Der neue GT im Test Keiner ist schneller Ford

Ein halbe Million Euro für ein Auto, bei dem sich die Sitze nicht verschieben lassen? Kaum ein Sportwagen ist so extrem auf Rennmaschine getrimmt wie der Ford GT. Das zeigt sich auch beim Motor.

Ford

Der erste Eindruck: Ready for Take-off.

Das sagt der Hersteller: Der neue GT soll eine würdige Hommage an jenen legendären Rennwagen GT40 sein, mit dem Ford 1966 einen Dreifach-Triumph beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans feierte. Keine leichte Aufgabe für eine Marke, die mittlerweile hauptsächlich Massenautos wie den Focus und den Fiesta für den europäischen Markt baut und in den USA für den Pick-up F-150 berühmt ist, das dort meistverkaufte Fahrzeug. Entsprechend groß war die Herausforderung für Dave Pericak, den Leiter der Performance-Sparte von Ford: Von den etwa 250.000 weltweiten Mitarbeitern des Herstellers waren anfangs höchstens 100 eingeweiht.

Die Rennwagenversion war 2016 aber pünktlich zum 50-jährigen Jubiläum der Le-Mans-Siege fertig. Dass es den Wagen jetzt auch zu kaufen gibt, liegt an den sogenannten Homologationsregeln, die den Bau einer Variante mit Straßenzulassung vorschreiben. Dave Pericak veränderte dabei nur das Nötigste. Der GT ist deshalb viel weniger komfortabel und alltagstauglich als zum Beispiel die Supersportwagen von Ferrari - "aber viel näher als in diesem Auto kann man einem Rennwagen kaum kommen," sagt Pericak.

Dieses Argument zieht offenbar: Gebaut werden vom Ford GT nur 1000 Exemplare innerhalb der nächsten vier Jahre, die Nachfrage ist aber viel größer. Der Preis von 530.000 Euro ist für die meisten Interessenten kein Problem, die Verfügbarkeit schon. Ford-Manager berichten von Kunden, die Blankoschecks ans Unternehmen schickten. Gute Karten hat, wer einen originalen GT besitzt und sich bereiterklärt, den neuen Wagen möglichst oft bei Rennen oder zumindest auf der Straße einzusetzen, statt ihn in einer klimatisierten Garage wegzuschließen. Außerdem mussten GT-Interessenten versprechen, das Auto in den ersten zwei Jahren nicht weiterzuverkaufen.

In Deutschland haben für 2017 neun Käufer den Zuschlag erhalten, 2018 sollen noch dreizehn und 2019 zwölf weitere GT ausgeliefert werden. Für 2020 stehen die Zahlen nach Angaben eines Ford-Sprechers noch nicht fest. Angesichts der hohen Entwicklungskosten und der geringen Stückzahl wird der Hersteller nicht viel an dem Wagen verdienen.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des Ford GT - mit unserem 360-Grad-Foto:

Das ist uns aufgefallen: Die Karosserie mit den riesigen Luftkanälen sieht spektakulär aus, der Heckspoiler ist gigantisch und natürlich gibt es auch ein Lenkrad mit Knöpfen wie in der Formel 1. Soweit bewegt sich der Ford GT in der üblichen Supersportwagen-Sphäre. Doch nach der ersten Sitzprobe weiß man, dass dieses Auto anders ist.

Alles im GT ist funktionell und nicht nur der Form halber an Bord. Selbst die Luftröhren für die Klimaanlage sind nicht einfach Schläuche, sondern Teil der tragenden Konstruktion. Weil es für die übliche Nachrüstung in der Kabine keinen Platz gab, haben die Amerikaner den für einen Rennwagen vorgeschriebenen Überrollkäfig einfach in den Rahmen hineinkonstruiert und auch bei den Kundenfahrzeugen zum Großteil drin gelassen.

