Honda Legend: Der leise Riese

Von Tom Grünweg

Drei Jahre war Honda in Europa ohne Flaggschiff. Aber nun geht es oberhalb der Baureihe Accord wieder weiter: Im Oktober kommt die nächste Auflage des Legend. Der Luxusliner hat mehr Assistenten und mehr Ausstattung als seine Konkurrenten, kostet aber deutlich weniger.

"Die Zeiten für Herausforderer im Automobilgeschäft waren noch nie so gut wie heute", sagt Alexander Heintzel, Hondas Pressesprecher. Zwar weiß auch er, dass weltweit nur wenige etablierte Marken die Segmente jenseits der Mittelklasse dominieren und dass sein Arbeitgeber nicht dazu gehört. Doch haben die Marktforscher bei Honda beobachtet, dass einst markentreue Kunden aus vielerlei Gründen auf Distanz zu ihren Traditionsmarken gehen und ihr Blick sich etwas weitet. Dabei könnten die Augen, so die Hoffnung der Japaner, künftig auch am neuen Honda Legend hängen bleiben, der ab Oktober gegen Mercedes E-Klasse, BMW 5er & Co. ins Feld zieht.

Ein Blickfang ist das 4,96 Meter lange Flaggschiff der Japaner allerdings nicht. Das Design ist mit einem gewaltigen Kühlergrill und riesigen Scheinwerfern von vorne zwar unverwechselbar, in der Seitenansicht erinnert es aber ziemlich an den VW Phaeton und hinten an den BMW 7er. Auch der geräumige, im Cockpit etwas überladen wirkende Innenraum ist keine Sensation. Interesse weckt der Legend vor allem mit seinen vielen Assistenzsystemen, die man eher bei einem deutschen Premiumanbieter als bei einem japanischen Massenhersteller erwartet hätte. Genau diese Überraschung ist es, die dem Legend gelingen soll. "Der Wagen ist für uns vor allem ein Technologieträger, der die Innovationskraft von Honda unterstreichen und uns als Premium-Alternative positionieren soll", sagt Heintzel, der für Deutschland mit bescheidenen 800 Zulassungen pro Jahr kalkuliert. Gemessen am Vorgänger mit zum Teil nur 100 Verkäufen im Jahr ist das natürlich nicht schlecht. Doch schaffen Audi, BMW und Mercedes solche Volumen in weniger als einer Woche.

Als Highlight des neuen Legend feiern die Japaner den neuartigen "Super Handling"-Allradantrieb, der nicht nur die Sicherheit, sondern auch die Fahrdynamik erhöht. Denn zum ersten Mal verteilt er die Kraft nicht nur zwischen vorn und hinten, sondern kann auf der Hinterachse auch zwischen links und rechts unterscheiden. Damit wirkt der Allradantrieb wie ein ESP mit umgekehrten Vorzeichen. Während der Schleuderstopper in kritischen Situationen das kurveninnere Hinterrad abbremst, wird beim Legend das äußere Rad beschleunigt. Die Konsequenz: In beiden Fällen wird der Wagen stabilisiert; nur gibt der Honda Gas statt zu bremsen. Dem Fahrspaß ist das ausgesprochen dienlich. Natürlich wird aus dem Zweitonner kein leichter Sportwagen. Doch machen plötzlich auch in einer Limousine Serpentinen oder Haarnadelkurven richtig Spaß.

Allerdings dürfte der Motor dafür noch etwas mehr Dampf haben. Nicht dass der neue V6 mit 3,5 Litern Hubraum, 295 PS und 351 Nm tatsächlich zu schwach wäre. Schließlich schafft er den Spurt auf Tempo 100 in 7,3 Sekunden und erreicht mühelos 250 km/h. Doch fehlt ihm einfach der Biss. Vor allem wenn man die seidenweiche Fünfstufen-Automatik nicht mit den Schaltwippen am Lenkrad überstimmt, ist der Legend ein großer, souveräner Gleiter, dem Aufregung fremd bleibt. Gestützt wird dieser Eindruck von einer weiteren Innovation: der "Active Noise Cancelation". Weil Mikrofone im Dachhimmel alle Störgeräusche analysieren und mit Gegenschall aus den Lautsprechern kompensieren, rollt der Wagen wie ein leiser Riese durch die Landschaft. Erst wenn man den V6 mit einem Gasstoß aus der Reserve lockt, ist wirklich was vom Motor zu hören.

Pralles Sicherheitspaket für den Legend

Ein weiterer Entwicklungsschwerpunkt waren die Sicherheitssysteme: Deshalb gibt es neben der aktiven Motorhaube zum Schutz von Fußgängern und einem halben Dutzend Airbags nun auch bei Honda zum Tempomat mit automatischer Abstandregelung eine Technologie, die mit dem Pre-Safe-Paket von Mercedes vergleichbar ist: Rückt ein unkonzentrierter Fahrer seinem Vordermann zu dicht auf die Pelle, wird er von der Elektronik mit Leuchtsymbolen, Signaltönen, einem leichten Ruck im Gurt und einem verhaltenen Bremsmanöver auf die Gefahrensituation aufmerksam gemacht.

Ignoriert er diese Warnung, handelt das System bei einem weiter verkürzten Sicherheitsabstand automatisch, strafft die Gurte und geht mit immerhin 60 Prozent der maximalen Bremsleistung in die Eisen. Ein Unfall kann damit zwar nicht immer verhindert werden, doch mindert diese autonome Bremsung zumindest die Schwere und damit das Verletzungsrisiko. Nur für die Rechtslenker in Japan und England gibt es darüber hinaus auch einen Spurführungsassistenten, der den Fahrer mit aktivem Lenkeingriff auf der Ideallinie hält.

Nur bei einem Kriterium eifern die Japaner nicht ihren deutschen Vorbildern nach: bei der Ausstattungspolitik. Nicht dass dem 54.600 Euro teuren Legend etwas fehlen würde. Doch ist die Liste der serienmäßigen Extras von den Lederpolstern, der Zwei-Zonen-Klimaautomatik und dem Schiebedach über die Bi-Xenon-Scheinwerfer mit Kurvenlicht bis hin zur Rückfahrkamera oder der DVD-Navigation so lang, dass für Sonderausstattung in der Preisliste gar kein Platz mehr ist. Nur zwischen den Farben muss man sich noch entscheiden.

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Fahrzeugschein
Hersteller: Honda
Typ: Legend
Karosserie: Limousine
Motor: V6-Benziner
Hubraum: 3.471 ccm
Leistung: 295 PS (217 kW)
Drehmoment: 351 Nm
Von 0 auf 100: 7,3 s
Höchstgeschw.: 250 km/h
Verbrauch (ECE): 11,9 Liter
CO2-Ausstoß: 282 g/km
Kraftstoff: Superbenzin
Kofferraum: 452 Liter
Preis: 54.600 EUR
Fotostrecke
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