Forschungsfahrzeug Oscar Knutschkugel mit Hintersinn

Die meisten Autos gehen am Bedarf vorbei, sagt die Darmstädter Forschungsinitiative Akasol: Im Schnitt fahren sie nur mit 1,3 Personen, neun von zehn Fahrten sind kürzer als neun Kilometer. Dafür ist sogar ein Smart zu viel. Deshalb arbeiten die Hessen an einem neuen Fahrzeug.

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Auf den ersten Blick sieht Oscar aus, als wäre er von gestern. Doch die pausbäckige Knutschkugel im Stil der alten Kabinenroller wirft den Blick nicht zurück, sondern nach vorn. In eine Zukunft, in der Autos nur noch für ihren tatsächlichen Zweck konstruiert sind und keinen überflüssigen Ballast mehr mit sich führen. In eine Zukunft, die ohne Mineralöl mobil ist, und in eine Zukunft, in der Kohlendioxid nicht weiter für eine globale Erwärmung sorgt. Deshalb ist Oscar für Felix von Borck auch nicht nur ein Auto, sondern das "Maskottchen für die postfossile Mobilitätkultur".

Was der Mitarbeiter der Darmstädter Forschungsinitiative Akasol sagt, klingt ein wenig hochtrabend und etwas übertrieben. Aber so reden sie fast alle bei der Challenge Bibendum, der Rallye für Nachhaltige Mobilität. Und fast alle wollen sie die Welt verbessern oder zumindest den Niedergang stoppen. Deshalb nehmen sie mit ihren sparsamsten, saubersten und viel versprechendsten Antriebstechnologien teil. Und deshalb steht auch das "Open Source Car" - Oscar - hier am Start.

Optische Anmutung wie ein zu heiß gewaschener Smart

Oscar ist 2,50 Meter lang sowie 1,20 Meter schmal und bietet Platz für zwei bis drei Personen. Mit den weit ausgestellten Radkästen und dem hohen Profil sieht er aus wie ein zu heiß gewaschener Smart. Doch vom Stuttgarter Mobilitätskonzept, das mittlerweile zu einem modischen Kleinwagen ohne Utopie geworden ist, trennt Oscar die ökologische Konsequenz seiner Erfinder aus dem Umfeld der Technischen Hochschule Darmstadt. Weil sie den Elektroantrieb auf Kurzstrecken für die ideale Lösung halten, hat Oscar in seinem doppelten Boden keinen Tank, sondern eine Batterie. Und statt eines Dreizylinders im Heck schnurrt bei ihm ein Elektromotor auf der Vorderachse.

Völlig frei von lokalen Emissionen und nahezu geräuschlos bringt dieser den Wagen in Fahrt: Einfach den Vorwärts-Knopf drücken, den Fuß aufs Pedal heften, und schon schießt Oscar davon. Weil der Elektromotor ein maximales Drehmoment von 2000 Nm erzeugt, geht es mit dem zweistufigen Automatikgetriebe nach einer Gedenksekunde schneller voran, als man es dem Winzling zugetraut hätte. Und Entwickler von Borck behauptet, "dass ein Porsche beim Ampelstart gegen Oscar seine liebe Mühe hat". Ob das stimmt, lässt sich vorerst nicht überprüfen.

Ein agiles Wägelchen für alle Wege des Alltags

Auf jeden Fall bleibt der Fahrspaß in der mit einem Wendekreis von 7,50 Metern sehr wendigen und ziemlich spurtstarken Knutschkugel mit Hintersinn nicht auf der Strecke. Die 130 km/h Höchstgeschwindigkeit glaubt man von Borck auf Anhieb. Und auch die Argumentation für das Antriebskonzept klingt schlüssig. "Elektroautos sind ideal für fast alle Fahrten bis 100 Kilometer, verbrauchen im Stand keine Energie, können die Bremsenergie zurückspeisen und sind abgasfrei", schreiben die Entwickler auf ihrer Internetseite. Sinnvoll seien sie aber nur, wenn sie deutlich weniger Energie als herkömmliche Fahrzeuge benötigen, schränkt Akasol ein.

Das wiederum funktioniere nur mit Leichtbau. Oscar wiegt lediglich 400 Kilo und ist auf 100 Kilometern mit sechs Kilowattstunden zufrieden. "Umgerechnet auf fossile Brennstoffe entspricht das einem Äquivalent von einem Liter Diesel", rechnet Entwickler von Borck vor. Eine Batteriefüllung reicht für 100 bis 300 Kilometer und bietet genügend Saft für die alltäglichen Mobilitätsbedürfnisse.

Ökologisch reizvoll wird die Idee vom Elektroantrieb allerdings erst, wenn man den Strom aus regenerativen Energiequellen gewinnt, zum Beispiel mit Wind- oder Solarenergie. Dafür braucht es den Entwicklern zufolge weder Wüstensonne noch maritime Stürme. "Mit zehn Quadratmeter Solarzellen kommt man schon in Darmstadt 25.000 Kilometer weit. Und eine Windkraftanlage reicht für 20.000 Pendler", rechnet von Borck vor.

Karosserie aus Hanf, Jute, Flachs und Zucker

Kohlendioxid spart Oscar schon bei der Produktion, die bislang allerdings noch graue Theorie ist. Denn statt auf Stahl oder Kunststoff setzen die Tüftler auf ein Gewand aus Naturfasern, das über den nur 30 Kilo schweren, aber in vielen Crashtests erprobten Rahmen aus Aluminiumrohren gestülpt wird. Dafür werden Fasern wie Hanf, Jute oder Flachs mit einem Harz aus Zucker und Stärke laminiert und dann in Form gebracht. Auf den ersten Blick wirkt das Material zwar spröde, und das Zuschlagen der Türen klingt wenig solide. Doch beim Crash habe diese Konstruktion unschlagbare Vorteile, sagt von Borck. Weil der Rahmen genug Stabilität zum Insassenschutz biete, könne die Karosserie zum Schutz von Fußgängern ausgelegt werden.

Noch allerdings fürchtet von Borck nichts mehr als einen Crash. Denn Oscar ist ein handgefertigtes Einzelstück. Daraus ein Serienprodukt zu machen, das bei entsprechend großer Stückzahl für weniger als 5000 Euro verkauft werden könnte, sei zwar möglich. Doch ist das gar nicht die Absicht von Akasol. "Uns geht es darum, die Machbarkeit eines solchen Konzeptes unter Beweis zu stellen", sagt der Akasol-Mann. "Wenn der Vorausentwickler eines großen Herstellers so ein Auto auf die Beine stellen will, soll er die Technologie in greifbarer Nähe haben."



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