Von einer Mopete wie der NC700S träumt erst mal keiner: kein scharfes Superbike, keine heiße Feile, kein fetter Chopper. Sondern ein kreuzbraver, 670 Kubik großer Parallel-Twin mit rollatorgerechten 48 PS und einem tüddeligen Drehmoment von 60 Nm. Bei der Entwicklung haben die Techniker von Honda sogar - man mag es als eingefleischter Motorrad-Fan gar nicht schreiben - bei ihren Kollegen von der Vierradentwicklung Anleihen genommen: Der Motor ist mehr oder weniger ein halbiertes Vierzylinder Aggregat aus dem Honda Jazz.
Trotzdem hat Honda mit der NC700 so etwas wie ein Motorrad-Sommermärchen geschaffen. Obwohl spät in der letzten Saison geliefert, hat Honda mit den auf den ersten Blick unspektakulären Zweizylindern NC700S und NC700X die Plätze acht und neun der deutschen Verkaufshitparade erobert. Und bis Ende 2012 zusammen mehr als 3000 Exemplare verkauft. Was aber ist dran an den Motorrädern, an denen fast nichts dran ist?
Wenn ein Fahrzeug zur Zeit die Prädikate "passgenau" und "marktgerecht" verdient, dann die NC700: 48 PS sind exakt die Pferdestärken, die Kradnovizen nach der seit 10. Januar dieses Jahres geltenden Regelung mit dem neuen Motorradschein A2 fahren dürfen. Honda hat deshalb mit der NC700S nicht nur den klassischen Erstkauf im Angebot, sondern auch das ideale Fahrschulfahrzeug. Und nicht zuletzt über die Schulung werden Verkäufe generiert. Zudem ist die Maschine unschlagbar günstig.
Pfiffiger Einsteiger
Honda bietet bei der 700er so ziemlich alles, was ein Motorrad heute mitbringen muss: Bei zwei Wochen Test im Hamburger Stadtverkehr und bei Wochenendausfahrten ließ die NC700S nie Zweifel aufkommen, dass hier ein vollwertiges Bike auf der Straße steht, das simpel funktionieren und mit Alltagstauglichkeit glänzen soll.
Die Verarbeitung ist makellos; nichts wirkt billig. Details wie der Kofferraum in der Tankattrappe - der Sprit wandert in ein Behältnis unter dem Soziasitz - sind richtig pfiffig und vor allem praktisch, wenn man schnell einkaufen oder seinen Vollvisierhelm verstauen will. Klar kann man kritteln: Die Dämpfelemente sind schwer bis kaum justierbar; die Digital-Instrumente wie bei allen Fahrzeugen und Herstellern schwer ablesbar.
Doch an der reinen Fahrzeugtechnik gibt es wie bei Honda üblich nichts zu bemängeln: Vorne muss sich die NC700-Baureihe zwar mit einer Bremsscheibe begnügen, aber in der Praxis macht das intelligente Combined ABS diese Beschränkung wieder wett.
Auch der Motor wird - gemessen an seinen Werten auf dem Papier - im Normalbetrieb seinen Aufgaben mehr als gerecht: Zwar geht über 5.500 Umdrehungen gar nichts mehr; die NC700S fährt ab dieser Drehzahl gegen eine Gummiwand wie ein Turbodiesel und regelt bei 6.500 Umdrehungen ab. Doch schon bei niedriger Drehzahl knapp über 1.700 Umdrehungen blubbert er überraschend sonor los und schiebt die NC700S kräftig an. Wer sich daran gewöhnt hat und früh schaltet, kann mit dem kleinen Naked Bike viel Spaß haben.
Flitztüte mit DCT-Hightech
Unterwegs auf den Landstraßen wünscht man sich - gerade mit einem Passagier und Gepäck an Bord - etwas mehr Leistung, dafür sind Platz und Packraum zuhauf vorhanden. In den Kurven ist die NC700S sogar unerwartet agil und wendig: Der Motor ist um 62° Grad nach vorne geneigt verbaut und sorgt zusammen mit der niedrigen Sitzposition für einen spürbar tiefen Schwerpunkt. Das fördert das präzise Handling und ein absolut neutrales Fahrverhalten ideal für Einsteiger: Wenn die 215 Kilogramm erst einmal rollen, fährt sich die NC700S fast wie von alleine. Wer nur noch Gas geben will, kann das Fahrzeug mit Hondas Doppelkupplungsgetriebe (DCT) ordern.
DCT ist kein stufenloses Automatikgetriebe, wie es in Rollern verbaut wird. Das Bauteil, das Honda aktuell exklusiv für Motorräder anbietet, besteht aus zwei ineinander greifenden Teilgetrieben, die einen vollautomatischen Gangwechsel ohne Zugkraftunterbrechung möglich machen. Sowohl im D(rive)- als auch im S(port)-Modus schaltet die Elektronik sauber und präzise.
Hondas Sommerhit 2012 ist zudem ein sparsamer Zeitgenosse: Bei einem Normalverbrauch unter vier Litern bringt einen der 14,1-Liter-Tank vergleichsweise weit. Und pflegeintensiv ist die Maschine auch nicht, die Inspektions-Intervalle liegen bei 12.000 Kilometern.
Wer sich clever anstellt, kann sich mit der NC700S ein Motorrad mit ziemlich perfekten Alltagseigenschaften auch 2013 noch billiger als billig holen: Honda gewährt Neukäufern einen Zuschuss zum ersten Führerschein in Form von zehn Prozent Rabatt. Macht für die NC700S schon mal 573 Euro Nachlass - Führerschein-Einsteiger können das Fahrzeug also für 5.150 Euro schießen. Was will man mehr?
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