ABS für Fahrräder Jetzt bitte fest zupacken!

Wer auf dem Rad abrupt die Vorderradbremsen zieht, riskiert einen Überschlag. Genau das will Bosch künftig verhindern - mit einem ABS für Pedelecs.

Hannes Futter / Bosch

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"Schneller", kommt das Kommando von nebenan. Fahrradprofi Stefan Schlie gibt Anweisungen, das Tempo zu erhöhen. Mit 25 km/h strampele ich mit dem Pedelec auf ein Beet mit Zierschotter zu, um dann eine Vollbremsung hinzulegen. Schlie will das so. Tickt der nicht sauber?

Schlie steht im Dienste von Bosch. Der Autozulieferer, der im Diesel-Abgasskandal unter Druck geraten ist, stellt auch Antriebe für elektrisch unterstützte Fahrräder her. Und seit jüngstem ein Fahrrad-ABS - ein Anti-Blockier-System.

Ich ziehe beide Bremshebel des Pedelecs. Und? Das Fahrrad gleitet noch ein wenig gerade aus, ruckelt... Das Hinterrad hält Bodenkontakt, kein Reifen rutscht weg - das Bike steht fest wie eine Statue! Ohne ABS hätte Schlie womöglich den Krankenwagen rufen können. So ruft er lediglich: "Ist das nicht Spitze?"

Das erste ABS für Fahrräder

Tatsächlich funktioniert das ABS überzeugend. 1978 wurde das Anti-Blockier-System, das sich dem Prinzip der Stotterbremse bedient, erstmals bei Pkw eingeführt, in einer S-Klasse von Mercedes. Bei einer Notbremsung sorgt es dafür, dass die Räder nicht blockieren und das Fahrzeug lenkbar bleibt. Seit 2004 gehört es zum Standard aller Neuwagen in der EU, seit diesem Jahr gilt auch eine ABS-Pflicht für Motorräder.

Nun kommt mit dem Bosch System das nach Herstellerangaben erste serienreife ABS für Fahrräder. Zwar befindet es sich noch in der Testphase, aber schon ab Herbst dieses Jahres soll es in ausgewählten Flotten zum Einsatz kommen. Den Serieneinsatz an stromunterstützten Trekking- und City-Bikes plant der Zulieferer für 2018. Einen ähnlichen Zeitplan verfolgt BrakeForceOne. Das auf Bremsen und leichte E-Fahrzeuge spezialisierte Unternehmen mit Sitz in Tübingen hatte im vergangenen Jahr auf der Fahrradmesse EuroBike ein ABS für Vorder- und Hinterrad vorgestellt.

So funktioniert das ABS - YouTube-Film der Prüforganisation Dekra

Die Hardware für das Bosch-ABS ist überschaubar und wiegt gerade einmal 800 Gramm. Unterhalb des Lenkers sitzt eine schwarze Steuerbox. Klar, der klobige Kasten könnte etwas hübscher und dezenter gestaltet sein. Doch ein Blick auf andere Zweiräder lässt für die Zukunft hoffen: 1994 wog das Steuergerät eines Motorrads 4,5 Kilo, heute sind es 0,5. Dementsprechend unauffällig kann die Technik mittlerweile ins Fahrzeug integriert werden. Auch die ersten Handys sahen im Vergleich zu Smartphones wie Dinosaurierknochen aus.

Vor jedem Start mit dem Pedelec leuchtet unterhalb des zentralen Displays ein ABS-Schriftzug auf. Wer Auto fährt, erlebt ein Déjà-vu. Erlischt die Anzeige, ist der Systemcheck erfolgreich abgeschlossen. Es kann losgehen, ab sofort fährt der E-Biker mit High-Tech-Schutz Rad.

An den Mehrkolben-Scheibenbremsen fürs Vorder- und Hinterrad sind zwei gelochte Sensorscheiben angebracht. Diese helfen den Raddrehzahlsensoren nahe der Bremskolben-Befestigung, die Geschwindigkeit zu ermitteln. Permanent messen sie die Lochstruktur und vergleichen so das Tempo der beiden Räder. Stimmt das nicht überein, registrieren sie beispielsweise Schlupf.

Doch was passiert genau in kritischen Fahrsituationen?

Droht das Vorderrad zu blockieren, etwa, wenn der Radler die Bremsen zu stark angezogen hat, regelt das ABS den Bremsdruck und sorgt so für mehr Fahrstabilität. Beim extremen Überbremsen des Vorderrads wiederum erkennen die Raddrehzahlsensoren ein Abheben des Hinterrads. Kurzzeitig reduziert das ABS die Bremskraft vorne, so dass das Hinterrad schnell wieder über Bodenkontakt verfügt. "So sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass der E-Biker sich überschlägt", erklärt Claus Fleischer, Geschäftsleiter Bosch eBike Systems. Natürlich gibt es keine hundertprozentige Sicherheit. Doch wer mit dem Bosch-System noch über den Lenker gehen will, muss extrem viel Pech haben.

Senioren lieben Pedelecs - und Rücktrittbremsen

Die Techniker stellte das Fahrrad-ABS vor besondere Aufgaben. Während im Auto und auf dem Motorrad die Fahrer weitestgehend stillsitzen, muss der Radler in der Software durch seinen hohen Schwerpunkt und seine Beweglichkeit besonders berücksichtigt werden, heißt es aus der Technikabteilung des Zulieferers. Diese Herausforderung scheint gemeistert.

