Gebrauchter Fiat Barchetta Ein Schönling, der schnell altert

Als der italienische Autokonzern Fiat den kleinen Barchetta auf den Markt brachte, war die Italo-Fraktion elektrisiert: Endlich stand ein Auto zur Verfügung, das es mit dem Mazda MX 5 aufnehmen konnte. Doch nachhaltige Freude daran hatten nicht einmal die gusseisernen Fiat-Fans.

TMN

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Berlin - Es war der Mazda MX 5, der Anfang der neunziger Jahre die Renaissance der Roadster einläutete, jener kleinen spartanisch ausgestatteten offenen Sportwagen, die in den fünfziger und sechziger Jahren vor allem ein Bedürfnis erfüllten: sie boten Fahrspaß ohne Ende. Im Windschatten des MX 5 machte ab 1995 auch der Fiat Barchetta Karriere. Die italienische Neuinterpretation des offenen Zweisitzers kam gut an bei Kritikern und Käufern - optisch zumindest. Doch die Begeisterung wich alsbald der Ernüchterung. Denn die Verarbeitungsqualität enttäuschte sogar die ohnehin geringen Erwartungen.

Zumindest formal kann der kleine Zweisitzer auch heute noch überzeugen. Ein schickes Interieur mit klassischen Instrumenten, eine steil stehende Frontscheibe, die echtes Frischluft-Gefühl aufkommen läßt, und eine aufregend gezeichnete Karosserie, die Stilelemente des legendären Ferrari 166 (1948-51) übernahm - das Auto weckte sofort Emotionen, nicht nur bei Fiat-Enthusiasten.

Doch im Alltag entpuppte sich der Schönling schnell als Primadonna. Offensichtlichstes Ärgernis war das Verdeckgestänge der ersten Jahrgänge, das das Verdeck häufig durchscheuerte. Ein nasser Innenraum war programmiert. Allerdings lieferten dazu auch die schlecht konstruierten Fenstergummis ihren Beitrag. Selbst eine Änderung des Querschnitts im Mai 1996 brachte kaum Linderung.

Nicht viel besser sah es im Kofferraum aus. Oft drang das Wasser über die schlecht versiegelten Rückleuchten ein und ließ das Gepäck feucht werden.

Nur ein Sommerauto

Doch der Barchetta galt ohnehin als Sommerauto und ein echter Rückschritt zum beliebten Vorgänger 124 Spider war das auch nicht. Ärgerlicher waren da schon die Schwachstellen am Motor. Auf dem Papier versprach das Triebwerk mit seinen knapp 1,8 Litern Hubraum und 131 Pferdestärken Fahrspaß satt. Doch die variable Ventilsteuerung, die bei niedrigen Drehzahlen für ein fülliges Drehmoment sorgen sollte, erwies sich in den ersten vier Jahrgängen als extrem anfällig. Und selbst nach der rund 1000 Euro teuren Reparatur taucht der Fehler bei vielen Barchetta-Modellen nach kurzer Zeit erneut auf. Erst ab Baujahr 1999 kehrte hier Ruhe ein.

Als wäre das nicht genug, blieben Exemplare der Baujahre 1995 und 1996 nicht selten mit defekten Motoren, gerissenen Zahnriemen oder durchgebrannten Zylinderkopfdichtungen liegen, wenn sie ein defekter Anlasser nicht von vorneherein am Losfahren hinderte.

Ab dem Baujahr 1997 endlich gelang es Fiat schließlich, seinen Barchetta aus den Hitlisten der ADAC-Pannenstatistik herauszuhalten. Trotzdem kam es immer noch zu gebrochenen Auspuffanlagen und gerissenen Gaszügen. Wagen aus dem Jahr 1998 fielen zum Teil mit defekten Wegfahrsperren oder maroden Kraftstoffpumpen auf.

Eine Modellpflege brachte 2003 leichte Veränderungen an Blechkleid und im Innenraum. Über die Jahre wurden einige Sondereditionen aufgelegt, die Namen trugen wie Lido oder Amalfi.

Laut Schwacke-Liste kostet ein gebrauchter Barchetta 1.8 16V Milano Baujahr 2001 derzeit rund 4650 Euro. Für ein Fahrzeug in der besseren Ausstattungslinie Adria von 2004 werden rund 7150 Euro fällig.

Rasanter Alterungsprozess

Interessenten, die das Abenteuer nicht scheuen, können zumindest damit rechnen, dass Rost an der Barchetta-Karosserie keine Rolle spielt. Bei älteren Baujahren sollten sie aber einen genauen Blick auf Motorhaube und Kofferraumdeckel werfen, die aus viel zu dünnen und weichem Blech geformt wurden. Ein kräftiger Druck auf die Hauben reichte in der Regel, um unschöne Beulen oder Knicks zu hinterlassen.

Auch andere Schwachstellen lassen die Karosserie schnell schäbig wirken. So verlieren die Blenden der Türschlösser oft ihre schmucke Chromschicht, das Dach scheuert im ausgefahrenen Zustand auf der Lackierung des Verdeckdeckels - und die Gummidichtungen rund um den Verdeckkasten reißen allzu schnell ein.

Auf eine geringe Qualitätsanmutung müssen sich die Liebhaber auch während der Fahrt einstellen. Armaturenbrett, Mittelkonsole und Türverkleidung knarzen und ächzen nicht nur auf Straßen dritter Ordnung. Die Erfahrung hat aber gezeigt: Trotz des regen Eigenlebens bleibt alles an seinem Platz. Am besten, man hört nicht hin und genießt den Sommerwind, der einem um die Nase weht. Ein Cabriofeeling wie der Barchetta bieten von den offenen Autos der jüngeren Generationen nur ganz wenige.



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