Autogramm Ferrari California T Bei dem piept's wohl

Einen Turbo bei Ferrari gab's zuletzt vor mehr als 20 Jahren. Doch jetzt ist wieder T-Time in Maranello, der Turbomotor feiert im California ein Comeback. Im Rückwärtsgang fiept das Luxuscabrio allerdings wie ein Müllwagen beim Rangieren.

Ferrari

Der erste Eindruck: Was für ein heißes Geschoss! Das trifft auf den neuen Ferrari California T sogar zweifach zu. Einmal wegen der Optik des athletischen Klappdach-Cabrios. Aber auch, weil die Motorhaube jetzt von zwei mächtigen Nüstern durchbrochen wird, durch die sich das Turboaggregat Kühlung verschafft. Falls der Wagen kurz zuvor gefahren wurde, flimmert über den Öffnungen die Luft.

Das sagt der Hersteller: Ferrari-Marketing-Chef Nicola Boari nennt den neuen California eine kleine Revolution. Zwar gibt es in der Geschichte der Marke einige Modelle mit Turboantrieb, zum Beispiel den legendären F40, der von 1987 bis 1992 gebaut wurde. Doch mit dem Comeback des Laders im California beugen sich die Italiener als einer der letzten Hersteller dem unaufhaltsamem Trend zum Downsizing. "Daran kommen auch wir nicht vorbei", sagt Boari und erwähnt, dass Ferrari den Verbrauch der V8-Motoren in den vergangenen 15 Jahren um mehr als die Hälfte gesenkt hat. "Weitere Einsparungen funktionieren nur mit dem Turbo", sagt Boari. Der California T etwa soll um 15 Prozent sparsamer fahren als das Vorgängermodell mit Saugmotor.

Weil die Ferrari-Kunden - anders als die Behörden - quasi nie nach Verbrauch und CO2-Ausstoß fragen, hat sich Boari noch ein paar weitere Argumente für den Turbo zurechtgelegt. "Der Motor klingt nicht nur so wie man es von einem Ferrari erwartet. Er hat auch deutlich mehr Leistung und Drehmoment als der bisherige V8-Sauger."

Das neue Aggregat im California einzuführen, ist einerseits ein gewisses Risiko, denn seit der Premiere 2009 wurden bereits mehr als 10.000 Exemplare verkauft - so viele wie von keinem anderen Ferrari-Modell bislang. Andererseits dürften die California-Kunden vergleichsweise tolerant sein und nicht stur auf die Tradition der Scuderia pochen. Boari sagt, der California sei der Wagen mit dem größten Anteil an Neukunden im Angebot: 70 Prozent der California-Käufer hätten vorher noch nie einen Ferrari besessen.

Das ist uns aufgefallen: Turbo oder Sauger? Das ist eigentlich egal, denn man merkt ohnehin keinen Unterschied. Im Gegenteil: Der neue Motor ist trotz des um 0,4 auf 3,9 Liter geschrumpften Hubraums deutlich besser, so dass man dem Sauger keine Träne hinterherweint. Die Leistung steigt von 490 auf 560 PS, und das maximale Drehmoment macht einen Satz um 50 Prozent auf nun 755 Nm. Ohne auch nur die Spur eines Turbolochs legt der V8 los und verwandelt das Cabrio in einen Donnerkeil.

Zwar definiert sich kaum ein anderes Auto so sehr über den Antrieb wie ein Ferrari, und tatsächlich ist man wie gebannt von dieser Motorkraft. Doch wer den Gasfuß leicht macht und die Hände lockert, erlebt den Rennwagen als handzahmen Powercruiser im Stil eines Mercedes SL 63 AMG, eines BMW M6 Cabrio oder eines Porsche 911 Turbo, mit dem auch PS-Pensionäre und der verwöhnte Nachwuchs der Schickeria über den Boulevard bummeln können.

Bei einer gemächlicheren Gangart entdeckt man dann auch liebevolle Details wie das runde Anzeigeinstrument mit dem Namen "Turbo Performance Engineer". Dieses sitzt zwischen den Lüftern und zeigt den aktuellen Turbodruck an.

