Fahrbericht Fiat 500L: Praktisches Pummelchen

Von Jürgen Pander

Fiat 500L: Erfrischend anders Fotos
Jürgen Pander

Kompakte SUVs boomen, kleine Vans stehen sich hingegen bei den Händlern die Reifen platt. Das ungefähr ist die aktuelle Situation, doch Fiat pfeift darauf. Und kontert mit einem cleveren, hip gestylten Minivan: dem 500L. Damit übernehmen die Italiener eine Vorbildfunktion.

Der österreichische Künstler Erwin Wurm ist bekannt für ausufernde Autoskulpturen. "Fat Cars" heißt die Serie, für die Wurm vornehmlich Porsche-Modelle verformte, als seien sie aufgegangen wie Hefeteig im Ofen. Hätte Wurm einen Fiat 500 derart umgestaltet, es wäre vermutlich eine Skulptur herausgekommen, die einem Serienmodell des italienischen Herstellers nicht unähnlich sähe: dem neuen 500L. Elegant ist das Auto sicher nicht, wohl aber hip.

Beim Autodesign hat Mini es vorgemacht, indem das normale Modell zum Countryman aufgebläht wurde. Jetzt fährt Fiat hinterher und lässt aus der niedlichen 500er-Grundform einen 500L wuchern. So jedenfalls stellen es die Marketingleute gern da, weil sie dem Minivan das fröhliche Retro-Image des Cinquecento mitgeben möchten. Aus technischer Sicht ist der Name 500L jedoch Etikettenschwindel, suggeriert er doch, es handle sich bei dem Auto um die Stretch-Version des 500. Tatsächlich basiert der ebenso kompakte wie geräumige Fünfsitzer auf der neuen sogenannten B-Small-Plattform der Turiner Autobauer. Der Wagen ist das erste Modell mit diesem Grundgerüst, Modelle wie etwa der Fiat Punto werden folgen.

Wir fuhren das Modell mit dem Einstiegsmotor, einem 1,4-Liter-Vierzylinder-Benziner mit 95 PS, der bereits die Abgaswerte der kommenden Euro-6-Norm erfüllt. Zuerst denkt man "Hossa", wenn das Aggregat im Standgas bereitwillig brabbelt, aber das ist nur Aufschneiderei. In Fahrt entpuppt sich der Motor als trantütig, mit niedrigen Drehzahlen schleppt man sich eher dahin, als dass man fährt, und auch wenn man herzhaft aufs Gaspedal tritt, tut die Maschine erst einmal so, als habe sie das gar nicht bemerkt.

Schon klar, das Auto ist ein kompaktes Familienmobil, kein Sportgerät. Aber darum geht es nicht. Hey, 95 PS, das ist doch kein Pappenstiel, da muss doch was kommen, ab und zu stressfrei überholen will man ja schon. Am Gewicht kann es nicht liegen, das Auto wiegt moderate 1320 Kilogramm. Wahrscheinlich müsste man das gutgestufte Sechsgang-Schaltgetriebe viel mehr bewegen - oder zu einer anderen Motorisierung greifen. Fiat bietet den 500L noch mit einem Zweizylinder-Turbobenziner (105 PS), einem 1,3-Liter-Diesel (85 PS) sowie in Kürze mit einem 1,6-Liter-Selbstzünder (110 PS) an.

Im Bordcomputer gibt's einen Spritsparkurs

Die Beurteilung des Einstiegsbenziners, das muss man auch sagen, fällt ein wenig anders aus, wenn man im Bordcomputer das Programm Eco-Drive startet. Es handelt sich um einen permanenten Spritsparkurs mit vier Symbolen für Beschleunigen, Bremsen, Gangwahl und Geschwindigkeit, die je nach Fahrstil in Rot, Orange, Gelb oder Grün aufleuchten. Dazu gibt es eine Gesamtpunktzahl von 0 bis 100. Unser Bestwert war 91, und auf dieser Fahrt machte der Motor genau das, was man von ihm erwartet: Er bewegte das Auto absolut zufriedenstellend. Schwimmt man normal im Stadtverkehr mit, also flott losfahren bei Grün und immer wieder mal Stop-and-Go, kommt man kaum über 50 Punkte. Und es fällt einem wie oben beschrieben auf, dass der Wagen hier und da etwas spritziger reagieren könnte.

Gut, über den Motor also kann man diskutieren, sonst jedoch ist das Auto richtig gut gelungen. Die Inneneinrichtung wirkt modern und farbenfroh, und sie nimmt den pausbäckigen Stil der Karosserie auf. Beispiele dafür sind ein faustdicker Schaltknauf, angenehm große Klimaregler, ein Handbremshebel in Form einer extradicken Brieftasche und Türöffnergriffe, die sich auch mit Fäustlingen bedienen lassen würden.

