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21. Dezember 2012, 09:17 Uhr

Fahrbericht Mercedes A-Klasse

In der Dunkelkammer

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Bislang war die A-Klasse von Mercedes vor allem bei Senioren beliebt. Bei der Neuauflage sollte das anders werden, also haben die Schwaben ein extrem frisches, knackiges Auto auf die Räder gestellt. Sitzt man drinnen, hat das dynamische Äußere allerdings Nebenwirkungen - und keine guten.

In dem Moment, in dem man in der neuen A-Klasse Platz nimmt, geschieht etwas Erstaunliches. Plötzlich verfinstert sich die Welt. So wie an manchen Tagen, wenn urplötzlich eine gewaltige Schlechtwetterfront am Himmel aufzieht und es schlagartig dunkel wird. Wenn man in den Sitz der neuen A-Klasse sinkt, wird es auch dunkel, sehr dunkel sogar. Und nach einer Weile des Fahrens fühlt man sich deswegen vor allem: unfroh.

Das ist umso erstaunlicher, weil man diesen Gemütsumschwung nicht ansatzweise kommen sieht. Von außen wirkt die neue A-Klasse extrem schick, regelrecht erfrischend. Wir erinnern uns: Der Mini-Mercedes wurde von dem Autobauer aus Stuttgart als Kampfansage gegen den Golf eingeführt, zerschoss aber vor allem das Image der Marke: Die Verarbeitung war mies, dann kippte das Teil im Elchtest auch noch um. Aber weil man in ihr ähnlich hoch wie in einem SUV sitzt, der Wagen gleichzeitig aber handlich und übersichtlich ist, wurde die A-Klasse trotzdem gekauft - von Heerscharen älterer Menschen.

Mit dieser Zielgruppe aber war man bei den Stuttgartern zuletzt nicht mehr glücklich. Die Marke sollte nicht vergreisen, sondern verjüngt werden. Und deswegen baute man die neue A-Klasse ganz anders als die alte. Nicht mehr wie einen Rollator zum Reinsetzen, sondern forsch und dynamisch, flach geduckt auf den Asphalt, mit einer nach vorne drängenden, schnittigen Motorhaube und kleinen, nach hinten schmal auslaufenden Scheiben.

Ausflug im Bunker

Und genau hier liegt das Problem. Sobald man drinsitzt, fühlt man sich wie in einem Bunker, aus dem heraus man die Welt durch Schießscharten betrachtet. Der obere Rand der Windschutzscheibe hängt größeren Menschen selbst bei vollständig heruntergefahrenem Sitz wie ein Brett vor dem Kopf. Den Schulterblick kann man sich sparen: Nach links sieht man nur die baumdicke B-Säule, nach rechts hinten nur ein dunkles, schwarzes Loch. Zu klein sind Seiten- und Heckscheibe, als dass man wirklich nennenswert nach draußen schauen könnte.

Diese Problematik gibt es allerdings nicht nur bei der neuen A-Klasse, sondern auch bei anderen Fahrzeugen wie beispielsweise dem Opel Astra OPC oder dem Range Rover Evoque. Dabei sind es nicht allein ästhetische Gründe, die zum derart eingeschränkten Ausblick führen. Weil Glas schwerer ist als Blech, kann man mit kleinen Scheiben deutlich an Gewicht sparen.

Bei der neuen A-Klasse wird der düstere Gesamteindruck aber durch ein Detail noch weiter verstärkt: In den einteilig ausgeführten Lehnen der sportlich konturierten Sitze gibt es zwischen Kopfstütze und Rückenlehne ein kleines Loch, das von einer kleinen Leuchte in der Kopfstütze in einem rötlich schummrigen Licht beleuchtet wird. Was im Prinzip eigentlich eine nette Idee ist, verstärkt den Höhleneffekt noch weiter. Und deswegen fühlt man sich in der A-Klasse ein wenig deprimiert. Abgeschottet von der Außenwelt, einsam im schummrigen Bunker.

Assistenzsysteme für alle!

Das ist umso betrüblicher, als dass dieses Gefühl im krassen Gegensatz steht zum Eindruck, den das Auto sonst hinterlässt. Die verwendeten Materialien im Innenraum und die Verarbeitung sind tadellos. Fahrwerk und Lenkung sind straff und verbindlich, zuweilen vielleicht ein bisschen zu hart - ältere Menschen dürften an Bord der neuen A-Klasse um ihre Bandscheiben fürchten, aber für die ist das Auto ja auch nicht gedacht.

Vor allem aber ist die neue A-Klasse ein großer Schritt auf dem Weg zur Demokratisierung der Assistenzsysteme: Bereits ab Werk an Bord sind nämlich ohne Aufpreis der Bremsassistent BAS, Spurhalteassistent, Totwinkelassistent und der Kollisionswarner Collision Prevention Assist.

Außerdem gibt es eine Start-Stopp-Automatik, die ihren Teil dazu beiträgt, dass sich der Durst der 156-PS-Maschine in Grenzen hält. Das Blue Efficiency-Triebwerk ist nicht unbedingt ein Freudenspender, der die Sinne betört, aber zum zügigen und entspannten Vorankommen taugt es allemal - auch wenn wir die Werksangaben für den Verbrauch natürlich nicht bestätigen konnten: In der Stadt lagen wir bei moderater Fahrweise knapp einen Liter über dem angegebenen Wert von 7,5 Litern für Fahrten innerorts.

Nicht so richtig begeistert hat die von Mercedes-Benz im Vorfeld mit viel Wirbel beworbene iPhone-Integration. Das mit rund 260 Euro nicht gerade günstige Media-Interface unseres Testwagens hatte nämlich keine Anschlussmöglichkeit für ein iPhone 5. Entsprechend konnte das Gerät nur per Bluetooth gekoppelt werden. Damit war dann zwar Telefonie und das Bedienen und Abspielen von iTunes möglich, die gepriesene App-, und Internetanbindung nicht.

Auf Nachfrage bei Mercedes Benz erfuhren wir, dass eine iPhone-5-Unterstützung für das zweite Halbjahr 2013 geplant ist. Dazu müssen Anpassungen im Controller im Fahrzeug an die neue Hardware-Architektur vorgenommen werden. Hier zeigt sich beispielhaft, dass bei der Zusammenführung von Digital-, und Autoindustrie noch eine drastische Angleichung der Entwicklungsgeschwindigkeit vorgenommen werden muss: Wenn Mercedes-Benz und Co. auf Dauer mit Apple und Co. kooperieren wollen, müssen sie deutlich auf Trab kommen.

Und so bleibt die neue A-Klasse zwiespältig in Erinnerung. An sich ein tolles Auto, entsteigt man ihr nicht wirklich glücklich. Andererseits passt sie damit auch irgendwie in diese Zeit. Sie ist das Auto für Menschen, die beim Warten im Café nicht in Kontakt mit ihrer Umwelt treten. Sondern die sofort ihr Smartphone zücken, Mails checken, im Internet surfen. Und sich in ihre eigene Welt, in ihre kleine Höhle zurückziehen.

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