Autogramm Ford Tourneo Courier Alle Finger fliegen hoch!

Nur noch wenige Autos werden komplett ohne Lifestyle-Brimborium und Premium-Anspruch angeboten, der Ford Tourneo Courier ist so eines. Gerade deshalb steht er für eine Haltung: Praktische Vernunft - mit nach oben gerissenen Armen.

Von Jürgen Pander

Jürgen Pander

Der erste Eindruck: Nähert man sich dem Auto von vorn, erscheint der Tourneo sympathisch. Aus allen anderen Perspektiven jedoch wirkt der kompakte Hochdach-Kombi wie ein kleiner Lieferwagen. Genau das ist er im Hauptberuf, dann heißt der Wagen Transit Courier. Hier aber geht es um den Tourneo Courier, also um die äußerlich identische Pkw-Version, deren Vorzüge vor allem im Innern der Kastenform liegen.

Das sagt der Hersteller: Der neue Tourneo Courier sei eine "clevere, rationale Lösung für viele Transportprobleme und ideal für junge Familien oder Freizeitsportler", sagt Ford-Sprecher Ralph Caba. Er übertreibt damit nicht, denn der Kastenwagen auf Basis des Kleinwagens Ford Fiesta ist ein Auto nach dem Motto "Dienst nach Vorschrift". Der Wagen kann alles, was man normalerweise von einem Pkw erwartet und pfeift auf alles, was einem die Industrie oft als wichtig einzureden versucht: Sportlichkeit, Dynamik, Image, vermeintlicher Premiumstatus. "Sie suchen etwas Praktisches mit viel Platz und geringem Kraftstoffverbrauch?", fragt Ford rhetorisch auf der Homepage, um sodann die Antwort zu präsentieren - logisch, den Tourneo Courier.

Das ist uns aufgefallen: Nach dem Einsteigen ins Auto hat man erst mal das Bedürfnis, die Arme hochzureißen und sich zu dehnen. Einfach weil es in diesem Wagen geht, und in den allermeisten anderen nicht. Die Höhe ist das Besondere dieses Autos, und sie ermöglicht nicht nur Dehnübungen der Insassen, sondern auch eine über die komplette Breite laufende Ablagemulde über den Köpfen von Fahrer und Beifahrer. Überhaupt die Ablagemöglichkeiten: Es gibt etliche Mulden, Fächer und Taschen, um Kleinkram unterzubringen, dazu Schubladen unter den Vordersitzen und ein Staufach auf dem Armaturenbrett mit eingebauter Ladestation für ein Smartphone.

Man sitzt aufrecht im Tourneo Courier, das Cockpit hingegen fällt eher flach aus. Das klingt erst mal nach bester Übersicht, doch genau die gibt es nicht. Denn einerseits sind die oberen Ränder der Instrumente nicht mehr zu sehen, wenn man sich als normalgroßer Fahrer Sitz und (das zweifach verstellbare) Lenkrad zurechtgerückt hat, und andererseits bleibt auch die Frontpartie des Autos unsichtbar - denn die extrem weit nach vorn gerückte Frontscheibe und die abfallende Motorhaube geben dem Auge keinen Anhaltspunkt dafür, wo genau das Auto anfängt.

Fahrerisch bekommt man von dem Fiesta mit Kastenkarosserie exakt das, was man erwartet: ein grundsolides Gefühl für Wagen und Straße ohne jedwede Überraschung. Der 1,6-Liter-Dieselmotor unseres Testwagens mit einer Leistung von 95 PS brachte den knapp 1,3 Tonnen schweren Familien-Kastenwagen zügig auf Trab, der Knüppel des Fünfgang-Schaltgetriebes sitzt angenehm hoch vor der Armaturentafel und als Durchschnittsverbrauch gibt Ford 3,7 Liter je 100 Kilometer an. Ungeachtet des realen Verbrauchs ist die 1,6-Liter-Diesel-Variante damit der sparsamste Motor im Angebot.

Das muss man wissen: Die aktuelle Variante des kompakten Hochdach-Ford wird seit einigen Monaten angeboten, wahlweise mit einem Dreizylinder-Turbobenziner (100 PS) oder mit zwei Diesel-Aggregaten (75 und 95 PS). Die billigste Ausführung des Tourneo Courier kostet 15.150 Euro; das von uns gefahrene Diesel-Modell in der Top-Austattung Titanium (Grundpreis 19.700 Euro) ist mit 22.750 Euro deutlich teurer. Die Summe kommt zustande durch aufpreispflichtige Extras wie etwa einem Start-Stopp-System (297 Euro), dem Metallic-Lack "Skyline-Blau" (416 Euro), einem Fahrer-Knieairbag (89 Euro) oder dem 12-Volt-Anschluss im Gepäckraum (12 Euro).