Der enge Schalensitz ist an das Karbonchassis verschraubt und lässt sich nicht verschieben, nur seine Lehne kann um ein paar Grad geneigt werden. Da sich die Kunden in ihrer Körpergröße aber durchaus unterscheiden werden und sowohl die Zwei-Meter-Frau als auch der 1,60 kleine Fahrer den GT richtig bedienen wollen, gibt es folgende Möglichkeiten: Die Pedale lassen sich von Hand mittels eines schwergängigen Federmechanismus' justieren. Das Lenkrad kann mit zwei Hebeln sowohl in der Horizontalen als auch der Vertikalen verstellt werden. Ist ein Beifahrer dabei, wird es garantiert kuschelig - der GT ist zwar breit wie ein Lastwagen, aber weil die Kabine nach hinten tropfenförmig zuläuft, bleibt den Insassen nicht viel Platz.

Solche Unbequemlichkeiten mutet einem kein anderes Auto dieser Preisklasse zu. Andererseits fühlt man sich dem GT auf diese Weise gleich eng verbunden, und das kann nicht schaden - schließlich tobt im Heck der bislang stärkste Motor in Fords Firmengeschichte: Der 3,5 Liter große V6-Turbomotor entwickelt 656 PS und fast 750 Nm Drehmoment. Von 0 auf Tempo 100 braucht der Wagen 2,8 Sekunden, Schluss ist erst bei 347 km/h.

Fotostrecke

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Autogramm Ford GT: Einmal roh, bitte

Entgleisen einem die Gesichtszüge, wenn man aufs Gaspedal tritt? Natürlich. Aber das Bemerkenswerte am GT ist nicht allein diese explosive Schnellkraft, sondern vielmehr die Art, wie er sie auf die Straße bringt. Denn obwohl alles an diesem Wagen roh wirkt, lässt er sich erstaunlich gut beherrschen.

Das liegt zum einen an der perfekten Balance und an der ausgefeilten Aerodynamik, die mit steigendem Tempo wachsenden Abtrieb erzeugt und das Auto so immer fest auf den Asphalt drückt. Zu anderen arbeiten in dem Wagen 50 Sensoren und 28 Micro-Prozessoren - von der Regelung der Ventilsteuerzeiten, der Schaltzeiten der Doppelkupplung, des adaptiven Fahrwerks und des Toque Vectorings - nur an einem Ziel: Dass dieser Überflieger keinen Abflug macht. Um die physikalischen Gesetze wie Schwer- oder Fliehkraft zu bändigen, wird ein Datenvolumen von 300 MB pro Sekunde verarbeitet.

Ist man dann doch mal gezwungen, fester in die Bremsen zu treten, sollte man vorher den Gurt angelegt haben. Dann greift nämlich nicht nur die Karbon- und Keramikbremsanlage zu; auch der Riesenspoiler auf dem Heckdeckel stellt sich blitzartig auf und wirkt wie ein Bremsfallschirm. Der Wagen stoppt so abrupt, dass man glaubt, Gebiss und Augäpfel fallen einem gleich aus dem Gesicht.

Tom Grünweg

Das muss man wissen: Dem etwas plumpen und profanen Zündschlüssel sieht man an, dass er mit wenig Aufwand aus dem Konzernregal von Ford genommen werden konnte; aber fast alles andere mussten die Ingenieure eigens für den GT entwickeln. Das gilt für die Karbonkarosserie mit ihren tiefen Formel-1-Furchen genauso wie für das Fahrwerk und für das Doppelkupplungsgetriebe. Der V6-Motor mit 3,5 Liter Hubraum weist dagegen viele Parallelen zum Antrieb in dem Pick-up-Ungetüm Ford Raptor auf - wobei er dort "nur" 450 PS Leistung bietet.

Natürlich musste sich Ford von den Traditionalisten Vorwürfe anhören, der Sechszylindermotor sei ein Sakrileg: Schließlich war im GT40 aus den Sechzigerjahren (und in einem 4000 Mal gebauten Remake vom Beginn dieses Jahrtausends) ein V8-Motor verbaut. Performance-Chef Pericak kontert solche Beschwerden mit dem Hinweis, dass man einen Wagen mit größtmöglichen Gewinnchancen bei Rennen bauen wollte. Deshalb habe es ein Sechszylinder sein müssen, der im Vergleich zum V8 einfach kleiner sei und sich damit tiefer am Boden montieren und windschnittiger im Heck integrieren ließ.

