Honda Civic: Ufo in der Warteschleife

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Der Honda Civic sieht aus, als käme er direkt aus der Zukunft. Doch unter dem futuristischen Design des neuen Kompaktwagens werkeln alte Motoren. Moderne Aggregate folgen erst in einem Jahr, und deshalb verspricht die Verpackung des Autos momentan mehr, als die Technik hält.

Honda Civic: Fertig zur neunten Runde Fotos

Vielflieger kennen die Situation: Die Abfertigung ging flott, der Höhenwind wehte günstig und eigentlich könnte man pünktlich landen. Doch weil am Zielflughafen der Wurm drin ist, werden wieder mal Warteschleifen gedreht. In etwa so läuft es im Augenblick mit dem neuen Honda Civic. Der Kompaktwagen geht im Januar in die neunte Generation und gilt intern als Hoffnungsträger, der den einstigen Vorzeigekonzern aus der Lethargie reißen soll. Doch die Revolution, von der Honda-Chef Takanobu Ito spricht, wird erst einmal verschoben. Denn so neu, wie Honda gerne tut, ist selbst das futuristische Design gar nicht. Schließlich sah schon der Vorgänger zwischen optischen Langweilern wie dem VW Golf oder dem Toyota Auris aus wie ein Ufo. Und das neue Modell wirkt eben noch etwas schriller. Jedoch stecken unter der Motorhaube noch die alten Maschinen, denn neue Aggregate sind erst in einem Jahr einsatzbereit.

Das macht das Gerede von der Revolution zwar unglaubwürdig, ist ansonsten aber kein Schaden. Denn alt heißt beim Civic eben auch bewährt. Das gilt nicht nur für die Technik, sondern auch für das Platzangebot. Das Format des 4,30 Meter langen Autos bietet noch immer deutlich mehr Platz und Variabilität als die Konkurrenzmodelle. Weil beispielsweise der Tank nicht unter der Rückbank, sondern unter den Vordersitzen platziert ist, verfügt der neue Civic mit 477 Liter Ladevolumen über gut hundert Liter mehr Stauraum als Golf & Co. Und er hat die flexibelste Rückbank. Während sich das Fondgestühl bei anderen Kompaktwagen lediglich umklappen und manchmal verschieben lässt, können beim Civic die Sitzkissen einzeln aufgestellt werden - und dann passt zum Beispiel problemlos ein Fahrrad rein.

Honda reagierte auch auf Kritik: Das Cockpit wurde neu sortiert und bietet trotz eher hausbackener Grafiken einen besseren Überblick, das Lenkrad ist nicht mehr so stark mit Schaltern und Knöpfen überfrachtet, die Materialauswahl wurde sorgfältiger und vor allem können Civic-Fahrer wieder mehr Rücksicht üben. War der Blick nach hinten bislang von einem Knick in der Heckscheibe samt schwarzen Balken eingeschränkt, haben die Ingenieure das Sichtfeld jetzt vergrößert und dem Auto sogar wieder einen Heckscheibenwischer spendiert.

In Fahrt bringen den Civic vorläufig nur Motoren, die man schon vom Vorgängermodell kennt. Los geht es für 16.950 Euro mit einem 1,4-Liter-Benziner mit 100 PS. Bestseller soll der 23.000 Euro teure CivicSport mit einem nun 142 PS starkem 1,8-Liter-Benziner werden. Und für weitere 2800 Euro Aufschlag gibt es den 2,2 Liter großen Dieselmotor, der jetzt 150 statt 140 PS leistet.

Viele kleine Verbesserungen sollen für mehr Spriteffizienz sorgen

Durch die Überarbeitung der Aggregate, hat Honda zumindest die Effizienz der Maschinen verbessert. Die reduzierte Reibung, der optimierte Ölfluss, die aktiven Kühlerklappen beim Selbstzünder sowie eine im Windkanal glattgeschliffene Karosserie und die serienmäßig installierte Start-Stopp-Automatik für alle Modelle mit Schaltgetriebe drücken den Verbrauch um bis zu knapp 20 Prozent. Die Durchschnittswerte für die Benziner lauten 5,4 und 5,8 Liter, und für den Diesel werden 4,2 Liter ausgewiesen.

Wer wirklich sparen will, kann bei Honda jetzt zum ersten Mal bei einem Modell ohne Hybrid-Antrieb einen sogenannten Eco-Modus aktivieren. Dann leuchtet im Cockpit ein großes grünes Blümchen auf, und dann bläst nicht nur die Klimaanlage etwas sanfter und Leuchtbalken im Tacho warnen vor dem Bleifuß, sondern die Elektronik kappt auch die Leistungsspitzen des Motors. Das spart zwar tatsächlich ein paar Prozent beim Verbrauch, bremst aber den ohnehin schon limitierten Fahrspaß weiter aus - zumindest bei den Benzinern.

Denn selbst der 1,8-Liter-Motor mit immerhin 142 PS und 174 Nm Drehmoment wirkt seltsam müde und wacht nur auf, wenn man ihn mit ordentlich Drehzahlen bei Laune hält. Dann wird er aber nicht nur durstig, sondern auch unangenehm laut. Etwas weniger Hubraum und stattdessen vielleicht ein Turbolader sowie eine Direkteinspritzung, wie es bei vielen anderen Autos dieser Klasse allmählich Standard ist, würde da sicher helfen. Ach ja: Und die Option auf ein Doppelkupplungsgetriebe anstelle der antiquierten Fünfgang-Automatik wäre auch nicht schlecht.

