Autogramm Honda VFR800X Crossrunner Derber Sound, Dicker

Unförmig und überteuert: Als die VFR800X Crossrunner 2011 auf den Markt kam, war das Motorrad eine Enttäuschung. Bei der zweiten Baureihe hat Honda vieles verbessert - aber nicht alle Probleme beseitigen können.

Honda

Der erste Eindruck: Endlich ist es ein Motorrad. Die Crossrunner hat ein freundliches Gesicht mit Doppelscheinwerfern erhalten, die sinnlose Plastikverpackung um den V4-Motor herum wurde entfernt. Vorher sah die Maschine wie ein fette Raupe aus.

Das sagt der Hersteller: "Mir gefällt sie jetzt auch viel besser", meint Oliver Franz, Pressesprecher von Honda Deutschland. Bei der Formgebung habe man sich bei der großen Schwester Crosstourer bedient. "Aber wer die Neuauflage nur auf optische Korrekturen reduziert", so Franz, "tut der Crossrunner wirklich unrecht."

Tatsächlich hat Honda ein grundlegend verändertes Fahrzeug auf die Beine gestellt: Der VFR800-Motor wurde für die überarbeitete Version auf 106 PS getrimmt, hat bei mittleren Drehzahlen etwas mehr Durchzug als das Vorläufermodell und soll mit 5,3 Liter auf hundert Kilometer auch signifikant sparsamer arbeiten.

Auch die neue Brems- und Auspuffanlage, die leichteren Gussspeichenräder, die veränderte Fahrwerkgeometrie sowie die längeren Federwege zählt Franz auf. "Wenn es noch ein neuer Rahmen geworden wäre, hätten wir ein komplettes Neufahrzeug vorstellen können."

Das ist uns aufgefallen: Aufsitzen und wohlfühlen, so läuft das hier. Honda hat den etwas breiteren Lenker ein paar Zentimeter nach hinten positioniert, etwas angehoben und damit die Ergonomie der Crossrunner gezielt verändert. Die Sitzposition ist endlich entspannt, die Kniebeuge offener.

Überhaupt wirkt das Fahrzeug luftiger: Die potthässliche Plastikverkleidung wurde auch am Lenker ersatzlos gestrichen, das Cockpit ist jetzt ein moderner Arbeitsplatz - hinter einem leider nicht verstellbaren Windschutz. Die neuen digitalen Anzeigen glitzern golden und sind selbst im prallen Tageslicht leicht zu lesen. Allerdings drängt Honda dem Fahrer alle Informationen auf, die die Elektronik hergibt - der Kilometerstand und andere verzichtbare Werte lassen sich nicht verbergen. Weniger wäre da mehr.

Etwas mehr wäre hingegen nicht schlecht bei der Leistung. Die Crossrunner läuft zwar flott, wenn man den Motor auf Drehzahl hält. Aber aus den Startlöchern kommt die Maschine nicht so richtig. Bei der Schwester, der Sportlerin Honda VFR800F, macht sich das nicht so bemerkbar - vielleicht liegt es bei der Crossrunner an der aufrechteren, gemütlicheren Sitzposition. Der fehlende Punch stört aber nicht weiter; der Wert der Crossrunner liegt im flüssigen Cruisen, dem sauberen Kurvenziehen und der entspannten Überwindung einer Langdistanz.

Bei der Ausstattung hat Honda einiges zu bieten: Eine Traktionskontrolle mit drei Stufen, die sich auch komplett ausschalten lässt, ABS, serienmäßige Heizgriffe und selbstabschaltbare Blinker.

Das muss man wissen: In der hart umkämpften Klasse der Mittelklasse-Tourer machen sich immer mehr domestizierte und straßenorientierte Enduros breit - die Honda muss sich unter anderem gegen die etablierte BMW F 800 GS, die billigere Triumph Tiger 800 XR und nicht zuletzt gegen die viel leichtere Ducati Hyperstrada behaupten. Einfach wird es die 2015er Crossrunner, die noch vor Weihnachten 2014 an die Händler ausgeliefert wird, gegen diese Konkurrenz auch nach dem Rundum-Erneuerung nicht haben.

Hondas "Adventure Style"-Motorrad hat mit 242 Kilogramm Gewicht nämlich ziemlich viel Speck auf den Rippen und zudem ein Preisproblem: 12.490 Euro inklusive Nebenkosten (wie Überführung), plus eine vierstellige Zusatzsumme für sinnvolles Reisezubehör (Koffer, Gepäckbrücke) und technische Spielereien (Zusatzscheinwerfer, Schaltassistent). Der Betrag ist in dieser Klasse fast schon ein immanentes K.-o.-Kriterium - wenn man nicht ein echter Liebhaber von V4-Motoren ist.

Am Preis-Leistungs-Verhältnis hat auch das Vorläufermodell gelitten; unter tausend verkaufte Exemplare in den ersten drei Modelljahren können Honda Deutschland natürlich nicht zufriedenstellen.

Das werden wir nicht vergessen: Den sinnlichen Moment, wenn durch die Honda-VTEC-Technik aus dem VFR800-Achtventil-Motor ein Sechzehnventiler wird.