Ein V8 mag zwar etwas gemeiner grollen als ein V6 - aber wem es auf den großen Auftritt ankommt, braucht sich im GT keine Sorgen machen: Das Design dieses Wagens zieht auch so alle Blicke auf sich, da bedarf es keiner akustischen Hilfe. Und nur damit wir uns nicht falsch verstehen: Ein Leisetreter ist der GT deshalb ja noch lange nicht.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des Ford GT Motorraums - mit unserem 360-Grad-Foto:

Das werden wir nicht vergessen: Die kleinen Abstürze, die man mit dem GT erleben darf: Wechselt man in den sogenannten Track-Modus, senkt sich die Karosserie um fünf Zentimeter tiefer auf die Straße - aber keineswegs sanft, wie es bei anderen Autos der Fall ist. Nein, im Ford knallt man förmlich auf den Boden, und das passt ganz gut zu dem rohen Auftritt dieses Wagens.

Fahrzeugschein
Hersteller: Ford
Typ: GT (2017)
Karosserie: Sportwagen
Motor: V6-Benzindirekteinspritzer mit Turbo
Getriebe: Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe
Antrieb: Heck
Hubraum: 3.497 ccm
Leistung: 656 PS (482 kW)
Drehmoment: 757 Nm
Von 0 auf 100: 2,8 s
Höchstgeschw.: 347 km/h
Gewicht: 1.385 kg
Maße: 4779 / 2003 / 1063
Preis: 530.000 EUR
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insgesamt 64 Beiträge
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Seite 1
Flying Rain 22.05.2017
1. Würde
Würde sofort einen bestellen wenn man mich A: bestellen liese (die haben ganz nette Auflagen ala Social Media wenn man einen ordern will bzw sich darum bewerben will) und ich B: das nötige Spielgeld für so etwas hätte. Da A & B nicht zutreffen hoffe ich einfach mal darauf dass ich einen mal in der freien Wildbahn in Europa antreffe. Tolles Auto aus meiner Sicht. Irgendwie das Gegenstück zum Vulcan nur mit Straßenzulassung.
harleyfahn 22.05.2017
2. Optisch
ein weiterer Vertreter der Kategorie "Mondlandefähre" a la Ferrari, Lamborghini, McLaren und Co.. Ich hoffe, das formal "richtige" Autos wie die Angebote von Aston Martin, Porsche, Maserati oder Jaguar nicht völlig aussterben.
jadehase 22.05.2017
3. Reality-Check
Hat er E-Antrieb? Verwirklicht er innovative Speichertechnologien? Wurden die Rohstoffe, aus denen er gemacht ist, nachhaltig gewonnen? Wurden die Arbeiter fair bezahlt? Ist sein Interieur vegan, wurden dafür keine Lebewesen ausgebeutet? Hat er eine exzellente Klimabilanz? Nein? Dann ist er ein nur weiterer Saurier von vorgestern, der in der Zukunft keinen Platz hat.
noalk 22.05.2017
4. Gibt's den auch mit Hängerkupplung?
Bei immerhin anderthalb Tonnen Fahrgewicht wäre das schon ein schönes Zugpferd. Leider wohl wieder so ein Schallwerfer, der einem schon aus drei Meilen Entfernung den Hammer den Amboss malträiieren lassen wird. Gehört auf der Straße verboten. Und wo finde ich den "Blick in den Innenraum des Renault Capture - mit unserem 360-Grad-Foto", den zu werfen man aufgefordert wird?
redneck 22.05.2017
5. V6 Turbo?
Ford hat mit den Coyote V8 tolle Motoren. Leider zuwenig Hubraum mit knapp 5l um das Auto als Sauger zu bauen. Zudem ist der Wagen zu schwer geraten wenn auch leichter als BMW, Benz und VW...aber die spielen ja auch nicht in der McLaren Liga wie der GT. Bin gespannt ob Corvette endlich den Mittelmotorwagen bauen wird.
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