Fahrtest im Tata Nano Indiens fahrende Verzichtserklärung

Er soll Indiens Massen mobilisieren: Der Tata Nano kostet in der Basisversion umgerechnet gerade mal 1500 Euro. Der Kleinwagen kann allerdings auch nicht viel mehr, als seinen Fahrer von A nach B bringen - aber diese Aufgabe erledigt er meisterhaft. SPIEGEL ONLINE fuhr den Wagen zur Probe.

Aus Pune berichtet Volker Müller


Der Nano ist die automobile Entsprechung eines Rohbaus: Kein Plastik verdeckt die Blechholme, kein Schalter ziert das Armaturenbrett, kein Schnörkel schmeichelt dem Auge des Betrachters. Der Tata Nano in seiner Basisvariante ist eine fahrende Verzichtserklärung, ein auf das allernötigste reduzierte Gefährt, dessen Konsequenz dem Betrachter dennoch Respekt abnötigt. Rohbau eben, aber auch eine technische Meisterleistung.

Die Tata-Ingenieure standen vor einer echten Herausforderung: Sie sollten ein Auto konstruieren, das vier Personen zuverlässig durch Hitze, Staub und Monsun von A nach B bringt, höchstens vier Liter verbraucht, alle Sicherheitsstandards erfüllt, umweltfreundlicher ist als ein indisches Motorrad - und nicht einmal die Hälfte des bislang billigsten Autos kostet. Quasi ein Dacia Logan für Indien.

Ein wenig hochgeschossen und schmalbrüstig erscheint der Nano mit seinen 3,10 Metern Länge und 1,65 Metern Höhe, weit entfernt von jeder sportlichen Attitüde. Die Form hilft beim Einsteigen in den Kleinstwagen: Kein Hineinplumsen auf Kniehöhe, keine Verrenkungen, eher ein Van-Gefühl.

Den Eindruck vermittelt der Nano auch innen. Eng ist anders: Vorne sitzen auch Zwei-Meter-Riesen bequem auf den straffen Polstern, hinten erdulden 1,80 Meter große Passagiere mehrstündige Fahrten ohne Klagen - selbst bei maximal zurückgeschobenen Sitzen. Daran scheitern andere Hersteller reihenweise.

Von außen ist dem Nano sein konsequentes Sparprogramm kaum anzusehen. Die Spaltmaße sind klein und gleichmäßig, alles ist ordentlich montiert und sitzt gerade. In Indien ist das nicht selbstverständlich.

Innen ist das Spardiktat umso augenfälliger. Es gibt kein Handschuhfach, sondern große Ablagen. Die vorderen Kopfstützen sind in die Sitze integriert, hinten fehlen sie ganz. Die Stanzgrate der Armaturen sind offensichtlich, das helle Hartplastik des Cockpits wirkt wenig schmeichelhaft. Radio und Lautsprecher sind selbst in der Top-Variante LX Sonderausstattung. Nur ein Wischer mit einer Waschdüse hält die Windschutzscheibe sauber, die Anzeigen beschränken sich auf Tacho und Kilometerzähler. Einen Dreipunktgurt gibt es lediglich auf den Vordersitzen, die Fond-Passagiere müssen sich mit Beckengurten begnügen.

Bei 50 Grad ohne Klimaanlage

Eine besondere Herausforderung für die Passagiere hält Tata in der Basisvariante bereit: Dem Wägelchen fehlen sowohl Lüftung als auch Klimaanlage. Bei Außentemperaturen von bis zu 50 Grad im indischen Sommer dürfte selbst der Fahrwind durch die großen Seitenfenster keine angemessene Linderung verschaffen. Geradezu luxuriös dagegen die Top-Variante LX: Klimaanlage, Nebelscheinwerfer, elektrische Fensterheber, Kaffeehalter, Dreispeichenlenkrad, Metallic-Lackierung. Kleiner Trost für Käufer mit kleiner Kasse: Auch in der Einstiegsversion ist alles anständig verarbeitet.

