Hummer H3: Panzerschrank auf Rädern

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Berühmt geworden ist Hummer im ersten Golf Krieg, später erkoren Wallstreet-Banker das brachiale Army-Auto zu ihrem Kultmobil. Jetzt baut GM den Wagen Hummer H3 erstmals in einem kleineren Kaliber. Mit dem "Baby"-Hummer kommt man auch durch europäische Großstädte.

Hummer H3: Kantig, rustikal und für alle abwegigen Einsätze bereit

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Geländewagen liegen, das beweist ein Blick auf den nächsten Parkplatz oder in die Zulassungsstatistik, nach wie vor im Trend. Auch wenn beinahe jedes Argument der Vernunft gegen die so genannten Sport Utility Vehicles (SUV) spricht, wächst der Markt täglich. Doch für die meisten Modelle, die inzwischen mit dem Etikett Geländewagen versehen sind, hat Ray Schmit nur ein mildes Lächeln übrig. "In einer Welt, in der sich die SUVs entwickeln wie ihre Besitzer und deshalb immer weicher, runder und bequemer werden, sind echte Offroader Mangelware", sagt der GM-Manager.

Gut, dass es da noch den Hummer gibt. Jenen martialischen Streitwagen der amerikanischen Wüstenkrieger, der unter der Regie von General Motors in den letzten Jahren zu einem Lustobjekt der Lifestyle-Gesellschaft aufgestiegen ist.

Allerdings hat diese Karriere mit dem Ursprungsmodell nur in den USA funktioniert, wo die Straßen breit, die Parkplätze riesig und die Komfortansprüche gering sind. "Und selbst dort war der H1 vielen Kunden zu groß, zu unhandlich und zu teuer", sagt Schmit, der das Hummer-Marketing in Europa verantwortet. Erst mit dem etwas kleineren, bequemeren und preiswerteren H2 haben die Amerikaner die Marke vor zwei Jahren wirklich für Zivilisten geöffnet. Und wenn jetzt der mit der Typbezeichnung H3 auf ein realistisches Format und einen bezahlbaren Preis geschrumpfte "Hummer für alle Tage" (Schmit) an den Start geht, wird der Geländegänger erstmals auch mit dem Verkehrsgewusel europäischer Großstädte kompatibel. Zumal der überraschende Grundpreis von 39.990 Euro den kleinen Hummer in die Nähe von Mercedes M-Klasse, BMW X5 oder VW Touareg rückt.

Erste Testwagen: Der Wüstenkrieger auf Europa-Tour durch Paris

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Zwar sprechen die Amerikaner bereits liebevoll vom "Baby-Hummer", doch ein Kleinwagen ist der H3 deshalb noch lange nicht. Schließlich misst der Wüstenkrieger auf Heimaturlaub noch immer 4,72 Meter in der Länge und überragt mit einer Höhe von fast 1,90 Metern sogar die meisten Vans. Generell macht das Design gewaltig Eindruck. Vor allem auf den Vordermann: Denn kaum taucht der wie ein Panzerschrank auf Rädern geformte Hummer im Rückspiegel auf, füllen eine riesige Stoßstange und der chromglänzende Kühlergrill das Blickfeld komplett aus. Schon von weitem signalisieren die schenkeldicken Muskelpakete um die Radhäuser und die zu Schießscharten geschrumpften Fenster eine Souveränität, die weder durch Felsbrocken noch durch Kleinwagen ins Wanken gebracht werden kann. Nicht umsonst steht der Wagen auf seinen mitsamt Reifen stolzen 32 Zoll großen Rädern so hoch, dass es scheint, als könne er mühelos über alle anderen Verkehrsteilnehmer hinweg rollen.

Fahrzeugschein
Hersteller: Hummer
Typ: H3
Karosserie: Geländewagen/Pickup/SUV
Motor: Fünfzylinder-Benziner
Hubraum: 3.460 ccm
Leistung: 220 PS (162 kW)
Drehmoment: 305 Nm
Von 0 auf 100: 280,0 s
Höchstgeschw.: 158 km/h
Verbrauch (ECE): 11,8 Liter
Kraftstoff: Normalbenzin
Kofferraum: 835 Liter
umgebaut: 1.577 Liter
Preis: 39.990 EUR
Doch während der H3 außen die Nähe zu den anderen Hummer-Modellen wahrt, wechselt er innen vom Nutzfahrzeug zum Pkw. Erstmals gibt es im H3 ein halbwegs liebevoll gestaltetes Interieur, das mit polierten Metalloberflächen und ordentlichen Kunststoffen zu gewöhnlichen Geländewagen aufschließt. Die Sitze sind bequem, die Verarbeitung ist augenscheinlich ganz ordentlich, die Ausstattung ebenfalls ok. Schon in der Basisversion sind Klimaanlage, elektrische Fensterheber, Tempomat und Zentralverriegelung an Bord. Außerdem werden mindestens zwei, wahrscheinlich aber sogar vier Airbags und bei den Modellen mit Automatikgetriebe auch ESP zur Ausstattung gehören.

Überraschend allerdings ist das Raumangebot. Denn wer bei 2,84 Meter Radstand und einem Format weit jenseits des BMW X5 fürstliche Platzverhältnisse erwartet, wird enttäuscht. Im Innnenraum herrscht zwar keine drangvolle Enge, doch viel mehr Beinfreiheit als etwa im viel kleineren Nissan X-Trail haben die Fondpassagiere nicht. Und auch das Kofferraumvolumen ist mit 835 Litern zwar groß, aber nicht so riesig, wie man von außen erwarten würde.