"Wir haben das System auf La Palma getestet", erzählt Fahrradprofi Schlie. Volle Pulle bergab. Mit Tempo 70, Ganzkörperschutzkleidung. Und dann in die Eisen. Schlie blieb unfallfrei. Das Glück hat nicht jeder.

2016 gab es rund 4000 Pedelec-Unfälle mit Verletzten. Nach zwei Studien kam die Bosch-Unfallforschung zu dem Schluss, jeder vierte Pedelec-Unfall könne mit ABS vermieden werden. Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung der Versicherer (UDV), hält die Annahme des Zulieferers für "zu optimistisch". Zwar zählt Brockmann zu den Fans des Fahrrad-ABS, doch die Realität würde Bosch einen Strich durch die Rechnung machen.

Seine Begründung: Auf den elektrisch unterstützten Rädern sitzen selten Extremsportler wie Schlie, sondern gerne auch Senioren. Sie schätzen den Rückenwind aus dem Akku besonders, um länger und schneller Rad zu fahren. Veränderung zu ihrem alten Drahtesel nehmen viele von ihnen aber ungern in Kauf und weigern sich, auf ein Fahrrad ohne Rücktrittbremse zu steigen. Da das ABS aber den Bremsdruck am Vorderrad reguliert, wäre das gewohnte Bremsen mit Hilfe des Rücktritts wirkungslos.

Bremskurse für Pedelec-Kunden

Brockmann sieht deshalb Händler und Hersteller in der Pflicht. Ihnen obliegt es, das unfallvermeidende ABS den Kunden schmackhaft zu machen. Etwa 500 Euro Aufpreis wird das ABS voraussichtlich kosten. Helfen können auch Kurse, die Radlern Mut machen, ihr Rad im Fall der Fälle angstfrei und kompromisslos zu stoppen.

Wer einmal erlebt hat, wie gut das Bosch ABS funktioniert, wird künftig beherzter die Bremshebel ziehen. Frei nach dem Motto: Damit sie auch in Zukunft noch kraftvoll in die Pedale treten können.

Anmerkung der Redaktion: Die Zahl der Pedelec-Unfälle im Jahr 2016 wurde im Text korrigiert.

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insgesamt 102 Beiträge
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Seite 1
snoook 24.08.2017
1. Dann weiß ich ja schon...
... was als nächstes nach Helmpflicht, Warnwestenpflicht, Kennzeichenpflicht, Verkehrssicherheit von Fahrrädern (mit zig Reflektoren, Lampen, Klingel, Schutzblechen etc.) für eine Diskussion aufkommt.ABS als Pflicht wäre natürlich super, um die Billig-Konkurrenz aus China auszuschalten - die Lobbyisten werden es schon richten. Jaja, ich weiß, dient ja alles nur der Sicherheit! Mit diesem Schnickschnack wird das Ding dann so schwer, dass sich irgendwann der Vorteil eines E-Bikes (dass man es z.B. auch mal in den Keller tragen kann) aufhebt. Dann kann man gleich ein Mofa anmelden!
sdietze 24.08.2017
2. So ein Blödsinn
Die Geschwindigkeit von Pedelecs und E-Bikes sollte entweder auf 25km/h begrenzt werden. Dann passiert auch den Fußgängern, Kindern, Hunden usw. nichts. Dann kann auch auf ein ABS verzichtet werden. Oder sie bekommen den gleichen Status wie Mofas. Pedelecs sind doch Fahrräder mit Hilfsmotor? Dann sollten sie aber auch haftpflichtversichert sein, mit Nummernschild. Dann dürfen sie nicht mehr auf Radwegen oder in Parks mit Tempo 30 bis 35 ohne Vorwarnung herumrasen. Und das ABS kann dann zum Eigenschutz installiert werden.
solna 24.08.2017
3. Versklavung durch Technik
Haben Sie schon mal die Bremsbeläge einer Rennrad-Fahrrad-Scheibenbremse gewechselt? Eher nicht, denn es ist eine Qual. Sie können insgesamt davon ausgehen, dass alles, was Ihnen die Fahrradindustrie an 'innovativer Technik' anbietet, nur für die Industrie günstig ist. Für uns Alltagsradler steigen dadurch sowohl Kaufpreis als auch Wartungskosten. Der Retro-Trend ist eben nicht nur nostalgisch, sondern richtig praktisch: alles lässt sich billig selbst reparieren. Das Fahrerlebnis ist bei Vintage- und Retro-Rädern nicht zwangsläufig schlechter. Auch dort gibt es griffige Bremsen, die mit reiner Mechanik einen Überschlag verhindern. ABS fürs Bike? Muss man nicht haben.
viwaldi 24.08.2017
4. 0,8kg und 500 Euro???
Mein Rad würde damit um fast 10% schwerer und 30% teurer. Erst gebe ich viel Geld für ein möglichst leichtes Rad aus, dann baue ich ein System ein das ich noch nie gebraucht hätte? Also wirklich nur was für E- Bikes, solange sich nicht Gewicht und Preis halbieren. Aller Anfang ist schwer, im wahrsten Sinne des Wortes.
mikaiser 24.08.2017
5. Rücktrittbremse
Ich teile die Einschätzung zur Gefahr durch die Rücktrittbremse. Sie wird häufig als einzige Bremse genutzt, die Vorder-Handbremse, deren Griff bei Rücktritt-Rädern blöderweise auch noch auf der anderen Seite montiert ist als bei Rädern ohne Rücktritt, verrottet ungenutzt. Da die Rücktrittbremse aber ein rein deutsches Phänomen ist, ist ein ABS für das Vorderrad dennoch richtig.
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