Das funktioniert so: Mittels eines ausgeklügelten Hydraulik- und Federnsystems wird bei 6500 Umdrehungen im Innern des VFR800-Aggregats eine zweite Nockenwelle angehoben, die pro Zylinder zwei Ventile zuschaltet.

Die variable Ventilführung hat zwar keine erkennbaren konstruktiven Vorteile - aber sie verleiht dem Motor einen raubeinigen Charakter und einen verrückten Sound, der erst auf das Zwerchfell und dann ans Herz geht: Was eben noch zum Zweier-Beat tief gegrummelt hat, jubiliert nun im Viervierteltakt der Drehzahlgrenze entgegen.



insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
schwarzes_lamm 15.12.2014
1.
Die Zeiten der PS- und Hubraumstarken Boliden ist schlicht und ergreifend vorbei; der Trend geht zu quirligen und kleinen Vernunftmotorrädern oder zu exklusiven Luxusbikes. Honda hat bis jetzt als einziger Hersteller die Zeichen erkannt und bietet mit der NC-750 und der CB-500F Modelle an, die günstig in Anschaffung und Unterhalt, aber trotzdem ausreichend Leistung haben, um auch im Autobahnverkehr mitschwimmen zu können. Yamaha hat mit der MT-07 auch ein Modell aufgelegt, dass diesem Trend Rechnung trägt. Modelle wie die VFR800 sind nicht mehr zeitgemäß, daher erübrigt sich jede weitere Diskussion über solche Modelle.
3-plus-1 15.12.2014
2.
Mit der "Enthässlichung" hat nicht nur Honda begonnen, sondern auch Kawasaki. Ich sehe zu diesem Modell - ein Vierzylinder über 100 PS - vor allem die überarbeitete Versys 1000 als ganz harte Konkurrenz: http://www.kawasaki.de/de/products/dual_purpose/2015/versys_1000/overview?Uid=0985CgxdUA1bClpeUQ4JXFsLDgoMWAkNXlleUF8NDVoKDV0 Zudem wird sicher auch - wenn man auf einen Zylinder verzichten kann - die neue Yamaha MT-09 Tracer mit ähnlicher Sitzposition die potentiellen Käufer locken: http://www.yamaha-motor.eu/de/products/motorcycles/mt/mt-09-tracer.aspx Die im Artikel erwähnten Enduros (BMW F 800 GS) mit zwei Zylindern und der Auslegung auf Schotterwege und nicht auf Straße, dürften da eher nicht zu den direkten Konkurenten zählen. Wer sich für diese Honda (oder eine Versys 1000, MT-09 Tracer, etc.) interessiert will wohl hauptsächlich auf der Straße brennen, sich aber - vielleicht auch wegen einer Körpergröße über 1,75m - nicht mehr die Embryo-Haltung auf Sportlern antun.
Hornet63 15.12.2014
3. Die Maschine wird es schwer haben.
Zitat von schwarzes_lammDie Zeiten der PS- und Hubraumstarken Boliden ist schlicht und ergreifend vorbei; der Trend geht zu quirligen und kleinen Vernunftmotorrädern oder zu exklusiven Luxusbikes. Honda hat bis jetzt als einziger Hersteller die Zeichen erkannt und bietet mit der NC-750 und der CB-500F Modelle an, die günstig in Anschaffung und Unterhalt, aber trotzdem ausreichend Leistung haben, um auch im Autobahnverkehr mitschwimmen zu können. Yamaha hat mit der MT-07 auch ein Modell aufgelegt, dass diesem Trend Rechnung trägt. Modelle wie die VFR800 sind nicht mehr zeitgemäß, daher erübrigt sich jede weitere Diskussion über solche Modelle.
Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Der Markt für Reiseenduros ist jedenfalls da. Einige im Artikel erwähnte Fakten und Bilder dürften es der Maschine schwer machen. Ich persönlich mag zum Beispiel diese japanischen Mäusekinos nicht. Viel interessanter dürfte aber der Preis sein. Wenn ich schon als Käufer so viel Geld übrig habe und nach einem neuen Mopped in diesem Segment suche, muss ich nicht mehr viel drauflegen, um bei BMW eine GS oder R1200R mit Kardanantrieb zu bekommen. Letztere wiegt auch weniger. Ob Honda da mit seiner Preispolitik reüssiert, wage ich mal zu bezweifeln.
klibbelohr 15.12.2014
4. Journalisten bleiben halt objektiv?
"Potthässlich" ist mal wieder eine dieser sachlichen, medialen Umschreibungen des aktuellen Journalismus. Es wird Menschen geben, die das nicht so sehen und bei allem emotionalen Verständnis: denen werden Sie vor den Kopf stoßen mit Ihrer Formulierung.
Leser161 15.12.2014
5. Ahja
"Die variable Ventilführung hat zwar keine erkennbaren konstruktiven Vorteile" Ahja. Man muss sich ja nicht für Technik interessieren. Aber wenn dem so ist, sollte man vielleicht einfach über andere Bereiche schreiben.
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