Autogramm Honda Civic Type R R wie Rakete

Der neue Honda Civic ... interessiert Sie nicht? Keine Angst, hier geht es nicht um die zivile Variante, sondern um die rennstreckenoptimierte Version Type R. Die sieht nicht nur wild aus, sondern fährt auch so.

Honda

Der erste Eindruck: Verleiht Flügel!

Das sagt der Hersteller: Honda strahlt mittlerweile die Aura einer ziemlich vernünftigen, fast schon verschlafenen Marke aus. Doch in Männern wie Hideki Kakinuma brennt noch das Feuer, mit dem Honda 1965 der erste Formel-1-Sieg eines japanischen Herstellers gelang und das später zu Sportwagen wie dem legendären NS-X führte.

Kakinuma ist Projektleiter des neuen Civic Type-R, und während seine Ingenieurskollegen, die am Standard-Civic arbeiteten, stolz sind auf einige eingesparte Gramm CO2, misst er den Erfolg seiner Arbeit in Sekundenbruchteilen. Wie eine Ehrenurkunde trägt Kakinuma deshalb die 7:43.8 Minuten vor sich her, in denen der Type-R-Prototyp die Nürburgring-Nordschleife umrundete. Sieben Sekunden schneller als das Vorgängermodell - und schneller als alle anderen Konkurrenten.

"Kein anderes Serienauto mit Frontantrieb hat bislang eine bessere Zeit herausgefahren als der Type-R", sagt Kakinuma. "Wir wollten einmal mehr die Grenzen des Machbaren verschieben." Kakinuma kann das alles natürlich mit wissenschaftlicher Akribie beschreiben. So, wie es sonst nur die Ingenieure bei Ferrari tun, doziert er über jede Schraube und jede Sicke, und erklärt, wie diese Details den Type-R schneller machen.

Schade nur, dass alle anderen Civic-Modelle so gar nichts davon abbekamen. Denn ein bisschen mehr Esprit hätte auch dem Basismodell nicht geschadet.

Honda

Der erste Eindruck: Mit metallischem Klacken flutscht der kurze Schaltstummel durch die enge Gasse nach links vorne, mit einem schweren Schmatzen klatscht das rechte Pedal aufs Bodenblech, dann schießt der Civic Type-R davon. Einerseits ist das kein Wunder, wenn 320 PS Leistung und 400 Nm Drehmoment auf 1380 Kilogramm Leergewicht treffen. Anderseits ist das aus zwei Gründen eben doch bemerkenswert. Weil der Motor seine Kraft einem Turbolader verdankt, dem man gemeinhin ein verzögertes Ansprechverhalten nachsagt; und weil der Civic ein Fronttriebler ist - und die können soviel Kraft in der Regel nicht ordentlich auf die Straße bringen.

Die mittlerweile fünfte Generation des Type-R aber ist der fahrende Beweis, dass man nicht zwangsläufig - wie Ford beim Focus RS oder VW beim Golf R - auf Allradantrieb umsatteln muss. Ohne Scharren und Quietschen marschiert der Type R los. Und wo andere Kompaktwagen mit weit weniger Leistung an der Lenkung zerren wie ein schlecht erzogener Hund an der Leine, lässt sich der Type-R auch unter Zug mühelos auf Kurs halten. Das Auto beschleunigt nicht nur in 5,7 Sekunden von 0 auf 100 und schafft bei Vollgas 272 km/h, sondern nimmt anderen Fronttrieblern auf der Nordschleife eben auch wertvolle Sekunden ab.

Im Gegensatz zur Konkurrenz bietet Honda weder Automatik noch Doppelkupplung an. Und das ist auch gut so. Schließlich gibt es diesseits von Porsche und BMW kaum ein anderes Schaltgetriebe, bei dem die eng gestuften Gänge so gut durch die Gassen flutschen wie bei diesem Wagen. Erst recht, wenn elektronisches Zwischengas die Drehzahl beim Runterschalten wie von Geisterhand anpasst.