Das Platzangebot ist klasse, ebenso die Variabilität des Innenraums. Serienmäßig sind ein zum Tisch einklappbarer Beifahrersitz, eine im Verhältnis 60:40 geteilte und in Längsrichtung verschiebbare Rücksitzbank sowie umklappbare und wickelbare Rücksitze (dann werden auch noch die Sitzkissen aufgestellt). Praktisch und bequem zu nutzen, sind übrigens auch die große Heckklappe, der in zwei Höhen arretierbare Ladeboden sowie die weit öffnenden Türen. Fiat sagt, kein anderes Auto dieser Klasse biete derart große Öffnungswinkel.

Die Baureihe 500L wird in Zukunft weiter aufgefächert

Überhaupt hegen die Italiener große Hoffnungen für diese Baureihe. Sie soll zügig erweitert werden. Beispielsweise durch das Modell 500L Trekking, das mit Planken und Dachreling noch ein bisschen grobstolliger daherkommen soll als das Standardauto. Zudem wird es auch eine um rund 20 Zentimeter längere Version geben, die dann drei Sitzreihen und sieben Plätze bieten wird. Und 2014 wird auch noch ein Allradmodell folgen, womit sich der Kreis wieder schließt zum boomenden Kompakt-SUV-Segment.

Insgesamt aber zeigt der 500L, dass ein kompaktes und doch geräumiges modernes Auto keineswegs immer nur in Geländewagenoptik daherkommen muss. Im Gegenteil: Unter all den SUV-Spielarten tut ein Auto wie der Minivan von Fiat richtig gut. Womöglich ziehen ja bald ein paar andere Hersteller nach und kopieren die Idee vom Lifestyle-Van. Bei Mini soll es schon feste Pläne für ein derartiges Modell geben - womöglich wird das der nächste Hype nach den SUVs.

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1.
birnstein 10.01.2013
Am Anfang des Artikels steht, dass Mini es mit dem Countryman vorgemacht hat und Fiat nachzieht. Am Ende des Artikels steht dann plötzlich, dass Mini das kopieren wird. Im Gegensatz zum Countryman ist der 500L völlig misslungen und hier wird offenbar versucht, aus dem erfolgreichen Namen 500 Kapital zu schlagen, was misslingen wird. Der 500L sieht in natura wie die ganz schlechte Kopie des Countryman aus, ausserdem fährt er sich fürchterlich. Fiat wird mal wieder auf die Schnauze fallen.
2. ?
Leser161 10.01.2013
---Zitat--- ab und zu stressfrei überholen will man ja schon. Am Gewicht kann es nicht liegen, das Auto wiegt moderate 1320 Kilogramm. Wahrscheinlich müsste man das gutgestufte Sechsgang-Schaltgetriebe viel mehr bewegen ---Zitatende--- Wer schalten als Stress empfindet, sollte lieber gar nicht autofahren. Von daher verstehe ich nicht warum das als Kritikpunkt gesehen wird.
3.
ergoprox 10.01.2013
Zitat von Leser161Wer schalten als Stress empfindet, sollte lieber gar nicht autofahren. Von daher verstehe ich nicht warum das als Kritikpunkt gesehen wird.
Wer schalten zeitgemäß findet sollte wieder Pferdekutsche fahren.
4. 7,5 Liter statt 6,2 angegebenem Durchschnitt sind happig?
spon-facebook-10000124960 10.01.2013
Dann wundert mich warum sogar mehr bei vergleichbaren VWs immer als unerheblich wahrgenommen werden...
5. ?
Leser161 10.01.2013
Zitat von ergoproxWer schalten zeitgemäß findet sollte wieder Pferdekutsche fahren.
Wieso? Da kann man doch gar nicht schalten? :o)
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Schnellcheck
Fiat 500L

Das begeistert: Das Konzept an sich, denn bislang waren Minivans stets pragmatisch, aber gänzlich ohne Pep.

Das fehlt: Der 1,4-Liter-Variante die Durchzugskraft und eine Start-Stopp-Automatik.

Das nervt: Die kaum zu erkennenden Symbole für die Zentralverriegelung auf dem Zündschlüssel.

Was sonst? Man muss Fiat beglückwünschen zu dem auch nach Jahrzehnten noch immer erfrischenden Umgang mit dem Thema Klein- und Kompaktauto.
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Fahrzeugschein
Hersteller: Fiat
Typ: 500L 1.4
Karosserie: Van/Kleinbus/Großraumlimousine
Motor: Vierzylinder-Benziner
Getriebe: Sechsgang-Schaltgetriebe
Antrieb: Front
Hubraum: 1.368 ccm
Leistung: 95 PS (70 kW)
Drehmoment: 127 Nm
Von 0 auf 100: 12,8 s
Höchstgeschw.: 178 km/h
Verbrauch (ECE): 6,2 Liter
CO2-Ausstoß: 145 g/km
Kofferraum: 400 Liter
umgebaut: 1.310 Liter
Gewicht: 1.320 kg
Maße: 4147 / 1784 / 1658
Versicherung: 18 (HP) / 18 (TK) / 19 (VK)
Preis: 15.900 EUR


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