Autogramm Ferrari GTC 4 Lusso Reisen statt Rasen

Es gibt Sportwagenmarken, die der Versuchung eines klobigen SUV erlegen sind. Und es gibt Ferrari. Die Italiener halten sich von jeder Offroad-Mode fern und bauen stattdessen ein rasantes Reisemobil.

Ferrari

Der erste Eindruck: Der coolste Luxusrenner weit und breit - und um ein Vielfaches rassiger als der neue Porsche Panamera.

Das sagt der Hersteller: Ein Ferrari sei zwar nie alltäglich, aber dieser hier tauge für den Alltag, witzelt Matteo Turconi, der Produktmanager der Marke, etwas bemüht. Durch den ebenfalls viersitzigen Ferrari FF, der nun vom neuen GTC 4 Lusso abgelöst wird, weiß Turconi, dass die Käufer eines solchen Ferraris besondere Kunden sind: "Sie sind im Schnitt zehn Jahre jünger, sie sind öfter in Gesellschaft unterwegs - und vor allem fahren sie mehr."

Die bei einem Ferrari übliche Jahresfahrleistung von 5000 Kilometern habe beim Viersitzer FF bei 10.000 Kilometer gelegen. "Das zeigt, dass man einen Ferrari tatsächlich auch als 'Daily Driver' nutzen kann", sagt Turconi stolz. Er sagt aber auch: Einen Viertürer oder einen SUV werde es von Ferrari nie geben. Konzernchef Sergio Marchionne wurde kürzlich noch deutlicher: "Ein SUV von Ferrari? Nur über meine Leiche."

Das ist uns aufgefallen: Während Konkurrenzmarke Lamborghini beim Design unverhohlen an zeigefreudige und solvente Muckibudengänger (Tim Wiese) appelliert, gibt sich Ferrari, zumindest beim Lusso, zurückhaltender. Spoiler sucht man vergeblich, und sogar der typische Anlass-Brüller, bei dem das Triebwerk nach dem Druck auf den Startknopf erst mal hochdreht und die Nachbarn aus dem Bett trompetet, wurde wegprogrammiert. "Der war einigen Kunden zu aufdringlich", sagt Turconi.

Im Ferrari-Portfolio nimmt der GTC 4 Lusso den Platz des schnellen Gleiters ein. Natürlich, der Wagen kann sein Elternhaus nicht verleugnen. Der V12-Motor hat mehr Leistung, als die meisten Fahrer wohl je zum Einsatz bringen werden. Und auf dem Lenkrad befindet sich nach wie vor das sogenannte Manettino, mit dem das Setup des Ferraris eingestellt wird.

Dank Allradantrieb und -lenkung sowie der Torque-Vectoring-Technologie, die in Kurven den jeweils äußeren Rädern mehr Antriebskraft zuteilt, lässt sich der Wagen durch Kurven treiben wie kaum ein anderer Viersitzer. All das gehört zur Ferrari-Folklore nun mal dazu.

Doch der Wagen gewinnt in anderen Disziplinen: Das durchgehende Glasdach lässt viel Licht herein. Nach einer kleinen Kletterpartie kann man selbst im Fond halbwegs bequem reisen. Es gibt Ablagefächer mit einem Stauvolumen von insgesamt 60 Litern im Innenraum. Der Kofferraum fasst 450 Liter und bei umgeklappten Rücksitzlehnen (!) sogar 800.

Der Ferrari GTC 4 Lusso im Video

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Obendrein bietet der Wagen ein komplett neues und durchaus beeindruckendes Infotainmentsystem. Bislang fuhren Supersportwagen in dieser Disziplin mindestens eine Generation hinterher, inzwischen schiebt sich zumindest dieser Ferrari mit einem riesigen Touchscreen im iPad-Design wieder nach vorne.

