Von Tom Grünweg
McLaren - der Name des britischen Rennstalls löst in der Regel zwei Assoziationen aus: Formel 1 - und zu Klump gefahrene Sportwagen. Denn während Piloten wie Mika Häkkinen und David Coulthard mit den Rennwagen von McLaren Mitte der neunziger Jahre in der Königsklasse des Motorsports Siege einfuhren, schmissen verschiedene Promis ihren Straßensportwagen von McLaren in den Graben.
F1 hieß der Rennwagen, mit dem die Briten damals ihr Rennsport-Know-How auf die Straße brachten. Kaum mehr als hundert Mal gebaut und mit einem 627 PS starken V12-Motor von BMW befeuert, war er der Überflieger der neunziger Jahre - wenn er nicht in der Leitplanke geparkt wurde. Der damalige BMW-Chef Bernd Pieschetsrieder zerlegte den Spitzensportler ebenso wie erst jüngst Mr.-Bean-Darsteller und Autonarr Rowan Atkinson.
Mit dem neuen Straßensportwagen aus der Formel-1-Schmiede, dem MP4-12C, wäre ihnen das wahrscheinlich nicht passiert. Der hat zwar auch 600 PS und 600 Nm Drehmoment, lässt sich aber mit der Präzision eines Skalpells durch die Kurven treiben, ohne dass die Hände feucht und die Knie weich werden.
Dieses Auto will gestreichelt werden
Denn obwohl er auf der Rennstrecke jedem Ferrari mindestens ebenbürtig ist und die allermeisten Lamborghini oder Porsche hinter sich lässt, zeigt er auf der Straße ein ganz anderes Gesicht: Diesen McLaren kann man bedenkenlos auch einem Führerscheinanfänger für den ersten Urlaub mitgeben.
Kritiker unken zwar, dass die Ingenieure von McLaren bei der Suche nach dem Besten aus zwei Welten die rohe Faszination eines Sportwagens auf dem Altar der Perfektion geopfert haben - und führen als ersten Beleg für die Leidenschaftslosigkeit schon das sperrige Typenkürzel MP4-12C an.
Dabei haben die Ingenieure durchaus Sinn für sinnliche Details: Wer den McLaren fahren will, muss ihn erst einmal streicheln. Nur so kann man die Sensoren in den Flanken aktivieren, die den Fahrer erkennen und die grifflosen Flügeltüren sachte aus dem Schloss springen lassen.
Mit zwei Drehreglern wird der Wagen scharfgestellt
Danach geht alles ganz schnell. In nur 3,1 Sekunden sind die 100 Stundenkilometer erreicht, nach weniger als zehn Sekunden zeigt der Tacho 200 km/h. Würde man den Fuß weiter auf dem Gaspedal lassen, führe man bald 330 km/h - das ist die Höchstgeschwindigkeit des McLaren MP4-12C. Und so sanft und sauber, wie der McLaren dabei auf der Straße liegt, muss man sich davor nicht einmal fürchten.
Wer dem Wagen so richtig auf den Zahn fühlen will, sollte beide Drehschalter auf der Mittelkonsole in die Position "Track" statt "Normal" oder "Sport" bringen. Mit dem linken Knopf werden Stabilitätskontrolle, Lenkung und Fahrwerk scharfgestellt - mit dem rechten der Antrieb: Das Doppelkupplungsgetriebe haut die sieben Gänge dann noch härter rein, der Motor dreht bis weit über 7000 Touren. Im Cockpit klingt es dann so, als würde gleich ein Starfighter starten.