Unter dem Blech ist der Hummer ein Geländewagen von altem Schrot und Korn. Die Karosserie ruht auf einem stabilen Leiterrahmen, die hintere Achse ist starr und mit Stahl gefedert. Fernab im Ural oder im Herzen Afrikas hat das den Vorteil, dass diese Konstruktion auch ein Dorfschmied wieder zusammenschweißen könnte. In den meisten anderen Gegenden der Welt jedoch fällt das Altbau-Konstruktionsprinzip vor allem durch ein rustikales Fahrverhalten auf. Bodenwellen nimmt der Hummer zwar unbeirrt, aber deutlich spürbar. Und auch wenn es schnell um enge Kurven gehen soll, entwickelt das Schlachtschiff eine gewisse Sturheit, die eine feste Hand am Lenkrad erfordert. Deshalb ist es auch nicht wirklich schlimm, dass GM das Tempo elektronisch auf 158 km/h limitiert hat.

Großspuriger Geländewagen: Fast niedlich wirkt das fette Ersatzrad am Heck des Hummers

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Die Idee von einem vernünftigen und alltagstauglichen Hummer trägt auch unter der Haube Früchte: Während der H2 noch von einem gewaltigen V8 angetrieben wird, beschränken sich die Amerikaner beim H3 ganz bescheiden auf einen Reihen-Fünfzylinder. Dem fehlen zwar das großspurige Image und der martialische Sound. Doch hat er - dirigiert von einer Fünf-Gang-Schaltung oder einer vierstufigen Automatik - mit 220 PS (162 kW) Leistung und 305 Nm Drehmoment genügend Kraft, um den H3 ordentlich in Fahrt zu bringen. Außerdem ist der Normverbrauch mit 11,8 Litern Normalbenzin weniger krass als erwartet. Und dass der Hummer beim Kick-down nicht ganz vorn dabei ist, dürfte den Fahrer kaum stören. Schließlich ist ihm auch so genügend Aufmerksamkeit sicher.

Zwar ist der H3 beinahe einen halben Meter kürzer und 15 Zentimeter niedriger als sein großer Bruder H2, mit dem "Gouvernator" Arnold Schwarzenegger in Kalifornien oder Fußballstar David Beckham in Europa unterwegs sind. Doch bleibt er im Straßenbild eine derart imposante Erscheinung, dass sich selbst eine Mercedes M-Klasse mühelos hinter ihm verstecken kann. Natürlich vermittelt das am Steuer der ersten Testwagen, die jetzt in Paris zu Probefahrten bereitstanden, bei der Fahrt über die Champs-Elysees eine gewisse Ausstrahlung, die Nebenfrauen und -männer gebührend Abstand halten lässt. Der H3 überragt das Feld der Normalautos wie ein Basketballspieler ein Hockey-Tor. Doch die Runde um den Triumphbogen, die schon in einem Kleinwagen zur Herausforderung wird, gerät vorsichtigen Naturen mit dem Hummer zu einer schweißtreibenden Angelegenheit. Ebenso erfordern enge Straßen in der Innenstadt erhebliches Augenmaß.

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Und wer nicht französisch, also ohne Rücksicht auf Lack- und Blechschäden, einparken möchte, der sucht besser ein Hotel mit Fahrdienst. Allerdings fährt sich der amerikanische Haudegen nach einer Zeit der Gewöhnung besser, als man auf den ersten Blick meinen mag. Denn obwohl er so unhandlich aussieht, misst der Wendekreis stadtverträgliche 11,3 Meter. "Mit dieser Zahl liegen wir auf dem Niveau der europäischen Kompaktklasse", schwärmt Chefingenieurin Lori Cumming, der mit dem Hummer auch in einem Parkhaus nicht Bange würde.

Auch wenn es in Europa wohl kaum je jemand ausprobieren wird, ist und bleibt das eigentliche Terrain des Hummers die weglose Wildnis. Dabei macht der H3 trotz seiner zivilen Anmutung keine Ausnahme. "Wo Sie mit einem H2 hinkommen, da fährt auch ein H3 mühelos hinterher", sagt Cumming. Der Baby-Hummer rumpelt über große Felsbrocken wie ein Kleinwagen über die Bordsteinkante. Die Bodenfreiheit misst 23 Zentimeter, Steigungen dürfen bis zu 60 Prozent haben, und falls die heimischen Gewässer mal wieder über die Ufer treten, wird der H3 mit einer Wattiefe von 61 Zentimetern beinahe zum Amphibienfahrzeug.

Obwohl bereits ein paar Dutzend Hummer aller Generationen und Modellreihen in Deutschland unterwegs sind, ist der H3 der erste, der offiziell nach Europa importiert wird. Dafür sorgt die niederländische Kroymans-Gruppe, die seit knapp zwei Jahren den Vertrieb von Cadillac, Corvette und Hummer in weiten Teilen der alten Welt verantwortet und für den kleinen Hummer große Ziele hat: "Wir werden für diesen Wagen in Deutschland etwa 25 Handelsstützpunkte aufbauen", kündigt Sprecher Werner Röser an und rechnet für ein volles Jahr mit immerhin 500 Zulassungen. Am Gesamtvolumen von weltweit mittelfristig etwa 60.000 H3 ist das zwar ein bescheidener Anteil. Doch wenn man bedenkt, dass zwischen Aachen und Rostock die meisten Straßen asphaltiert sind, Berlin nicht Bagdad und Heidelberg nicht Hollywood ist, wäre das schon eine ganz ansehnliche Flotte.

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