Von Tom Grünweg
Was für ein Auto braucht ein Paar, das Nachwuchs erwartet und so ganz nebenbei auch noch ein Häuschen baut? Ganz klar: einen Kombi. Doch so schön das Bild auch ist, das die Automobilhersteller in der Werbung zeichnen – ein Neuwagen ist in dieser Situation nicht drin. Also sucht die werdende Familie bei den Gebrauchten: "Groß musste er sein, praktisch und nicht all zu teuer" , umschreibt der Vater die Kriterien, die letztlich zu einem Mondeo Turnier Baujahr 1994 geführt haben. Sein größter Vorteil ist seine große Klappe, hinter der oft der halbe zukünftige Hausstand verschwinden konnte: Supermarkt, Baustoffhandel, Möbelladen – dort war und ist der Turnier mit einem Fassungsvermögen von bis zu 1650 Litern und einer Zuladung von mehr als 600 Kilo Stammgast an der Laderampe. Außerdem kann er ja auch noch bis zu 1500 Kilo an den Haken nehmen.
Der Kombi aus Köln, der in der ersten Generation von 1993 bis 1996 gebaut wurde, ist in dieser Liga neben dem Vectra die einzig ernstzunehmende Alternative zum Passat Variant, der als Neuwagen seinen Fahrer zum Handlungsreisenden stempelt und als Gebrauchter doch ein wenig zu sehr nach Gemüsetransporter oder Pampers-Bomber aussieht. Also fährt die Familie Ford und ist damit im großen und ganzen ziemlich zufrieden. OK, ok – wenn er nicht gerade frisch für die Fotos gewaschen wurde, ist der Lack mittlerweile ein wenig stumpf. Und innen haben der Zahn der Zeit und vor allem die beiden Kinder auf dem Rücksitz auch so ihre Spuren hinterlassen.
Feuerrote Zuverlässigkeit
Aber der 1,8-Liter-Motor unter der Haube schnurrt noch fast so zuverlässig wie am ersten Tag. Mit seinen 115 PS war der Mondeo damals schon ein ziemlich heißes Gefährt. Zwar kann man damit heute selbst in der Golfklasse kaum mehr punkten, doch mit etwas Anlauf und gutem Willen schafft es der feuerrote Kombi noch immer auf Tempo 185. Und wenn man ihn schön gemütlich und schonend fährt, ist er auf 100 Kilometern mit acht Litern zufrieden.
Bei der Ausstattung kann der Mondeo – vielleicht abgesehen vom ESP, das damals gerade erst in der Oberklasse eingeführt wurde – auch mit aktuellen Modellen noch ganz gut mithalten. "Weil unser Wagen ein Sondermodell war, ist eigentlich alles drin, was man wirklich braucht", sagt die Besitzerin. Neben ABS und Airbags gibt es deshalb auch eine Klimaanlage, sportliche Sitze, elektrische Fensterheber, eine Musikanlage, Zentralverriegelung und sogar serienmäßige Alufelgen.
Über große Ausfälle können die Besitzer dabei nicht klagen: Hier mal ein paar Kratzer, dort mal einen neuen Scheinwerfer, mal eben die Bremsbeläge erneuert, und einen rostfreien Auspuff hat der Wagen mittlerweile auch wieder. Aber sonst hat er die Werkstatt nur selten gesehen. Dafür nervt er seine Besitzer mit der Wegfahrsperre, die ihren Job wohl manchmal etwas zu ernst nimmt und den Wagen nicht freigibt, wenn man den entsprechenden Knopf am Transponder drückt. "Aber das kennen wir mittlerweile schon", sagt die Besitzerin: "Zwei Kugeln Eis und einen Kaffee später startet er wieder problemlos."
Dass der Wagen ansonsten keine Probleme macht, ist offensichtlich ein Glücksfall. Denn bei der Hauptuntersuchung schneidet der Kölner in diesem Alter für gewöhnlich nicht mehr so gut ab: "Dort muss dem Mondeo Turnier schon häufiger die Plakette verweigert werden", sagt Christoph Diwo, der technische Leiter der Sachverständigen-Organisation KÜS. "Das liegt im Besonderen an der oft schadhaften Vorderachsaufhängung, speziell am Querlenker links, und am ebenfalls oft schadhaften Mittelschalldämpfer der Abgasanlage", erläutert der Prüfingenieur. Gleichzeitig lobt er den Kombi für seine solide Bremsanlage und den geringen Rostbefall an Rahmen und Fahrgestell: "Hier schneidet der Mondeo sogar besser ab als der Durchschnitt."
Mehr als fünfmal um die Erde
Als der Besitzer seinen Kombi vor sechseinhalb Jahren für damals 14.000 Mark kaufte, hatte der Wagen schon 107.000 Kilometer auf der Uhr. Jetzt zeigen die sechs Walzen im Cockpit die Ziffern 2-3-5-4-2-9 und machen alle Hoffnungen auf einen Weiterverkauf zunichte. Denn bei dieser Laufleistung weist die Schwacke-Liste als Händler-Einkaufspreis gerade noch 450 Euro aus. Und auch im freien Verkauf würde der Wagen wohl kaum mehr als den Schwacke-Tarif von 1100 Euro einbringen.
Deshalb sind die Tage des Mondeo bei der jungen Familie noch lange nicht gezählt: "Der läuft hier bis zum bitteren Ende", sagt der Besitzer und freut sich schon jetzt auf die Eintauschprämie, die er dafür beim Kauf des nächsten Autos kassieren wird. Vielleicht wird es ja wieder ein Mondeo. Schließlich steht bei Ford mittlerweile die dritte Generation in den Startlöchern.
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