modena hochwertige Komponenten mit einem sehr hohen Verarbeitungsniveau gepaart.

Die Premium-Verarbeitung ist auch angebracht, denn billig sind die EsseEsse9-Modelle nicht: Die Standardausführung mit Gussrädern kostet 21.600 Euro, die S-Version mit dem markanten gelb-schwarzen Namensblech und den Speichenrädern 23.240 Euro. Teuer? Energica bewegt sich bewusst in einem Premium-Preissegment, in dem ohnehin nur der Wunsch oder das Statement eine Rolle bei der Kaufentscheidung spielt.

Das werden wir nicht vergessen: Wie gebannt Passanten auf dieses seltsame Gefährt starren, welches sich lautlos anschleicht und dann mit der Geschwindigkeit und dem schrillen Pfeifen eines Kampfjets aus ihrem Blickfeld verschwindet.

Fahrzeugschein
Hersteller: Energica
Typ: Eva EsseEsse9
Karosserie: Motorrad
Motor: Elektromotor
Getriebe: Direktübersetzung
Leistung: 109 PS
Drehmoment: 180 Nm
Höchstgeschw.: 200 km/h
Gewicht: 280 kg
Preis: 21.600 EUR


insgesamt 126 Beiträge
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Seite 1
herjemine 20.12.2017
1. Nix gerafft!
Was soll das denn sein? Ich fahr täglich 200km hin und wieder her. Ganz zu schweigen wie ich die Wochenendeinkäufe plus zwei Kisten Bier nach Hause bewegen soll. Und unsere Familienferien, ich mein, Frau und drei Kinder passen da ja noch mit drauf, aber dann bricht doch die Reichweite übelst ein. Speziell jetzt wo es doch zum Wintersportort über 550 Kilometer bei Minusgraden auf 2000 Meter überm Meer gehen soll! Wie Mann sieht: die haben nix gerafft diese Elektroheinis! Achso. Is ein Motorrad! Na sag ich doch: Wochendndeinkäufe und fünfköpfige Familie geht da so was von gar nicht, und wie soll ich denn die scharfen Mädels von der Berufsschule ohne Benzinpestilenz und Auspuffröhren beeindrucken. Weil, sein wir mal ehrlich: nur drei Kinde von nur einer Frau: das geht ja sowas von gar nicht! Und deshalb auch die Elektro"mobilität" nicht!
quark2@mailinator.com 20.12.2017
2.
Gott, was für ein Werbeartikel, oder schreibt da der totale Fan ? Egal, was soll der undifferenzierte Hype ? Alleine die Reichweite ist ein Witz. Nehmen wir die 140km mal als gegeben. Dann sind 85% davon nach den ersten 20min Laden nur noch so ca. 100km. Dann muß man wieder 20min laden. Und wirklich leer will man den Akku nicht fahren. Also dauernd hoffen, daß die nächste Steckdose auch da ist und frei ist und jede Stunde 20min warten. Und das bei dem Gewicht (und Preis). Also OK, ja, es geht für den Pendler, klar. Aber nicht für Touren. Also ist die Überschrift, man brauche keinen Verbrenner mehr, einfach Humbug, sorry. Über das Design kann man sicher trefflich streiten. Ein paar Sachen gefallen mir, aber der "Stabilobaukasten" und dieser sich nicht einfügende Alu-Scheinwerfer wiederum gar nicht. Was ist das nur immer für ein Hype, wenn was "aus einem Stück gefäst" ist ? Das ist die verschwenderischste und trivialste Fertigungsmethode, wenn einem wirklich nicht einfällt, wie man das anders machen kann. Geht für Kleinserien, klar. Aber toll ? Sorry. Und Alu für LED-Lampen zu nehmen ist Banane, denn das macht man eigentlich immer wegen der Kühlung. Wie gesagt, aus meiner Sicht ein überhypter Artikel mit Verbellung diverser Markennamen. Kein schlechtes Bike, sicher, aber 100kg zu schwer.
janfred 20.12.2017
3. teilweise ganz hübsch...
aber das Design ist alles andere als "Old School". Es ist das Einheitsdesign, halt so wie alle Motorräder seit 10-15 Jahren aussehen. Die Instrumenteneinheit ist eher Star Trek Design. Meiner Meinung nach einzigstes Highlight sind die Speichenfelgen. Ich werde weiterhin und so lange wie ich auf ein Motorrad schmerzfrei aufsteigen kann, meine kleine Motorradsammlung pflegen. Alle Maschinen 70 bis 80er Jahre, also mit stinkenden, lauten Verbrennungsmotoren. Da darf mich bei max. 2-3000 km Fahrleistung im Jahr auch ruhig jeder Umwelt - oder Inovationsrüpel nennen. Dafür sind meine Mopeds wirklich Old School.
ash26e 20.12.2017
4. E-mobile Hype
Kommt bei allen unleugbaren Vorzügen des Elektromotors für mich als Tourenfahrer nicht in Frage.
M. Michaelis 20.12.2017
5.
Aktionsradius von 70km ist selbst für ein Motorrad doch arg dürftig. Weniger als 150 km Aktionsradius ist nicht wirklich brauchbar.
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