Die Karbonzelle der Karosserie ist in gewissem Sinne ein Erbe des McLaren MP4-1, der 1981 als erster Formel-1-Rennwagen aus Kohlefaser gebacken wurde. Das adaptive Fahrwerk mit den korrespondierenden Ölkreisläufen in den Federbeinen stammt ebenfalls aus dem Rennsport. Gleiches gilt für die Air Brake, die sich wie ein Bremsfallschirm in den Wind stellt und 120 Kilo zusätzlichen Abtrieb erzeugt, sowie für die Brake Steer-Technologie. Per Bremseingriff am jeweils Kurven-inneren Antriebsrad wird dem Untersteuern entgegengewirkt. Sogar den Lederbezug am Lenkrad und die Kinematik der Schaltpaddel hat Formel-1-Fahrer und MP4-12C-Entwicklungshelfer Lewis Hamilton so abgestimmt, dass es sich anfühlt wie in seinem Renner. Alles an diesem Auto kann kompromissloser Rennsport sein.
Das Auto kann auch anders: sanft und ohne herumzubrüllen
Wenn aber die beiden Dynamik-Regler auf "Normal" gedreht werden, geht eine außergewöhnliche Verwandlung vor sich: Plötzlich wird es so still, dass selbst Windgeräusche jenseits von 100 km/h auffallen, der Motor grummelt irgendwo bei 1500 Touren vor sich hin und das Fahrwerk bügelt Schlaglöcher und Bodenwellen nun fast völlig weg. Und elektronische Stabilitätsprogramme sorgen dafür, dass die Flunder auch bei Fahrfehlern nicht abfliegt. Jeder Mini ist lauter, jeder GTI gefährlicher, und eine sportliche Limousine könnte kaum komfortabler sein.
Der Auftritt passt zum Interieur. Der Innenraum ist nämlich kein spartanisches Sportstudio, sondern bietet elegant vernähtes Leder, sauber eingepasste Karbonverkleidungen und hübsche Bedienelemente - etwa die Hebel für Blinker und Wischer im Stil japanischer Küchenmesser. Und den Hauptschalter für das Navigationssystem zitiert das Ying-Yang-Symbol der McLaren-Zentrale in Woking.
So elegant sind nicht viele Sportwagen in dieser Liga, und so exklusiv erst recht nicht: Wer einen Aston Martin kauft, blickt auf ein Navigationssystem von Volvo. In jedem Ferrari findet man Schalter von Fiat, ein Lamborghini hat den gleichen Zündschlüssel wie ein Audi. Bentley nutzt die Motoren von VW und die Lüfterdüsen im Mercedes SLS sind die gleichen wie in der neuen B-Klasse.
Aber für den MP4-12C wurde alles neu entwickelt. "Natürlich nicht immer von McLaren selbst", sagt Cheftechniker Dick Glover, "aber doch so individuell, dass man es nirgends anders findet." Logisch, dass dieser Anspruch auch für den tief im Heck unter Glas eingelassenen Motor gilt. Wo Bentley und Lamborghini mit gründlich individualisierten Blöcken von VW oder Audi vorlieb nehmen müssen oder Lotus auf Organspenden von Toyota baut, ist der V8 von McLaren ein echter Solitär. In Woking entwickelt und nach den Maßgaben des Rennstalls beim Spezialisten Ricardo gefertigt, findet man den 3,8 Liter in keinem anderen Auto.
Das Auto selbst wird bei McLaren gefertigt, und zwar durchgehend in Handarbeit. Einzig die Lackierung ist automatisiert. Jedes Auto, das aus den weiß gefliesten Werkshallen rollt, wird von zwei festangestellten Testfahrern mindestens 20 Kilometer über die Landstraßen der Umgebung gejagt - zur Kontrolle, ob auch alles funktioniert, wie es soll.
Zudem, auch das eine Parallele zum Formel-1-Geschäft, fließen laufend Verbesserungen in die Produktion ein. So dauerte es nur ein paar Tage, bis McLaren nach anfänglicher Kritik am Streichel-Vorspiel beim Einstiegen das Türschloss geändert hat. Jetzt nämlich gibt es auch einen Druckknopf am Schlüsselknauf, der die Flügeltüren nach oben schwingen lässt. Aber wer möchte, darf seinem MP4-12C natürlich auch weiterhin die Flanke tätscheln.
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