Autogramm Honda NSX Die Macht erwacht

Mit dem ersten NSX schuf Honda einen fast mythisch verehrten Sportwagen. Nach zehn dürren Jahren gibt es jetzt einen Nachfolger. Das Warten hat sich gelohnt.

HONDA

Der erste Eindruck: Mehr Raumgleiter als ein Rennwagen.

Das sagt der Hersteller: "Es hat lange gedauert, aber jetzt sind wir wieder da", sagt Projektleiter Ted Klaus. Um genau zu sein: Zehn Jahre sind seit dem Produktionsende des letzten NSX vergangen, und es ist der zweite Anlauf zum Comeback. Denn ein fast fertig entwickelter Nachfolger (mit V10-Motor) fiel zwischendurch der Wirtschaftskrise zum Opfer.

Jetzt hofft Klaus, dass der Sportwagen nicht nur ein Strohfeuer bleibt. Denn der Wagen soll vor allem den verkümmerten Sportsgeist der Marke Honda wieder entfesseln. "Es wird Zeit aufzuwachen", sagt Klaus, "und wieder Autos zu bauen, die mehr Spaß machen."

Das ist uns aufgefallen: Schon nach der ersten Kurvenkombination weiß man, dass der NSX seine Initialen noch immer zu Recht trägt. Denn das Kürzel steht für New Sportscar Experience - und dieser japanische Sportwagen bietet in der Tat eine neue Erfahrung: Es gibt - vor allem in dieser Preisklasse - keinen anderen Flitzer, der so intuitiv und narrensicher über den Kurs fährt. Man kann später anbremsen als bei anderen Autos, schärfer einlenken und nach dem Scheitelpunkt wieder früher aufs Gas steigen. Der NSX spielt mit der Fliehkraft, als wäre sie nur ein Begriff aus dem Physikunterricht. Das Heck reagiert zu keiner Zeit nervös, es gibt kein Untersteuern, wie auf einem elektronischen Leitstrahl folgt der Honda unbeirrt der Ideallinie, steht früh wieder gerade und startet schnell durch.

Das Besondere: Andere Sportwagen erreichen so ein Verhalten durch elektronische Assistenten, die das Auto bei verschärftem Einsatz bis auf Kleinwagenniveau herunterregeln. Die Kraft des NSX wird in solchen Momenten dagegen verstärkt. Dazu ist der doppelt aufgeladene V6 im Heck zum einen mit einem Elektromotor gekoppelt, der beim spontanen Gasgeben jedes Turboloch stopft. Zum anderen werden beide Vorderräder zusätzlich jeweils mit einer E-Maschine angetrieben.

Diese beiden Stromaggregate mit ihren eher läppischen 26 kw Leistung machen den Unterschied zu Konkurrenten wie Audi A8 oder Ferrari Italia: Sie werden von der Elektronik individuell angesteuert und helfen durch eine völlig freie Drehmomentverteilung beim Lenken. Beispielsweise wird das innere Rad nicht eingebremst, sondern das äußere beschleunigt. Dieses Ingenieurskunstwerk katapultiert den NSX in eine andere Liga, wo sich Autos wie der Porsche 918 Spyder tummeln.

Das Zusammenspiel der Motoren mag eine Wissenschaft für sich sein und ein Grund dafür, weshalb Honda den Start des Tieffliegers immer wieder verschieben musste. Aber am Steuer fühlt sich dieses Konzept jetzt wunderbar harmonisch an. Weder künstlich noch kompliziert, sondern natürlich und intuitiv.

Im Video: Der Honda NSX in der Außenansicht

Hinzu kommt, dass der NSX einen extrem tiefen Schwerunkt sowie eine bocksteife Struktur aus Aluminium, Magnesium, Stahl und Karbon hat. Die Sessel sind bequem und bieten Halt. Obwohl die Fenster nur Schießschartengröße haben, ist die Übersicht gut, weil zum Beispiel die Karosseriesäulen so dünn sind, dass man fast durch sie hindurchschaut. Mehr als das oben abgeflachte Lenkrad und den griffgünstig platzierten Drehschalter für die vier Fahrmodi muss man während der Fahrt eigentlich nicht bedienen.

Nur die aufwendige Computergrafik im Cockpit hätten sich die Japaner sparen können. So konzentriert, wie man in diesem Auto die Straße fixiert, sieht man im Mäusekino allenfalls noch den rot flackernden Ring um den Drehzahlmesser, wenn der Motor über 7000 Touren orgelt. Alle weiteren Informationen nimmt man bei diesem Fahrerlebnis kaum mehr wahr.