So schmuck, simpel und vielseitig ist kein anderes aktuelles System der Konkurrenzmarken, geschweige denn bei einer anderen Fiat-Tochter. Und mit einem zweiten Touchscreen vor dem Beifahrersitz stehlen die Italiener selbst Tesla die Show.

Das muss man wissen: Man darf sich vom neuen Namen nicht täuschen lassen. Im Grunde ist der GTC 4 Lusso ein aufgefrischter FF. Allerdings ist es bei Ferrari gängig, bei so einer Modellpflege neben dem Design, dem Antrieb und dem Setup auch den Namen des Autos zu ändern.

Im Falle des GTC 4 Lusso ist das auch gerechtfertigt. Obwohl die Unterschiede nicht auf Anhieb ins Auge stechen, wurde vom Vorgängermodell FF lediglich die Windschutzscheibe unverändert übernommen. Das Cockpit ist komplett neu und die Hinterradlenkung sorgt für ein völlig neues Fahrgefühl.

Weniger verändert wurde der Motor. Bei den Achtzylinder-Aggregaten hat Ferrari auf Turbotechnik umgestellt, der 6,3 Liter große V12 des GTC aber bleibt ein Saugmotor - mit entsprechendem Sound und entsprechender Drehfreude, die erst bei 8250 Touren ihr Limit findet. "Daran werden wir so lange wie möglich festhalten", sagt Motorenchef Vittorio Dini. Er will künftig eher ein 48-Volt-System oder einen Hybrid-Baustein installieren als einen Turbolader.

Zum Feinschliff der Maschine gehört eine Leistungssteigerung von 670 auf nun 690 PS und ein von 683 auf nun 697 Newtonmeter gesteigertes maximales Drehmoment. Ab 2000 Touren stehen stets mindestens 80 Prozent des Drehmoments zur Verfügung. Das mag Techniker begeistern, aber ganz ehrlich: Spürbar ist der Unterschied bei so viel Kraft ohnehin nicht. Und auch die Fahrleistungen bleiben nahezu identisch.

Die Frage nach dem Verbrauch ist bei Ferrari müßig, zumal dieser durch den Fahrstil größten Schwankungen unterworfen ist. Hier sind dennoch die offiziellen Zahlen: 15 Liter Durchschnittsverbrauch laut Prüfnorm. Ach, und den Preis hätten wir fast vergessen: 261.883 Euro (Verkaufsstart ist im September).

Das werden wir nicht vergessen: Dass man nach sechs Stunden und 300 Kilometern über kurvige Landstraßen aus dem GTC 4 Lusso aussteigt, als wäre man gerade erst eingestiegen. Das hat es in einem Auto der Italiener so noch nicht gegeben. Erst recht nicht, wenn man in der zweiten Reihe saß. Die Lust auf einen Luxus-SUV jedenfalls vergeht einem in diesem Wagen sehr schnell.

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insgesamt 65 Beiträge
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tschoe 27.07.2016
1. Nettes Teil
Mal ein schöner Bericht über ein wirklich nettes, elegantes Teilchen, Träumen muss erlaubt sein. Nur dieser unnötige und unpassende Vergleich mit Hr. Wiese und Lamborghini ist ärgerlich. Wozu in einem Autobericht?
Freier.Buerger 27.07.2016
2. Z3 Coupe auf Anabolika
...mehr braucht man zu dem Design nicht sagen.
verbal_akrobat 27.07.2016
3. Technisch schöner Hyprid...
...Motor, Heckpassagiere sehr gut gemacht. Gesamtdesign, nicht das schlechteste welches ich je von Ferrari gesehen habe, aber fast...
RobMcKenna 27.07.2016
4.
Ah, heute ist mal wieder "day of defeat" - das wird lustig. :-)
Bueckstueck 27.07.2016
5. Was mir auffällt:
Das Dashboard ist hässlich wie eh und je. Sieht aus wie aus dem Versandkatalog. Ob Ferrari das jemals hinkriegt?
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