Fahrbericht Citroën C4 Cactus Die Beule war schon!

Über den C4 Cactus lässt sich wunderbar streiten. Citroën hat dem Kompakt-SUV ein unerhörtes Design verpasst und einige Selbstverständlichkeiten völlig anders gemacht. Trotzdem fehlt was.

Jürgen Pander

Von Jürgen Pander


Auf den ersten Blick wirkt der Citroën C4 Cactus etwas verstörend. Diese seltsamen Plastikbeulen an der Seite: Wurden da etwa Dellen nach einem seitlichen Aufprall notdürftig kaschiert? Nein, der Wagen ist tatsächlich ganz neu und unbeschadet. Ausnahmsweise übertreibt hier der Hersteller einfach mal nicht, wenn er den Kompakt-SUV als "gewagtes und modernes Fahrzeug" bezeichnet.

Der C4 Cactus bietet nämlich ein cleveres Format, reichlich Platz, eher schlichte Technik und ein frisches Design. Er ist mit 4,16 Meter rund zehn Zentimeter kürzer als ein VW Golf, doch das Raumgefühl im Auto ist mindestens so gut wie im Wolfsburger Dauerbrenner; und der Kofferraum fasst mit 358 Liter (VW Golf: 380 Liter) nur geringfügig weniger Gepäck. Die Rundumsicht ist prima, die Sitze bieten hohen Komfort und - eine lange vermisste Citroën-Tugend - das Auto sperrt sich elegant gegen die Konvention. Das gilt vor allem für die Optik.

Die Frontpartie verzichtet auf einen Kühlergrill, trägt dafür auf jeder Seite zwei voneinander getrennte Scheinwerfereinheiten und zwei farblich abgesetzte Kunststoffpanele mit ovalen Ausbeulungen - sogenannte Airbumps. Das ist der offizielle Name der erwähnten Beulen. Es handelt sich um mit Luft gefüllte Polyurethan-Puffer, von denen es rund ums Auto insgesamt 34 gibt. Die Dinger können bis zu zwei Zentimeter tief einfedern, ohne dass Kunststoff oder Karosserie beschädigt werden. Entwickelt vom deutschen Zulieferer Rehau, schützen sie den Wagen bei kleinen Remplern und vor Parkplatzschrammen.

Ob man die Bumps nun mag oder nicht, ein Hingucker sind sie. Leider hat Citroën aber ausgerechnet an der empfindlichsten Stelle den Beulenschutz vergessen: an der Kante der Fondtüren. Wird die hintere Tür zu optimistisch geöffnet, knallt -wie bei jedem anderen Auto auch - Blech an Wand, Pfosten oder den Wagen auf dem Nachbarparkplatz. Blöd, wenn eine gute Idee so vermasselt wird.

Verzicht als Prinzip

Am insgesamt lobenswerten Ansatz des C4 Cactus ändert das jedoch nichts. Citroën hat bei diesem Auto allerlei Dinge, die mittlerweile als unverzichtbar gelten, einfach weggelassen. Die Fenster in den hinteren Türen etwa können nicht versenkt, sondern nur ausgestellt werden; die Rücksitzlehne ist nicht geteilt, sondern muss im Ganzen umgeklappt werden. Offenbar wurde auch reichlich Dämmmaterial gespart, denn der Dreizylinder-Benziner in unserem Testauto brummte schon beim entspanntem Anfahren vorlaut.

Citroën sagt, durch diese und weitere Maßnahmen sei der C4 Cactus gegenüber dem normalen Kompaktauto C4 um rund 200 Kilogramm leichter geworden. Für unser Testauto beispielsweise wird ein Leergewicht von 1040 Kilogramm ausgewiesen. Wer nun aber glaubt, dass daraus auch ein Verbrauch "light" resultiert, irrt. Offiziell gibt Citroën für den C4 Cactus mit 82-PS-Motor und Fünfgang-Schaltgetriebe ohne Start-Stopp-Automatik einen Durchschnittsverbrauch von 4,6 Liter je 100 Kilometer an. Der tatsächliche Testverbrauch lag bei rund acht Litern, und zwar ohne Autobahn-Dröhnungen oder ähnliche Spritfressereien.

Niemand behauptet, dass die Stärken des C4 Cactus in der Antriebstechnik liegen. Die ist ordentlicher Durchschnitt, mehr nicht. Innovativ ist das Auto an anderen Stellen.

Der Beifahrer-Airbag beispielsweise sitzt oben im Windschutzscheibenrahmen, weshalb es rechts in der schlanken Armaturentafel ein Handschuhfach gibt, das nicht nach vorne aufklappt, sondern nach oben - wie eine Schatulle. Die Türgriffe sind im Stil von Koffergriffen gefertigt und die leicht eckige Form des Lenkrads nimmt die Quadratur des Kreises wörtlich. Es gibt außerdem praktisch keine Knöpfe auf der Armaturentafel, die Bedienung erfolgt komplett über einen Touchscreen.