Dass der Civic diese Kraft besser auf die Straße bringt als seine Konkurrenten und man weder Allrad- noch Heckantrieb vermisst, hat mehrere Gründe. Da sind zum einen die gegenüber dem Vorgängermodell deutlich verbreiterte Spur, die größeren Räder mit den besseren Reifen und die neue Rohkarosserie, die zugunsten von Gewicht und Steifigkeit jetzt geklebt statt geschweißt ist. Und da ist zum anderen die ausgefuchste Aerodynamik. Der Type-R trägt den wilden Kampfanzug nicht nur zu Schauzwecken, sondern wurde im Windkanal für die Rennstrecke optimiert.

Deshalb gibt es an der Frontschürze kleine Finnen, die einen Vorhang aus Luft vor die Radkästen legen und so den Luftstrom ohne Verwirbelungen an der Karosserie vorbei leiten. Und die vier kleinen Hubbel auf dem Dach - sogenannte Vortex-Generatoren - beruhigen den Fahrtwind so, dass er besonders eng und gleichmäßig am Heckspoiler vorbeiströmt. Ergebnis: "Als einziger Kompaktwagen erzeugt der Type-R bei hohen Geschwindigkeiten tatsächlich Abtrieb", sagt Projektleiter Kakinuma. Rund 30 Kilo lasten bei Tempo 200 zusätzlich auf dem Auto und sorgen dafür, dass die Reifen besser greifen und der Wagen besser in der Spur bleibt.

Substanz statt Show - wie ernst es Honda beim Type-R damit ist, merkt man nicht zuletzt im Innenraum. Denn im Gegensatz zur Karosserie ist das Cockpit ziemlich brav geraten. Ein paar rote Zierkonsolen und die vom Rennsport inspirierte Schaltampel aus flackernden Lichtpunkten im Drehzahlmesser, dazu noch rote Sicherheitsgurte und etwas tiefer ausgeschnittene Sitze - das muss reichen.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des Honda Civic Type R - mit unserem 360-Grad-Foto:

Auch auf die bei vielen anderen japanischen Sportwagen üblichen Playstation-Displays wurde verzichtet. Der Type-R ist ein Sportwagen, kein Spielzeug. Er braucht deshalb nicht Dutzende von Verstellmöglichkeiten. Stattdessen gibt es einen einzigen Taster auf der Mittelkonsole, mit dem sich drei Fahrprogramme einstellen lassen. "Sport" ist Standard und in etwa so abgestimmt wie bei einem herkömmlichen VW Golf GTI. Im "Comfort"-Setup wird der Type-R spürbar weicher, lockert die Muskeln, lässt der Lenkung etwas Spiel und taugt fast als Alltagsauto. Im "+R-Mode" dagegen endet die Kompromissbereitschaft, das Auto wird bretthart, die Lenkung fordert einen kräftigen Arm, und der Motor schreit - hier endet die Zurückhaltung.

Das muss man wissen: Im Zentrum des wilden Treibens steht ein zwei Liter großer Vierzylinderbenziner. Um den Motor für Drehzahlen bis jenseits von 7000 Touren zu ertüchtigen, wurden zahlreiche Register gezogen. Für das schnelle Ansprechverhalten des Turboladers sorgt etwa ein variabler Ventiltrieb an der Auslassseite. Um die Klopffestigkeit zu erhöhen, wurde der Wärmehaushalt optimiert. Die Ventile beispielsweise sind mit Natrium gefüllt, um die Temperatur zu senken; die Kolben haben einen mit Öl durchströmten Kühlkanal und der zweiteilige Wassermantel im Zylinderkopf reduziert die Abgastemperatur.

Raffinierte Technik, ein faszinierendes Fahrverhalten und dann auch noch die Rekordrunde auf dem Ring - fürs verstaubte Honda-Image ist der Type-R Gold wert. Fürs Geschäft dagegen spielt das Auto kaum eine Rolle, selbst wenn es mit einem Grundpreis von 36.050 Euro fast doppelt so teuer ist wie ein normaler Civic. Mehr als 700 Autos im Jahr wird es für den deutschen Markt kaum geben. Auch deshalb nicht, weil der neue Type-R erstmals auch in den USA angeboten wird.