Allein in Indien ist die Zielgruppe der potentiellen Nano-Käufer 14 Millionen Haushalte groß, haben Marktforscher ermittelt. Auf fulminante Werbekampagnen verzichtet der Hersteller Tata Motors Chart zeigen jedoch. Ihm reichen die Nano-Website - und der seit Monaten währende Medienhype im Lande. Zusätzlich hat Tata inzwischen Sondervereinbarungen für günstige Finanzierungen mit 15 Banken geschlossen. Immerhin kostet der Wagen etwa das vierfache Durchschnittsjahreseinkommen eines Inders. Die Käufer, so der Eindruck der meisten Motorjournalisten, bekommen dafür aber ein Auto, das jede Rupie wert ist.

Der Nano ist selbst mit nur einem Fahrer an Bord kein Temperamentsbolzen, mit 35 PS aber angemessen motorisiert. Er schwimmt gut mit im indischen Stadtverkehr, einem ständigen Stop-and-go. Selten erreicht die Tachonadel die Marke von 50 km/h - schnellere Fahrt verhindern die Verkehrsdichte und die unzähligen Schlaglöcher. Flott zieht er um die Kurven, die Beschleunigung auf Tempo 80 gelingt durchweg ordentlich. Darüber wird es zäh. Bis der Nano seine Höchstgeschwindigkeit von 105 km/h erreicht, braucht es eine Portion Geduld - und möglichst wenig Gegenwind.



insgesamt 201 Beiträge
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Seite 1
tempus fugit 03.04.2009
1. Mehr als eine Chance!
Zitat von sysopEr soll Indiens Massen mobilisieren. Der Tatas Nano kostet umgerechnet 1500 Euro. Könnte er auch in Europa Chancen haben? Diskutieren Sie mit!
Sicher mehr als eine Chance... Was kriegt man heute für Euro 1500? Ein gutes Fahrrad, für einen 2-Taktstinker eines Scooters reicht's schon dicke nicht mehr. Und mir wäre es jedenfalls lieber, meine Kinder fahren in einem 'Basis-Tata' rum als eben mit einem Mofa oder einem Scooter - besonders, wenn Zivilpanzer und 'vermeintliche Schumis' die Strassen unsicher machen. Und warum sollte das nicht auch ein Autochen sein für den Rentner oder die Einkaufsmutti?
gurkengezwack 03.04.2009
2.
Zitat von sysopEr soll Indiens Massen mobilisieren. Der Tatas Nano kostet umgerechnet 1500 Euro. Könnte er auch in Europa Chancen haben? Diskutieren Sie mit!
http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/foto/_bin/index.php/Berliner+Zeitung/karikaturen/9 Leider gilt der Link nur für einen Tag. Morgen muß man die 9 durch eine 10 ersetzten, Montag durch eine 11 usw. Gruß g.
Der Pragmatist 03.04.2009
3. Wer kauft ihn
Zitat von sysopEr soll Indiens Massen mobilisieren. Der Tatas Nano kostet umgerechnet 1500 Euro. Könnte er auch in Europa Chancen haben? Diskutieren Sie mit!
Der Wagen in seiner augenblicklichen Aussattung ist sicherlich nicht fuer europaeische Strassen zugelassen. Es wird allerlei Extras benoetigen, bevor der Nano im Schaufenster zu sehen sein wird. Er erinnert so etwas an den Lloyd der 50er Jahre und an den leidlichen Trabant aus dem Arbeiterparadies DDR. Pragmatist
astrobyte, 03.04.2009
4. Web-Book zum Fahren
Warum nicht! Wer braucht schon 120 PS und Luxusausstattung um seine Aktentasche oder den Wochenendeinkauf von A nach B zu fahren!?! Der Nano wird automäßig der Vorreiter für den Boom sein, den die kleinen Web-Books für die Computerbranche auslösten
fusbalsau, 03.04.2009
5.
Einen Tata Nano mit Abwrackprämie kaufen. Das wärs. Da bleiben noch 1000 Euro - vielleicht für einen Tata Nano Superior. In jedem Fall hätte der Chancen. Als Zweitwagen sowieso.
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