Serienmäßig sind bei allen Varianten zwei Schiebetüren im Fond, dazu eine große Heckklappe und eine Rücksitzanlage, bei der sich nicht nur die Lehnen umklappen, sondern auch die eingefalteten Sitze nochmals hochklappen lassen. Durch diese Möglichkeit lässt sich das Ladevolumen mit wenigen Handgriffen von 708 bis 1656 Liter variieren.

Ein Manko des Tourneo Courier ist der mickrige, tief in einer Höhle platzierte Bildschirm auf der Mittelkonsole. Solche Systeme gibt es längst deutlich größer und damit informativer.

Das werden wir nicht vergessen: Wie deutlich man das Bemühen von Ford erkennt, den Tourneo Courier wirklich als wohnlichen Pkw einzurichten - und dass das auch gelungen ist. Die Oberflächenmaterialien, die Passungen, die Sitze und das Raumgefühl ergeben den Eindruck eines durchdachten, sorgfältig gemachten Autos. Selbst Skeptiker werden zumindest für einen Moment lächeln - wenn die Zündung eingeschaltet wird und eine kurze Begrüßungsmelodie erklingt.

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insgesamt 57 Beiträge
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Seite 1
GPTip.com 04.01.2015
1.
"Zitat: Ein Manko des Tourneo Courier ist der mickrige, tief in einer Höhle platzierte Bildschirm auf der Mittelkonsole. Solche Systeme gibt es längst deutlich größer und damit informativer." Größer heißt nicht unbedingt informativer! Geht die Zoll-Prahlerei jetzt auch schon bei den Bildschirmen im Auto los? Erst ging es um den LCD-TV daheim, dessen Diagonale Thema bei so manchen Familienfeiern ist. Dann ging man zu den Smartphones über. Und jetzt werden die Bildschirme im Auto verglichen.
fd53 04.01.2015
2. in der Praxis leider unbrauchbar
Fast täglich wird in den Medien über die veränderte Altersstruktur der Bevölkerung berichtet und es wird darüber auch sehr viel diskutiert. Eine veränderte Altersstruktur bedeutet aber Euch immer mehr Personen müssen für die Bewältigung längerer Wegstrecken einen Rollstuhl benutzen, den man vorher zusammengeklappt in Auto mitführen muss. Das negiert die Autoindustrie leider immer mehr. So sind in den letzten Jahren u.a. mit dem Renault Modus, dem Golf plus und dem Ford Vision gleich 3 kurze Fahrzeuge (sonst Parkprobleme in der Innenstadt und in Parkhäusern) ohne realen Ersatz vom Markt verschwunden. Selbst VW hat bei der Überarbeitung des VW Sharan zehntausende alte Kunden durch die veränderte Einstiegs- und Ladehöhe vertrieben und wundert sich seit dem über die sinkendem Absatzzahlen bei dem Modell. Statt dessen gibt es immer mehr Lifestyle-Modelle ohne real nutzbare Ladefläche. Wirkliche Kenner dürfen jetzt als Antwort mal all jene kurzen (!) PKW aufzählen, bei denen man im Heck hinter der Hecksitzbank senkrecht einen zusammengeklappten Rollstuhl (115x110x30 cm) hinstellen kann. Es gibt solche Modelle nicht mehr! Und auch der Tourneo Courier versagt an der Stelle total.
fd53 04.01.2015
3. noch ein Mangel: vorn zu kurze Sitzflächen
Leider gehört dieses Fahrzeug, genauso wie z.B. auch der Citroen C3 Picasso oder der Renault Kangoo, zu den Fahrzeugen mit viel zu kurzer Sitzfläche bei den Vordersitzen. Das mag beim kurzen Ausprobieren oder Testen nicht weiter auffallen, ist aber auf Strecken ab 100 km sehr unbequem. Aber vielleicht sind die Tester ja auch alle kleiner als 1,65 m.
Illya_Kuryakin 04.01.2015
4.
