Von Tom Grünweg
Crossover-Autos mit sogenanntem "raumfunktionalen Konzept" wie etwa der BMW 5er GT, ernten reichlich Spott. Buckliger Bieber oder Rucksacklimousine waren noch die freundlichsten Formulierungen für das eigenwillige Design des Gran Turismo, der nach dem Befinden des BMW-Marketings die Vorzüge von Limousine, Kombi, Coupé und Geländewagen vereinen soll. Die Idee zu einem solchen Auto hatten offenbar auch andere. Honda beispielsweise legte beinahe zeitgleich ein ganz ähnliches Konzept auf, und seit ein paar Wochen wird das Modell Accord Crosstour nun verkauft. Zunächst allerdings ausschließlich in den USA, wo SPIEGEL ONLINE ein paar Stunden lang erste Eindrücke mit dem Wagen sammelte.
Bei diesem Einsatz in Manhattan fiel natürlich auch erst einmal die unorthodoxe Form der Karosserie auf. Einen Designpreis wird Honda für das schräge, leicht pummelige Heck wohl nicht gewinnen. Doch im dichten Getümmel der Limousinen und Geländewagen auf der Fifth Avenue oder am Times Square fällt das Auto wenigstens auf Anhieb auf.
Außerdem schafft die Linienführung Platz im Innenraum. Fünf Meter Gesamtlänge und 2,80 Meter Radstand sorgen vorn wie hinten für reichlich Beinfreiheit. Lediglich der Platz für den Kopf in Reihe zwei ist nicht allzu üppig. Das Gepäckabteil wiederum ist groß genug für fast jede Transportaufgabe, die an Autos dieses Kalibers gestellt werden. Schon bei aufrecht positionierter Rückbank passen 727 Liter durch die riesige Luke, und wer die Sitzlehne flach egt, kann bis zu 1452 Liter einladen. Zudem haben die Honda-Ingenieure im Souterrain des Fonds noch ein variables Staufach für allerlei Kleinkram untergebracht.
Konventionelle Einrichtung - aber immer Allradantrieb an Bord
Der Honda ist im Vergleich zum BMW 5er GT eher konventionell eingerichtet. Während es den BMW auch mit zwei bequemen Einzelsitzen im Fond gibt, setzt der Honda stets auf eine herkömmliche Dreier-Sitzbank - die immerhin eine breite Mittelarmlehne mit riesigen Becherhaltern bietet. Und während der BMW mit einer variablen Trennwand zum Kofferraum aufwartet, verfügt der Honda über eine ganz normale Hutablage. Und dann ist da noch die Heckklappe des BMW, die sich in zwei Stufen öffnen lässt, auf Wunsch auch per Knopfdruck; auch das bietet der Honda nicht. Der Verzicht schlägt sich jedoch im Preis nieder. Den Accord Crosstour gibt es in der Basisversion für 29.670 Dollar (umgerechnet knapp 23.000 Euro), der mit einem 400 PS starken V8-Motor bestückte 5er GT kostet mindestens 63.900 Dollar.
Unter dem Blech nutzt das japanische Modell die bekannte Antriebstechnik des amerikanischen Accord-Modells. Hinter dem mächtigen Kühlergrill steckt ein 3,5 Liter großer, sehr ruhiger V6-Motor, der mit einer Leistung von 271 PS und 320 Nm Drehmoment leichtes Spiel mit dem Crosstour hat. Das Automatikgetriebe verfügt zwar über nur fünf Gänge, dosiert die Kraft aber sanft und sauber, so dass der 1,9 Tonnen schwere Accord in weniger als zehn Sekunden auf Tempo 100 kommt und eine für amerikanische Verhältnisse ordentliche Höchstgeschwindigkeit von mehr als 210 km/h erreicht. Der nach US-Norm berechnete Verbrauch ist allerdings, trotz Spartechniken wie einer variablen Ventilsteuerung, üppig: Umgerechnet 11,4 Liter auf 100 Kilometer weist das Datenblatt für den Allradler aus.
Auch den BMW X6 kontert Honda mit einem ähnlich gestylten Modell
Der Crosstour ist übrigens nicht der einzige BMW-Adept von Honda. Auch den nicht minder unkonventionellen, aber mittlerweile durch einen beachtlichen Absatzerfolg bestätigten BMW X6 hat sich Honda zum Vorbild genommen und nach dessen Muster das Modell ZDX gestrickt. 4,89 Meter lang und angetrieben von einem 3,7 Liter großen V6-Motor mit 300 PS läuft der Wagen in den USA unter dem Label der Honda-Luxusmarke Acura und kostet gerade einmal 45.495 Dollar - rund 7000 Dollar weniger als das Original aus Bayern.
Auf den europäischen Markt dürften es beide Honda-Modelle allenfalls über freie Importeure schaffen. Denn anders als Toyota mit dem Ableger Lexus und Nissan mit der Schwestermarke Infiniti hat Honda keinerlei Ambitionen, die Marke Acura über den Atlantik zu bringen, was dem ZDX den Zutritt hierzulande verwehrt. Und auch beim Honda Accord Crosstour ist der offizielle Weg versperrt. Die Accord-Baureihe gibt es hier zwar, doch steht das US-Modell auf einer eigenständigen Plattform und hat mit der europäischen Limousine nur den Namen gemein. Wer in Deutschland ein Auto dieser Größe möchte, muss zum Honda Accord Kombi greifen.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Auto | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Tests | RSS |
| alles zum Thema Fahrberichte | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH