Autogramm Ford Fiesta König aus Köln

Der Fiesta ist das wichtigste Modell für Ford. Entsprechend akribisch wurde die neue Generation des Kleinwagens entwickelt. Mit Erfolg - der Kleinwagen bietet jetzt fast so viel wie ein Großer.

Ford

Der erste Eindruck: Was grinst der so frech?

Das sagt der Hersteller: Für Ford-Marketing-Chef Wolfgang Kopplin ist der Fiesta der heimliche König von Köln. Mit mehr als 17 Millionen verkauften Fahrzeugen in 41 Jahren ist er das mit Abstand wichtigste Ford-Modell in Europa. Zudem ist der Fiesta der meistverkaufte Kleinwagen auf dem Kontinent und damit ein industriepolitisches Statement. Denn während der VW Polo in Pamplona gebaut wird, der Audi A1 in Brüssel, der Mini in Oxford und der Opel Corsa mehrheitlich aus Saragossa kommt, ist der Fiesta das einzige Volumenmodell in dieser Klasse, das ausschließlich in Deutschland vom Band läuft.

Das ist uns aufgefallen: Willkommen in einer neuen Welt. Während der Fiesta beim Außendesign nur wenig verändert hat, wagt Ford beim Interieur einen Sprung. Zwischen den Instrumenten gibt es nun ein ordentliches Display für den Bordcomputer und über der Mittelkonsole thront, wie sonst von A-Klasse & Co. gewohnt, ein frei stehender Bildschirm, der, anders als bei Audi und Mercedes, im Ford auch auf Fingerzeig reagiert. Das wirkt nicht nur aufgeräumt, sondern auch überraschend vornehm und nobel. "Upscaling" nennt der scheidende Ford-Europachef Jim Farley diese Entwicklung, mit der eine wachsende Anzahl von Kunden glücklich gemacht werden soll, die in ein kleineres Autos wechseln, aber die Annehmlichkeiten größerer und teurerer Modell nicht missen wollen.

Tom Grünweg

Das manifestiert sich beim Fiesta auch in der restlichen Ausstattung. Während sich Ford bislang meist als "Fast Follower" verstand und, ähnlich wie Ratiopharm & Co., neue Technologie erst dann anbot, wenn man sie bei den Zulieferern billig einkaufen konnte, setzt der Fiesta nun zumindest unter den Kleinwagen neue Maßstäbe: Zwei Kameras, drei Radarsysteme und zwölf Ultraschallmodule liefern Daten für mehr als ein Dutzend Komfort- und Assistenzsysteme. Das reicht vom Querverkehrswarner beim Rangieren über den Notbremsassistenten mit Fußgängererkennung bis hin zur Einparkautomatik mit Bremseingriff. Marketing-Chef Kopplin prahlt deshalb, der neue Fiesta sei der smarteste Kleinwagen, den man aktuell kaufen könne.

Der neue Fiesta ist aber nicht nur für den Betrieb auf der Datenautobahn getuned worden, auch sein Fahrverhalten ist reifer und besitzt auf der Langstrecke eine Laufruhe, wie man sie von einem größeren Auto erwartet. Diese Qualität wurde nicht durch Spaßverzicht erkauft: Der Fiesta bleibt einer der lebendigsten Kleinwagen seiner Klasse und gibt in seiner neuesten Ausbaustufe ein noch besseres Gefühl für die Fahrbahn.

Am Fond ist der Fortschritt leider vorbeigegangen. Die Platzverhältnisse im Rückraum jedenfalls spiegeln die sieben Zentimeter mehr Karosserielänge nicht wider. Auch, weil der Radstand um lediglich vier Millimeter zulegte. Und der Kofferraum ist mit 292 bis 1093 Litern Fassungsvermögen auch keine Revolution.

Trotzdem: Wegen der Aufwertung im Innenraum wird der neue Fiesta nicht nur zur harten Nuss für VW Polo oder Opel Corsa - auch der Kompaktwagen Ford Focus eine Fahrzeugklasse höher sieht plötzlich ganz schön alt aus. Wer die paar Zentimeter weniger Platz verschmerzen kann und keine Rücksicht auf Fondpassagiere nehmen muss, der fährt im Fiesta künftig besser.

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Autogramm Ford Fiesta: Smart von Ford

Das muss man wissen: Am 29. April um 6.26 Uhr lief das letzte Exemplar des bisherigen Fiesta in Köln vom Band. Die Produktion des neuen Modells begann am 16. Mai und Anfang Juli kommen die ersten Autos zu den Händlern. Die Preise legen nominell um fast 2000 Euro zu und beginnen bei 12.950 Euro. Allerdings mit deutlich mehr Leistung und Ausstattung als bisher.