Zitat von fd53Fast täglich wird in den Medien über die veränderte Altersstruktur der Bevölkerung berichtet und es wird darüber auch sehr viel diskutiert. Eine veränderte Altersstruktur bedeutet aber Euch immer mehr Personen müssen für die Bewältigung längerer Wegstrecken einen Rollstuhl benutzen, den man vorher zusammengeklappt in Auto mitführen muss. Das negiert die Autoindustrie leider immer mehr. So sind in den letzten Jahren u.a. mit dem Renault Modus, dem Golf plus und dem Ford Vision gleich 3 kurze Fahrzeuge (sonst Parkprobleme in der Innenstadt und in Parkhäusern) ohne realen Ersatz vom Markt verschwunden. Selbst VW hat bei der Überarbeitung des VW Sharan zehntausende alte Kunden durch die veränderte Einstiegs- und Ladehöhe vertrieben und wundert sich seit dem über die sinkendem Absatzzahlen bei dem Modell. Statt dessen gibt es immer mehr Lifestyle-Modelle ohne real nutzbare Ladefläche. Wirkliche Kenner dürfen jetzt als Antwort mal all jene kurzen (!) PKW aufzählen, bei denen man im Heck hinter der Hecksitzbank senkrecht einen zusammengeklappten Rollstuhl (115x110x30 cm) hinstellen kann. Es gibt solche Modelle nicht mehr! Und auch der Tourneo Courier versagt an der Stelle total.
Öh... Nö! Wenn ich mir die Mittsechziger von heute anschaue, dann sind die meisten fitter, als die Mittvierziger der Generation meines Vaters. (Keine allgemeingültige Regel! Subjektiv empfunden.) Nicht falsch verstehen: es tut mir sehr leid, dass Sie körperlich eingeschränkt sind und auf einen Rolli angewiesen sind. Aber sie leiten -nicht zum ersten Mal in diesem Forum- aus Ihrer Situation eine Allgemeingültigkeit ab, die so nicht besteht. Der Markt ist voll mit Autos in allen Formen, Farben und Variationen. Ich gehe jede Wette ein, dass sich gleich mehrere Autos finden lassen, die Ihre Anforderungen erfüllen. Schon mal bei den Franzosen geschaut? Es fällt mir schwer zu glauben, dass in einen PKW, der auf einem Transporter(!) basiert, kein zusammengeklappter Rollstuhl passt, sorry. P.S.: bei meinem querschnittsgelähmten Onkel tat es ein Opel Rekord C, Automatik, zweitürige Limousine (Gas und Bremse mit Handbedienung). Also ein "normales Auto". Aber das waren auch andere Zeiten damals .
fd53 04.01.2015
5.
Zitat von Illya_KuryakinÖh... Nö! Wenn ich mir die Mittsechziger von heute anschaue, dann sind die meisten fitter, als die Mittvierziger der Generation meines Vaters. (Keine allgemeingültige Regel! Subjektiv empfunden.) Nicht falsch verstehen: es tut mir sehr leid, dass Sie körperlich eingeschränkt sind und auf einen Rolli angewiesen sind. Aber sie leiten -nicht zum ersten Mal in diesem Forum- aus Ihrer Situation eine Allgemeingültigkeit ab, die so nicht besteht. Der Markt ist voll mit Autos in allen Formen, Farben und Variationen. Ich gehe jede Wette ein, dass sich gleich mehrere Autos finden lassen, die Ihre Anforderungen erfüllen. Schon mal bei den Franzosen geschaut? Es fällt mir schwer zu glauben, dass in einen PKW, der auf einem Transporter(!) basiert, kein zusammengeklappter Rollstuhl passt, sorry. P.S.: bei meinem querschnittsgelähmten Onkel tat es ein Opel Rekord C, Automatik, zweitürige Limousine (Gas und Bremse mit Handbedienung). Also ein "normales Auto". Aber das waren auch andere Zeiten damals .
Sie negieren ihre reale Umwelt total, vermuten etwas und bringen alles durcheinander. Es geht mir nicht um Leute mit 60, sondern um die drastisch wachsende Anzahl von Personen über 75 mit dem Schwerbehindertenmerkmal G oder aG. In meiner deutschen Heimatgroßstadt haben dieses Merkmal bereits jetzt 18% (!) aller (!!!) dortigen Einwohner im Schwerbehindertenausweis. Das ist die deutsche Realität! * Und nun versuchen Sie mal zusätzlich zu Ihrer aktuellen Lebensabschnittsgefährtin ihre Oma oder den Opa samt zusammengeklappten Rollstuhl mit einem PKW auf einem Ausflug mit zunehmen. Sie werden selbst mit Golf Kombi, Audi A3 Kombi, Audi A4 Kombi, Mercedes A/B/C-Klasse, BMW 1 bis 3er und so fort total und kläglich scheitern. denn derzeit baut die Autoindustrie komplett am Bedarf vorbei, das ist die Realität.
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