Ebenfalls fällt auf, dass der Ferrari alles andere als perfekt ist - zumindest wenn man ihn als Alltagsauto ernst nehmen soll. Das Navi zum Beispiel ist zwar neu, rechnet aber extrem langsam. Bei der Frage nach Assistenzsystemen schütteln die Verantwortlichen mit dem Kopf. Aber am nervigsten ist das Verdeck. Es macht das Heck nicht gerade eleganter und nimmt im geöffneten Zustand rund ein Drittel des Kofferraumvolumens ein. Vor allem stellt es den Fahrer beim Öffnen und Schließen auf eine Geduldsprobe: 20 Sekunden - eine Ewigkeit für einen Ferrari.

Das muss man wissen: Damit der Turbomotor möglichst spontan anspricht und kraftvoll klingt, haben sich die Ferrari-Entwickler für einen sogenannten Twin-Scroll-Lader entschieden, bei dem der Turbolader durch zwei Abgaskanäle angetrieben wird und dadurch schneller Druck aufbaut. Zudem haben die Ingenieure für den Turbomotor einen neuen Krümmer entwickelt, in dem die Luftführung für jeden Zylinder auf den Millimeter gleich lang ist. Egal in welcher Stellung der Motor beim Kickdown also gerade ist, ist der Sound beim Beschleunigen immer gleich und die Spontaneität ebenso. "Das war aufwendiger und teurer als wir alle gedacht hatten", sagt Motorenentwickler Vittorio Dini, "aber das Ergebnis war es wert."

Wenn nach den Sommerferien die Auslieferung des California T beginnt, schlagen die Italiener für den Modellwechsel etwa 3000 Euro auf und verlangen künftig 183.499 Euro für das Auto. Dinge wie das Navigationssystem oder die Keramikbremsen sind in diesem Preis bereits enthalten.

Das werden wir nicht vergessen: Wütendes Kreischen, tiefes Grollen, giftiges Sägen - es ist ein Traum, wie die Italiener dem Turbo das große Motoren-Repertoire beigebracht haben. Um so trauriger ist es, wie leichtfertig die Entwickler diese Arbeit wieder zunichtemachen. Denn legt man den Rückwärtsgang ein, fiept und piept das Luxuscabrio wie ein Müllauto beim Rangieren.

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insgesamt 116 Beiträge
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Seite 1
Solaris0815 09.06.2014
1. Ich bekomme einen Tropfen in der Hose
Mal wieder ein Gefährt mit einem Verbrennungsmotor auf 4 Gummirädern.
PeterLublewski 09.06.2014
2. Das Fiepen
Zitat von sysopFerrariEin Turbo bei Ferrari gab's zuletzt vor mehr als 20 Jahren. Doch jetzt ist wieder T-Time in Maranello, der Turbomotor feiert im California ein Comeback. Im Rückwärtsgang fiept das Luxuscabrio allerdings wie ein Müllwagen beim Rangieren. http://www.spiegel.de/auto/fahrberichte/ferrari-california-t-sportliches-cabriolet-aus-italien-mit-turbomotor-a-973123.html
Damit könnte ich aber gerade noch leben :-)
strickpullover 09.06.2014
3. Turboloch
Hat ein heutiger Turbo immer noch diese Problem? Wir sind doch nicht mehr in den 70ern.
hopenhauer 09.06.2014
4. Bei euch piept's wohl
Wurde der Nominativ nun endgültig abgeschafft? "Ein Turbo gab es..."
mitbestimmender wähler 09.06.2014
5. Der "Alte" California sah zu feminin nach Muttikarre aus.....
....damit hat auch Porsche mit dem Cayenne und Macan die Muttis beglückt. Ferrari hat gelernt und ein sehr schönes Unisex Model erschaffen, das dazu noch viel Alltagsnutzen bringt. Der California T und FF wären momentan meine Ferrari Favoriten
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