Das werden wir nicht vergessen: Den zurückhaltenden Klang. Es muss ja nicht gleich das alberne Geballer künstlich erzeugter Fehlzündungen sein, und auch kein Brabbeln im Schubbetrieb. Aber wenn die Entwickler schon die Abgasanlage wie Orgelpfeifen konstruieren und gegen das Brummen bei hohen Drehzahlen ein zusätzliches, drittes Endrohr installieren, das einen Unterdruck erzeugt und so das Frequenzband anhebt, dann hätten sie ruhig auch für etwas mehr Klang sorgen können. Andererseits: Der Type-R bietet so viel Substanz, der muss gar keine großen Töne spucken.

Fahrzeugschein
Hersteller: Honda
Typ: Civic Type-R (2017)
Karosserie: Kompaktwagen
Motor: Vierzylinder-Turbobenziner
Getriebe: Sechsgang-Schaltgetriebe
Antrieb: Front
Hubraum: 1.998 ccm
Leistung: 320 PS (235 kW)
Drehmoment: 400 Nm
Von 0 auf 100: 5,7 s
Höchstgeschw.: 272 km/h
Verbrauch (ECE): 7,7 Liter
CO2-Ausstoß: 176 g/km
Kofferraum: 414 Liter
umgebaut: 1.209 Liter
Gewicht: 1.380 kg
Maße: 4557 / 1877 / 1434
Preis: 36.050 EUR
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insgesamt 96 Beiträge
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Seite 1
akkzent 14.06.2017
1. Gepflegte Hässlichkeit
Neben der innovativen Technik solle Honda etwas weniger in diese gepflegte Hässlichkeit investieren. Der Preis dieses Spassmobils ist wirklich interessant. Auch wenn sich Honda vom üblichen Einheitsbrei deutlich abhebt, wer will sich denn diesen Augenkrebs kaufen?
krustentier120 14.06.2017
2. Golf Jäger
Der Civic hat schon immer die Golf-Fahrer ins Schwitzen gebracht. Mit seinen ultra kurzen Pedalwegen und insgesamt sehr straffen Abstimmung war das Ding in den 90ern schon sehr spaßig, und all die Bonzenkinder konnten nicht mithalten.
Meisterqn 14.06.2017
3. Respekt
Dass Honda nicht abseits des Einerleis produziert und dabei mutig bis kompromisslos bleibt. Als alter Honda-Fan freue ich mich, dass es solche Modelle noch gibt. Bitte wieder mehr davon.
cosmose 14.06.2017
4.
Gefällt mir gut! Nur die Pommestheke am Heck hätte ein wenig dezenter ausfallen können, das ist mir dann doch zu viel Fast and Furious :)
DerBlicker 14.06.2017
5. der Honda verliert schon beim Start
Zitat von krustentier120Der Civic hat schon immer die Golf-Fahrer ins Schwitzen gebracht. Mit seinen ultra kurzen Pedalwegen und insgesamt sehr straffen Abstimmung war das Ding in den 90ern schon sehr spaßig, und all die Bonzenkinder konnten nicht mithalten.
Der fehlende Allradantrieb und die fehlende Automatik machen sich bei den Fahrleistungen beim Honda eben doch stark negativ bemerkbar. Ein Golf R DSG mit 10 PS weniger und über 100 kg mehr Gewicht schafft den Sprint von 0 auf 100 in 4,6s, das sind Welten zu den 5,7 s des Civic, und das ist dank Automatik von jedermann im Golf R erreichbar. Die viel langsameren 5,7 s im Civic erreicht nur ein Profi, der perfekt schaltet und das Gas optimal dosiert, was kein normaler Fahrer kann. Das bedeutet in der Realität, bis der Civic so richtig in Fahrt kommt, da ist der Golf R Fahrer schon über alle Berge.
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