Autogramm Ferrari 488 GTB Das Turbo-Tier

Für Ferrari-Puristen ist es der Sündenfall: In den neuen 488 GTB haben die Italiener einen Turbolader eingebaut. Das mag zwar gegen jede Tradition sprechen, garantiert aber gigantischen Fahrspaß.

Ferrari

Der erste Eindruck: Was für eine Skulptur! Während manche Sportwagenhersteller Spoiler-Orgien veranstalten, perfektioniert Ferrari die Kunst des Weglassens.

Das sagt der Hersteller: Auf jeden Fall zu viel. Denn über einen Ferrari muss man eigentlich nicht viel sagen. Nicola Boari, Direktor des Produktmarketings bei Ferrari, sieht das anders und begründet wortreich den Wechsel vom Saug- zum Turbomotor. Die Leistung sei um 100 PS gestiegen, das maximale Drehmoment gar um 230 Nm. Und schließlich gebe es in der Ferrari-Historie glorreiche Turbomodelle wie zuletzt den F40.

Auch Motorenentwickler Vittorio Dini ist bemüht, Turbo-Skeptiker mit Dutzenden von PowerPoint-Folien zu überzeugen, unter anderem auch vom Hubraumrückgang von 4,5 auf 3,9 Liter. Dinis zentrale Aussage zum Thema Downsizing: "Wir mussten zwar ein grüneres Auto bauen. Aber eigentlich ist der neue 488 GTB nur ein bisschen weniger rot." Er sagt, man hätte den jetzt mit 11,4 Liter Durchschnittsverbrauch homologierten Motor auch unter zehn Liter bringen können. "Aber dann wäre es kein Ferrari mehr."

Das ist uns aufgefallen: Hat man erst mal den Startknopf am Formel-1-Lenkrad des Autos gedrückt, wird die Frage 'Turbo oder Sauger?' sekundär. Das metallische Orchester, das im Rücken des Fahrers aufspielt, duldet ohnehin keine Widerrede. Außerdem: Schon im California T, den mancher Ferraristi als Weichspül-Roadster ablehnt, gelang die Umstellung auf den Turbomotor exzellent. Und jetzt beim 488 GTB wurde noch einmal kräftig nachgelegt. Der Klang ist noch schärfer, voluminöser und vielfarbiger und der Antritt noch giftiger; und das Drehzahllimit liegt beim neuen Motor erst jenseits von 8000 Touren.

Es ist jedoch nicht allein der irrwitzige Motor mit der explosiven Kraftentfaltung, der Sportwagenfans entzücken dürfte. Sondern es ist vor allem die Leichtigkeit, mit der sich dieses Auto beherrschen lässt. Denn ebenso gutmütig wie jeder gewöhnliche VW Golf lässt sich der Renner aus Maranello in den Grenzbereich treiben. Schwieriger als das Auto zu beunruhigen ist das Aufbringen der Selbstbeherrschung, damit man dieser Versuchung nicht immer und überall nachgibt.

Selbst auf der hauseigenen Teststrecke in Fiorano treibt man das Coupé schon nach kurzer Zeit spielerisch um den verwinkelten Kurs. Da zahlen sich der Feinschliff im Windkanal und der daraus resultierende Abtrieb genauso aus wie die Tausenden Programmcodezeilen für die Side-Slip-Control, mit der selbst Laien den perfekten Drift hinbekommen.

Da vergisst man fast, dass auch dieser Ferrari nicht perfekt ist. So wurde bei der Modellpflege beispielsweise das gesamte Cockpit neu arrangiert und auch die digitalen Instrumente neu programmiert, doch für ein brauchbares Navigationssystem, das mit vernünftiger Geschwindigkeit arbeitet, hat es wieder nicht gereicht.

Das muss man wissen: 3,9 Liter Hubraum, 670 PS, 760 Nm Drehmoment, von 0 auf 100 in 3,0 Sekunden, mehr als 330 km/h Spitzengeschwindigkeit und 204.211 Euro - diese Ziffern sollte man schon deshalb wissen, weil man danach bei jedem Stopp gefragt wird. Und wer als Experte glänzen möchte, der merkt sich auch noch die Herleitung des Namens: Die 488 steht für den Hubraum jedes einzelnen Zylinders und das GTB zitiert den Typ 308 von 1975, der zum ersten Mal als Gran Turismo Berlinetta bezeichnet wurde.

Wer nun auch noch wissen möchte, weshalb es kein Turboloch mehr gibt und der V8 so grandios klingt, der muss noch einmal Signore Dini lauschen. Der erklärt dann, dass die Lader über Titanschaufeln und eine kugelgelagerte Welle verfügen und daher um 60 Prozent schneller ansprechen als konventionelle Turbolader. Und er beschreibt den Auspuff mit den absolut symmetrischen Abgaskrümmern, der dafür sorgt, dass der V8-Motor so klingt wie eh und je.

Der stärkere Motor hat auch die anderen Ferrari-Abteilungen zu Neuentwicklungen gezwungen. "Wir wollten, dass das stärkere Auto kinderleicht beherrschbar ist", sagt Produktmanager Boari. Deshalb wurde die Elektronik neu programmiert und die Karosserie wochenlang im Windkanal optimiert. Dabei erhielten nicht nur die Türgriffe eine Leitfunktion und lenken nun den Luftstrom exakt in die Kiemen vor der Hinterachse; Designer Flavio Manzoni hat auch einen versteckten Spoiler erfunden. Statt hinten einen Flügel aufs Auto zu schrauben, hat er das Heck so lange ausgeschabt, bis nur noch eine Art Luftbrücke stehen blieb. Die wird jetzt so stark unterströmt, dass bei 200 km/h satte 205 Kilo Anpressdruck auf der Hinterachse lasten.

Das werden wir nicht vergessen: Die körperlichen Reaktionen, die eine Fahrt mit diesem Ferrari auslösen kann. Denn weil die Ferrari-Leute in wissenschaftliche Beweise geradezu verliebt sind, wurden die Autotester bei der 488-GTB-Vorstellung vor der ersten Ausfahrt mit dem Auto verkabelt wie Rennfahrer beim Fitness-Check. Resultat: Der Wagen lässt die Herzen höher schlagen - und zwar um bis zu 60 Schläge pro Minute. Kurz gesagt bedeutet dies Diagnose Fahrspaß.

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insgesamt 57 Beiträge
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Seite 1
ratxi 11.06.2015
1. So sei es halt...
Ein--wieder einmal--wunderbares Fahrzeug. Als "Puristen" werden ja im Allgemeinen meistens die Leute bezeichnet, die in ihrer ganz privaten Zeit hängengeblieben sind und alles, was danach kommt, ablehnen. So sei es halt...
laxness 11.06.2015
2. ich mag......
....den elektronischen Klimbim in einem Sportwagen nicht..... sonst hätt ich mir einen gekauft ;-))
dr.haus 11.06.2015
3.
Und wieder nur Heckantrieb,also reines Schönwetterauto!
Leser161 11.06.2015
4. Hallo?
Ferrari F40? Seine Turbovorgänger in den 80gern? Ist Tradition nur die letzten 20 Jahre?
boingdil 11.06.2015
5. Grünweg wird endlich ehrlich
Und macht im Artikel deutlich dass er nur das Marketinggedöns des Herstellers wiederkäut. Von wegen Test oder so. Davon abgesehen tolles sinnfreies Auto. Egal was die "braucht kein Mensch-Spaßverderberfraktion" gleich postet.
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