Geländewagen aus Russland Wodka pur

Wer bei russischen Geländewagen nur den Lada Niva im Sinn hat, denkt nicht weit genug. Am Ural baut UAZ einen rustikalen Offroader, der nichts gemein hat mit den weichgespülten SUVs aktueller Bauart. Von Bad Nauheim aus soll dieser Wagen Europa erobern.


Gibt es eigentlich noch eine Automobilindustrie in Russland? Aber ja doch. Zwar fahren in Moskau mittlerweile mehr Mercedes als in Mönchengladbach, Wolga kauft Motoren von Chrysler, und bei Lada hat jetzt Chevrolet das Sagen. Doch in Uljanowsk am Fuß des Ural hält sich wacker der einstige Staatsbetrieb UAZ. Aufgekauft von einem finanzstarken Mischkonzern, verdient UAZ vor allem Geld mit der Montage von Fiat-, Hyundai- oder Ssangyong-Modellen. "Und ganz nebenbei produziert die von mehr als 100.000 auf gerade noch 25.000 Mitarbeiter reduzierte Belegschaft auch rund 200.000 Geländewagen im Jahr", erzählt Markus Noeske.

Noeske sitzt zwar nicht in Uljanowsk, 1000 Kilometer östlich von Moskau, sondern im hessischen Bad Nauheim. Doch er weiß dennoch bestens Bescheid. Denn der Unternehmer hat die "russische Legende" zu einem konkurrenzfähigen Off-Roader weiterentwickelt, der europäische Sicherheits- und Umweltnormen erfüllt. Mit seiner Firma Baijah Automotive stellt er diese Fahrzeuge nun in Hessen her und organisiert den europäischen Vertrieb.

Die ersten hundert Autos haben seine Importeure in Italien, den Niederlanden, Frankreich, Griechenland, der Türkei und auf dem Balkan im letzten Jahr schon an Offroad-Puristen, Reiseveranstalter, Förster, Energieversorger und Katastrophenschützer abgesetzt. Nun folgt der nächste Schritt: Noeske will mit etwa 35 Verkaufsstützpunkten auch den deutschen Markt erschließen. Ein flächendeckendes Wartungsnetz soll den Service sicherstellen.


Er hat mit dem in Russland als "Hunter" geführten Offroader gute Argumente. Erstens ist der Wagen mit einem Grundpreis von 15.650 Euro konkurrenzlos günstig. Zweitens hat er mit ordentlicher Bodenfreiheit, großen Rampenwinkeln und einer serienmäßigen Geländeuntersetzung abseits befestigter Straßen handfeste Vorteile. Und drittens besitzt er einfach viel mehr Charakter als die vielen weichgespülten Fahrzeuge, die derzeit auf der SUV-Welle reiten.

Kleine Türen, winzige Fenster und ein eifriges Gebläse

Ein Auto wie Wodka pur aus ungespülten Wassergläsern. Da gibt es naturgemäß auch ein paar Nachteile. Der rustikale Russe ist laut, langsam und etwas unbequem; die Türen sind zu klein, die Schiebefenster winzig, die Lüftung heizt auch im hessischen Frühling wie im sibirischen Winter, und elektrische Helfer wie Fensterheber oder Zentralverriegelung kann man auch vergessen. Zudem ist der von Toyota zugekaufte 2,7-Liter-Vierzylinder nicht gerade ein Leisetreter und schafft auf der Autobahn kaum mehr als die Richtgeschwindigkeit. Die Servolenkung zischt wie eine undichte Gasflasche und hat so viel Spiel, dass sich ein Handyverbot am Steuer von selbst ergibt.

Am besten lässt man das Mobiltelefon sowieso zu Hause, denn viele Ablagen gibt es im spartanischen Cockpit ohnehin nicht. Außerdem sind manche Spaltmaße so breit, dass schlanke Handys auf Nimmerwiedersehen verschwinden könnten. Trotz alledem habe dieses gut vier Meter lange Auto seine Nische, sagt Noeske. Wer die Jugendherberge dem Designerhotel vorzieht, lieber Pumpernickel als Croissants frühstückt oder wer wirklich auf dem Golfclub-Parkplatz auffallen will, der nimmt solch kleine Unzulänglichkeiten gerne in Kauf. Außerdem ist Noeskes Firma auf Massenbetrieb ohnehin nicht eingestellt: "Mehr als 50 Autos pro Monat können wir hier sowieso nicht fertigstellen."

Hier – das sind ein paar Hallen in einem Industriegebiet von Bad Nauheim, in denen der Allradler fit gemacht wird für den europäischen Markt. Zwar hat Markus Noeske vor Ort in Russland die Weichen für den Export gestellt und den Hunter für die entsprechende Zulassung vorbereitet. Aber so ganz dem europäischem Standard entsprechen die Autos dann doch nicht. Deshalb die umfangreichen Endmontage- und Umrüstarbeiten von Abgasanlage bis Motorelektronik, von Bremsen bis Wegfahrsperre.

Kyrillische Hinweise im Motorraum

"Insgesamt haben wir rund 90 Arbeitsgänge und sind damit pro Auto vier Tage beschäftigt", sagt Noeske. Außerdem gibt es natürlich noch die beiden Karosserievarianten, den rundum verblechten "Station Wagon" und das Cabrio mit Softtop. Dazu haben die Hessen eine Menge westlichen Zierrat, vom Riffelblech bis zu Alufelgen, im Angebot. Im Motorraum aber finden sich noch die kyrillischen Aufkleber, die Instrumente sind teilweise zweisprachig beschriftet, und unter der Haube strahlt eine beinahe antike Messingleuchte, die man auch im Manufactum-Katalog finden könnte.

Technik und Vertrieb für den Geländewagen hat Noeske mittlerweile im Griff. Nur mit dem Namen ist das so eine Sache. Die Deutschland-Premiere vor ein paar Wochen beging der Allradler noch als Tigr und nutzte damit Noeskes eingetragene Wort- und Bildmarke. Weil aber Opel befürchtete, dass ahnungslose Kunden den rustikalen Tigr mit dem schnittigen Tigra verwechseln könnten, brachten die Rüsselsheimer ihre Juristen in Stellung - und Noeske in Zugzwang. Der sieht sich zwar im Recht, will aber seine Zeit lieber mit Autos als mit Anwälten verbringen und nennt seine Allradler nun "Baijah". Was das Kunstwort genau heißen soll, weiß Noeske auch nicht: "Der Name klingt einfach nach Allrad und Abenteuer, Freiheit und ursprüngliches Erleben." Und das wäre ja auch ganz treffend.



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