Angeboten wird der Fiesta, anders als etwa der neue VW Polo, weiterhin mit drei oder fünf Türen, wobei der Fünftürer 800 Euro teurer ist. Sieben Motoren sind im Angebot. Bei den Benzinern setzt Ford konsequent auf Dreizylinder: den 1,1-Liter-Sauger gibt es mit 70 oder 85 PS gibt. Darüber rangiert mit 100, 125 oder 140 PS der bekannte 1-Liter-Turbomotor. Alternativ bieten die Kölner einen 1,5 Liter großen Diesel mit 85 oder 120 PS Leistung an. Die 120-PS-Variante macht bei der ersten Ausfahrt eine ausgesprochen gute Figur, die Maschine liefert 270 Nm Drehmoment und hängt gierig am Gas, läuft flüsterleise und verbraucht laut Normwert 3,2 Liter je 100 Kilometer.

Dumm nur, dass schon vor dem Dieselskandal in dieser Klasse kaum jemand Selbstzünder gekauft hat. Und in Zeiten drohender Fahrverbote wird die Nachfrage sicher nicht größer. Umso schmerzhafter fehlt Ford ein alternativer Antrieb. Es müsste ja nicht gleich ein Elektroantrieb sein wie im Renault Zoe oder ein Hybridantrieb wie im Toyota Yaris. Aber eine Erdgasvariante, wie sie VW für den neuen Polo feilbietet, oder ein Flüssiggasmotor wie im Opel Corsa wären schon mal ein Anfang.

Die Auswahl bei den Modell- und Ausstattungsvarianten hingegen ist immens. "Um der Segmentierung des Angebots auch bei den Kleinwagen Rechnung zu tragen, fächern wir die Fiesta-Familie weiter auf", sagt Ford-Manager Farley. So wird es nicht nur die üblichen Ausstattungsvarianten und ab kommendem Jahr die 200 PS starke Sportversion ST geben, sondern auch eine Nobelversion Fiesta Vignale sowie einen Fiesta "Active", der mit mehr Bodenfreiheit und einigen Plastikplanken auf der SUV-Welle schwimmen soll.

Das werden wir nicht vergessen: Das billige Plastik in der Mulde hinter dem Türgriff, das man erst entdeckt, wenn man die Tür zuzieht. Ja, auch der König der Kleinwagen muss sparen, erst recht, wenn er weiter aus Köln kommen soll. Aber an dieser Stelle ist es fatal, da hat Ford buchstäblich danebengegriffen.

Fahrzeugschein
Hersteller: Ford
Typ: Fiesta (2017)
Karosserie: Kleinwagen
Motor: Vierzylinder-Turbodiesel
Getriebe: Sechsgang-Schaltgetriebe
Antrieb: Front
Hubraum: 1.499 ccm
Leistung: 120 PS (88 kW)
Drehmoment: 260 Nm
Von 0 auf 100: 9,0 s
Höchstgeschw.: 195 km/h
Verbrauch (ECE): 3,5 Liter
CO2-Ausstoß: 89 g/km
Kofferraum: 292 Liter
umgebaut: 1.032 Liter
Gewicht: 1.207 kg
Maße: 4040 / 1735 / 1476
Preis: 20.800 EUR
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insgesamt 64 Beiträge
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Seite 1
99koelsch 11.07.2017
1. na ja,
ich weiß nicht, ob es 2017 noch zeitgemäß sein kann ein neues Fahrzeug ohne alternative Antriebe auf den Markt zu werfen? Mut- und Ideenlos, irgendwie.
soinmast 11.07.2017
2. Meistverkaufter Kleinwagen Europas? Nach welcher Zählweise?
Ich dachte der Clio sei der nach Verkaufszahlen erfolgreichste Kleinwagen Europas: http://carsalesbase.com/european-car-sales-analysis-april-2017-models/
jakker 11.07.2017
3. Polo nur dreitürig?
Etwas mehr Interesse, junger Autor! Der neue Polo wird selbstverständlich sowohl dreitürig, als auch fünftürig angeboten.
akkzent 11.07.2017
4. Was für ein Interieur
Allein schon die Verkaufszahlen über die ganzen Jahre ist schon ein Leistungsausweis. Ford liegt mit dem Fiesta immer wieder goldrichtig und dass das Modell in Deutschland gefertigt wird, ist ein weiterer Grund ihn zu berücksichtigen. Leider ziehen sich diese hässlichen Interieurs wie ein roter Faden durch die Firmengeschichte. Sorry Ford, aber dieses zerklüftete Design und das grauslig aufgesetzte Navi (Mercedes lässt grüssen) ist für mich ein No-Go.
ovi100 11.07.2017
5. welche Euro Norm..
6c die ab Sept 2017 gueltig ist? Oder gingen die 2000 Eur Mehrpreis fuer die elektronischen Spielereien drauf?!
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