Properer Dieselmotor, bescheidene Verkaufsziele

Bis es soweit kommt, bleibt der Dieselmotor die beste Wahl. Mit 350 Nm Drehmoment hat er genug Kraft, um sogar mal die Reifen quietschen zu lassen, den Civic in 8,3 Sekunden auf Tempo 100 zu bringen und mit 217 km/h Höchstgeschwindigkeit bei Bedarf auch überaus flott zu sein. Erst mit dem Elan des Selbstzünders spürt man auch den Feinschliff am Fahrwerk, das mit einer weitgehend neuen Hinterachse daherkommt. Das Auto wirkt jetzt vor allem auf kurvigen, schlecht asphaltierten Landstraßen deutlich souveräner und auf der Autobahn bei höherem Tempo nicht mehr so nervös wie früher.

Dennoch wissen die Verantwortlichen, dass ein neues Auto mit alten Motoren keine großen Absatzsprünge machen kann. Das sieht man schon an der Vertriebsplanung: Wurden zuletzt in Deutschland knapp 8000 Civic Exemplare pro Jahr verkauft, soll der neue Typ auf eine Stückzahl von 8500 kommen. Abheben werden in der Theorie von Honda die Verkaufszahlen erst ab 2013, wenn die neuen Motoren verfügbar sind: Dann hoffen die Japaner auf 13.500 Civic-Verkäufe pro Jahr.

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insgesamt 17 Beiträge
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1. Weltauto
ulibandung 10.11.2011
Honda produziert fuer den Weltmarkt. In den wichtigen Maerkten wie Sued-Ost Asien un den USA wird mehr Prioritaet auf die Optik als die Technik gesetzt.
2. Ufo?
Delden 10.11.2011
Also ich sehe jetzt keinen gravierenden Unterschied zum Vorgänger. Etwas flacher, angelehnt an den CRZ, aber sonst ist sogar innen jetzt nicht der Zukunftssprung zu sehen wie vom 7er (den ich fahre) zum 8er (den meine Eltern fahren).
3. Schrilles Design
mauimeyer 10.11.2011
Zitat von sysopDer Honda Civic sieht aus, als käme er direkt aus der Zukunft. Doch unter dem futuristischen Design des neuen Kompaktwagens werkeln alte Motoren. Moderne Aggregate folgen erst in einem Jahr, und deshalb*verspricht die Verpackung des Autos momentan mehr, als die Technik hält. http://www.spiegel.de/auto/fahrberichte/0,1518,796235,00.html
Honda stand mal für sehr gute Motoren und ausgereifte Technik! Ich will die Reife der Motoren nicht anzweifeln. Aber das Design des Civic ist schrecklich bis prollig! Grüne Blümchen als Eco-Indikator erinnern mich an die Abziehbildchen, die Kinder vor 50 Jahren an ihre Schränke gepappt haben. So kommt man nicht aus dem Keller des 1% Marktanteils. Genau das macht Hyundai besser: Die lassen ihre Autos in Rüsselsheim optimieren. Toyota und Co. fallen zurück. Peugeot und Renault gleichfalls. Hyundai und Skoda werden in Deutschland DIE Importmarken werden. Die starken Händler orientieren sich schon neu! Damit ist die Abwärtsspirale für die Japaner eröffnet! Kauri
4. .
werner-xyz 10.11.2011
Ich fand Honda Ende der 80er auch mal ganz toll, aber irgendwie sind die Teile dann immer teurer geworden und das Design immer mehr Richtung Fast and Furious. (Wobei dies mir in den 80er vielleicht sogar Gefallen hätte.) Honda ist preislich inzwischen auf sehr hohem Niveau ohne dass ich dafür einen richtigen Mehrwert erkennen kann. Und das ist meiner Meinung nach auch das große Problem, da haben die Koreaner derzeit die Nase vorn. Mal sehen wie lange, bevor die auch anfangen Autos zu Premiumpreisen verkaufen zu wollen, ohne einen Gegenwert dafür zu liefern. Ich weiß machen die deutschen Hersteller auch schon so seit Jahren erfolgreich, aber da habe ich wenigstens eine entsprechende Wertstabilität und noch den "Heimatbonus". Denn in den 80ern hatten die Japaner genau den gleichen Lauf wie die Koreaner heute. Und was ist draus geworden? Wenn ich mir Honda, Nisaan, Mitsubishi und zum Teil auch Toyota und Mazda so anschaue, ist da zeimlich (zumindest am Geschmack der meisten Europäer) vorbei gebaut worden. Und bei den Preisen hat man schon längst die Schnäppchenecke verlassen.
5. Nischenmarkt
einszweidrei, 10.11.2011
Westeuropa ist wegen des schwachen Euro aus Honda-Sicht derzeit nur ein Nischenmarkt. Deswegen legt man die Autos mehr auf die wichtigen Märkte USA und Asien aus. Hierzulande kaufen die Leute in dieser Fahrzeugklasse eher billig-billig-billig (dazu reicht der Basis-100 PS-Motor), oder einen Dienstwagen (Golf, Polo) oder eben einen starken Turbodiesel (den gibt es). Wer etwas auffälligeres Design nicht mag, kauft ohnehin gleich einen Skoda oder VW oder Opel.
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Fotostrecke
Honda Civic: Frischer Benziner

Fahrzeugschein
Hersteller: Honda
Typ: Civic 2.2 DVTEC
Karosserie: Kompaktwagen
Motor: Vierzylinder-Diesel
Getriebe: Sechsgang-Schaltung
Antrieb: Front
Hubraum: 2.199 ccm
Leistung: 150 PS (110 kW)
Drehmoment: 350 Nm
Von 0 auf 100: 8,3 s
Höchstgeschw.: 217 km/h
Verbrauch (ECE): 4,2 Liter
CO2-Ausstoß: 110 g/km
Kofferraum: 477 Liter
umgebaut: 1.378 Liter
Preis: 25.800 EUR


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