Bei Regen fahren und Wasser sparen

Solche Details sind mehr als nur ein paar Gimmicks - sondern der Ausdruck von Citroëns erklärtem Willen, mit dem C4 Cactus einen unverkrampften und ästhetisch überraschenden Zugang zum Thema Automobil zu bieten. Schon dieser Ansatz verdient Respekt.

Aufschlussreich war übrigens auch eine Testfahrt im Regen. Denn wenn es pladdert, lässt sich eine Neuheit namens "Magic Wash" am besten kennenlernen. Es handelt sich um Wasserdüsen, die am Ende der Scheibenwischer platziert sind und von dort einen dünnen Wischwasserstrahl versprühen. Das sorgt erstens für schlierenfreie Sicht und spart zweitens Wasser. Citroën sagt, es werde gegenüber herkömmlichen Systemen nur die Hälfte des Wischwassers benötigt. Der Fortschritt tritt manchmal an Stellen auf, wo man ihn nun wirklich nicht erwartet.

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insgesamt 58 Beiträge
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haifischsee 14.12.2014
1. Magic Wash...
...hat schon mein Citroen BX aus 1989. Also keine Neuheit. Und ob die Welt auf viereckige Lenkräder gewartet hat, sei dahingestellt. Hier sollte meiner bescheidenen Meinung nach weiterhin der Grundsatz "Form follows function" gelten.
GSYBE 14.12.2014
2. Tja, ich weiss auch nicht so recht...
Meine Frau und ich sind langjährige treue Kunden der PSA Fahrzeuge. Vom CACTUS waren wir spontan begeistert - zumal er bei Madrid gefetigt wird (und wir seit gut 20 Jahren in Spanien leben). Eine Probefahrt im CACTUS (mit HDI-Motor und Automatikgetriebe) viel auch zufriedenstellend aus. Obwohl eigentlich alles passte, wir selbst sehr aufgeschlossen und für Neues immer offen sind, haben wir letzte Woche dann doch einen C3 PICASSO als Zweitwagen bestellt (und gleichzeitig einen DS5 180HDI Sport als Erstwagen). Als Antwort auf das `warum´ fällt mir eigentlich nichts Konkretes ein. Fakt ist aber unzweifelhaft, das die Franzosen es glaubhaft und unverkrampft verstehen, sich von dem deutschen - sog. `Premium´ - Autoeinheitsbrei abzuheben. Fakt ist auch, dass man(n)/frau für sein/ihr Geld deutlich mehr Auto für das gleiche Geld bekommt (Rabatt für Firmenkunden hier in Spanien bei Mercedes: 7% - bei Citroën: 21%). Momentan fahre ich noch eine 407 V6 Coupe; jeder Bekannte aus Deutschland war bisher baff was das für ein tolles Auto ist, nachdem er einmal mitgefahren war. Und jeder hat unumwunden zugestanden, dass ein vergleichbares deutsches `Premium´ Fahrzeug wohl locker 15-20.000€ brutto mehr kosten würde. Weiter so Citroën!
Sir Henry I. 14.12.2014
3. Charmantes Rotohr - und ein Schnäppchen dazu!
Endlich mal wieder ein unverkrampftes französisches Original mit Kult-Charakter, Chapeau. Daß es bei uns nicht so einschlagen wird wie in der Grande Nation, sei verziehen. Es ist halt ein Wagen mit Ecken und Kanten und paßt so gar nicht in den stromlinienförmigen SUV-Einheitsbrei der konventionellen Garde. Das beste sind die roten Ohren, die sofort jeden amüsieren und für ihn einnehmen: Man mag ihn auf der Stelle ins Herz schließen. Also: Mindestens das Kult-Potential der "Göttlichen", diesmal nur in Stachelform. Mögen sich möglichst viele an ihm reiben!
IntelliGenz 14.12.2014
4. auf eine ganz wichtige Sache
wurde in diesem Bericht nicht eingegangen. Citroen Modelle sind dafuer bekannt, Ihren Fahrern bestmoegliche Beinfreiheit zu erlauben. Davon koennten sich deutsche Autohersteller ruhig mal ein Stueck abschneiden. Was nuetzt mir die schickste und teuerste deutsche Nobelkarosse, wenn's im Fahrersitz zugeht wie bei Schumi im Cockpit. Sogar Sardinen in der Dose haben mehr (Flossen)Beinfreiheit. Ich fuehle mich in solchen Autos auf Langstrecken zu einer steifen Puppe degradiert, noch dazu in unbequemster Haltung. Ist gar nicht gut fuer die Durchblutung der Beine. Im vorgestellten Citroen ist die Mittelkonsole so tief wie's nur zu machen ging, verbaut, und man kann beiden Beinen etwas Bewegung verschaffen
ogg00 14.12.2014
5. Touchscreen im Auto
Wer einen Touchscreen im Auto verbaut, ist nicht wagemutig sondern schlicht geizig bzw. dumm. Fliehkräfte, Erschütterungen und nicht zuletzt der Zwang den Blick von der Straße abzuwenden sind Fakten, die man hier geflissentlich ignoriert zu Lasten der Verkehrssicherheit und des Komforts.
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