Das muss man wissen: Der Antrieb des NSX könnte komplexer kaum sein. Buchstäblich im Zentrum steht dabei ein 3,5 Liter großer V6-Motor mit 507 PS und 550 Nm, der unter einer Glasscheibe direkt hinter den Sitzen montiert ist. Bis seine beiden Turbos so richtig auf Touren kommen, springt ihm ein integrierter E-Motor mit 35 kw und 148 Nm bei. Und beim Kickdown oder in Kurven schalten sich auch noch die beiden Spulen in der Front zu. So kommt der NSX auf eine Systemleistung von 581 PS und ein kumuliertes Drehmoment von 698 Nm. Unterstützt von der Launchcontrol für den perfekten Kavalierstart reicht das für einen Sprint von 0 auf Tempo 100 in weniger als drei Sekunden und ein Spitzentempo von 307 km/h.

Dieser Aufwand hat allerdings auch seinen Preis: Wenn der NSX bei uns im Herbst in den Verkauf geht, verlangen die Honda-Händler dafür mindestens 180.000 Euro.

Aber mehr noch als diese Hürde zählt ein anderes Hindernis: Weil die Manufaktur in Ohio nur acht bis zehn NSX am Tag bauen kann, wird es nicht viel mehr als 1500 Autos pro Jahr geben. Wenn die Hälfte davon unter dem Label der Luxusmarke Acura in den USA bleibt und ein knappes Viertel nach Japan geht, wird der Sportwagen für den Rest der Welt zur Geduldsprobe. Aber das Warten sind NSX-Fans ja nach zehn Jahren Pause mittlerweile gewohnt.

Das werden wir nicht vergessen: Nichts verdichtet die Erinnerung an den NSX so sehr wie ein Start im Quiet-Mode mit anschließendem Kickdown. Denn solange man elektrisch von der Ampel wegrollt und im besten Fall ein paar Kilometer aus dem Akku zehrt, fühlt sich die Flunder tatsächlich an wie ein Raumschiff aus der fernen Zukunft. Bis einen dann der V6 mit dem ersten Gasstoß ins Hier und Jetzt zurückkatapultiert.

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insgesamt 64 Beiträge
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Seite 1
Blue and White 14.03.2016
1. Welcome back!
Willkommen, Du Superstar unter den Sportwagen. Es hat lange gedauert aber es scheint das Warten hat sich gelohnt. Ein guter Artikel und offensichtlich ein herausragender Beitrag aus Nippon, was technische Machbarkeit angeht.
leo19 14.03.2016
2. Schöne Werbehymne!
Zu einer Zeit, wo immer mehr Menschen eher unfreiwillig zu AHVs (Altherrenvehikel=SUV) greifen, weil sie in solche Flundern nicht mehr gut ein- und aussteigen können, erfrischt diese gut formulierte Werbehymne für ein Relikt aus alter Zeit mit neuer Technik aufgemöbelt. Schön, dass noch jemand daran Freude findet.
namachschon 14.03.2016
3. Ächz...
Man darf nicht vergessen, hier handelt es sich um einen Honda... Man muss von dieser Marke schon sehr begeistert sein, um solchen Quatsch zu fabulieren ( siehe Kommentar oben ) Und diese Reisschüssel in Konkurrenz zu stellen mit Ferrari Italia, läßt an der Subjektivität des Schreibers zweifeln. Wenn diese Autos auf den Hinterhöfen südeuropäischer Gebrauchtwagenhändler der Dritt-und Viertverwertung entgegengammeln, werden Autos wie Ferrari Liebhaberpreise erzielen. Wer also Geld verballern will, nur zu, kauft euch solche Hondas. ( Hüstel )
assiwichtel 14.03.2016
4.
Unverständlich, warum man eine gläserne Motorabdeckung verbaut, den Motor dann aber wieder unter Kunststoffabdeckungen versteckt. Im alten NSX gab's wenigstens Technik zu sehen. Spielt aber auch keine Rolle, gegen einen X1 hat der Honda ohnehin keine Chance. Kein Präämium ;-)
trompetenmann 14.03.2016
5. Hui...
...weniger als 3 Sekunden für 0 auf 100? Huiuiui. Scheint die perfekte Symbiose aus Elektro und Verbrennung. Und sieht auch noch klasse aus. Ob da ein Ferrari beim Start mithalten kann?
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