Fahrbericht Chevrolet Camaro Cabrio: Dach weg beim Dampfhammer

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Mitten im Winter bringt Chevrolet die Cabrioversion des Camaro nach Deutschland. Der Einführungstermin ist so unvernünftig wie das Auto selbst - ein durstiger, donnernder Muskelprotz, der breitbeinig im Revier des Porsche 911 wildert. Als Fahrer braucht man vor allem eins: Selbstbewusstsein.

Chevrolet Camaro Cabrio Fotos

Der nächste Sommer kommt bestimmt, und ein paar sonnige Tage wird es auch vorher noch geben. Mit dieser Einstellung muss man wohl herangehen an ein neues Cabriolet, das im Spätherbst auf die hiesigen Straßen rollt. Grau hängt der Novemberhimmel über dem Land, es ist kalt und ungemütlich. Nur echte Freaks würden bei dieser Witterung offen fahren. Also bleibt das Verdeck erstmal geschlossen.

So hockt man nun in einem düsteren Innenraum, der Ausblick nicht nur nach hinten ist bescheiden und die Beschäftigung mit dem Interieur ernüchternd. Auf der einen Seite wurde die EU-Version des Camaro Cabrios ein wenig verfeinert und die Materialien wirken etwas besser als jene der US-Ausgabe. Auf der anderen Seite genügt diese Ausstattung noch immer nicht europäischen Standards. Einige Kunststoffe wirken billig, die im Stil von Siebziger-Jahre-Uhren geformten Zusatzinstrumente auf dem Mitteltunnel sehen nach Radiowecker aus und die Grafik des Head-Up-Displays ist auf Commodore-C64-Niveau. Immerhin gibt es die Technik in diesem Wagen wenigstens. Damit ist der Camaro neben seiner großen Schwester Corvette der einzige Sportwagen, der wichtige Anzeigen direkt ins Blickfeld des Fahrers projiziert.

Zum Glück löst sich der Hochnebel allmählich auf. Der Himmel wird langsam blau und die Laune bessert sich. Zeit, das Verdeck zu öffnen. Ein kurzer Dreh am Zentralverschluss, der vor dem Innenspiegel sitzt, und mit einem Surren klappt die Mechanik die Überdachung zurück. Endlich ist der Wagen seiner Bestimmung gemäß gekleidet, als offenes Auto nämlich. Die Heizung hat zwar Mühe, gegen Novemberkälte anzukämpfen, doch trotz der eisigen Temperaturen kommen beinahe Sommergefühle auf, wenn der Camaro über Land rollt, begleitet vom blubbernden Klang aus acht großvolumigen Zylindern.

Camaro-Cabrio-Fahrer brauchen ein stabiles Selbstbewusstsein

Den sonoren Soundtrack vermittelt vor allem die Version mit Schaltgetriebe. Denn anders als die Automatik-Variante ist deren Motor nicht mit einer Zylinderabschaltung ausgestattet. Das treibt den Normverbrauch zwar auf im Prinzip inakzeptable 14,1 Litern, aber mit Zylinderabschaltung ist der Wert ohnehin nur ein paar Zehntel niedriger. Dafür gibt es aber dann diesen urtümlichen Sound, den sie so nur in Motown hinbekommen. Beim Cruisen ist es ein geruhsamer Groove, in den sich - wie kleine Soli - immer mal wieder ein paar Fehlzündungen mischen. Und wenn man Gas gibt, klingt der 6,2 Liter große Motor so wütend und wuchtig, dass sich selbst Porsche-Fahrer nach dem Chevrolet umdrehen.

Überhaupt verlangt das Camaro Cabrio eher nach extrovertierten Gemütern. Wo der Wagen auftaucht, zieht er die Blicke auf sich. Sogar der neue Porsche 911 ist dagegen vergleichsweise unauffällig. Das liegt zweifellos am ebenso protzigen wie pubertären Auftritt des Wagens. Wer gern im Mittelpunkt steht, wird den offenen Camaro lieben - zumal der Schlitten das wohl coolste Requisit ist, um die allerneueste Sonnenbrille auszuführen.

Der Vergleich mit dem Porsche ist übrigens gar nicht so weit hergeholt. Denn obwohl der offene Camaro 43.990 Euro kostet und damit kaum halb so viel wie der Sportwagen aus Stuttgart, bietet er eine ähnliche Leistungswerte. Wo die Schwaben derzeit bis maximal 400 PS gehen, kommt der Camaro sogar auf 432. Und mit bis zu 569 Nm Drehmoment ist er nahezu ähnlich flott bei der Sache: In 5,4 Sekunden kommt der US-Sportler auf Tempo 100 und schafft immerhin 250 km/h. Chevrolet-Deutschand-Chef Steffen Raschig nennt den Camaro deshalb wohl einen "Image-Booster", den die Marke ist hierzulande bislang vor allem für billige Kleinwagen und Familienautos bekannt.

Der Camaro ist ein schneller, aber grobschlächtiger Sportwagen

Die Parallelen zu Porsche sind jedoch leider nicht durchgängig vorhanden. Während sich der deutsche Vorzeigesportler fahren lässt wie ein Präzisionsinstrument, ist der Camaro eher wie ein Holzhammer für Grobmotoriker. Nicht mit den Fingerspitzen, sondern mit der ganzen Pranke muss man den dicken Kranz des Sportlenkrads greifen, und die sechs Gänge wollen mit Kraft sortiert werden. Bei Abstimmungsfahrten auf der Nordschleife, so heißt es bei Chevrolet, erreichten die Techniker mit der Sportversion ZL1 die beachtliche Rundenzeit von 7:41 Minuten. Man sollte sich allerdings vorsichtig in derartige Sphären vorwagen, denn das Auto verlangt dann äußerste Konzentration. Einmal in der Kurve zu stark aufs Gas getreten, schon bricht der Wagen aus und die Elektronik muss ran.

Grundsätzlich passen solche Einlagen bestens zum Wesen des Camaro. Dem Auto haftet einfach ein Bad-Boy-Image an, selbst wenn man gesittet und mit geöffnetem Dach über die Flaniermeile brabbelt. Hin und wieder ein kecker Gasstoß - das verschafft Aufmerksamkeit. Und wer ein echter Camaro-Fahrer ist, wird sie genießen.

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General Motors: Die zehn schönsten Modelle

Fahrzeugschein
Hersteller: Chevrolet
Typ: Camaro Cabrio
Karosserie: Cabrio/Roadster
Motor: V8-Benziner
Getriebe: Sechsgang-Schaltgetriebe
Antrieb: Heck
Hubraum: 6.162 ccm
Leistung: 432 PS (318 kW)
Drehmoment: 569 Nm
Von 0 auf 100: 5,4 s
Höchstgeschw.: 250 km/h
Verbrauch (ECE): 14,1 Liter
CO2-Ausstoß: 329 g/km
Kofferraum: 328 Liter
umgebaut: 287 Liter
Versicherung: 16 (HP) / 26 (TK) / 30 (VK)
Preis: 43.990 EUR

Schnellcheck

Chevrolet Camaro Cabrio

Einsteigen: ...weil man mit dem US-Cabrio überall im Mittelpunkt steht.

Aussteigen: ...weil dem Finish die Finesse fehlt und das Verdeck noch von Hand ent- oder verriegelt werden muss.

Umsteigen: ...aus Ford Mustang Cabrio, Corvette und jedem Sportwagen, der mehr kostet und weniger auffällig ist.


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