Husqvarna Vitpilen 701 im Test Weißer Pfeil

Mit seinem Modell "Vitpilen" belebt die schwedische Marke Husqvarna ein lange totgeglaubtes Fahrzeug wieder: ein simples Motorrad, das einfach nur Freude bereitet.

Jochen Vorfelder

Der erste Eindruck: Aufs Wesentliche reduziert. Tank, Reifen, Motor - mehr braucht es nicht.

Das sagt der Hersteller: Es war eine langwierige Geburt. Schon im November 2015 wurde der erste Prototyp der Vitpilen 701 auf der Mailänder Motorradmesse Eicma gezeigt; erst jetzt - seit Frühsommer 2018 - wird der "Weiße Pfeil" (Übersetzung für vit pilen aus dem Schwedischen) im österreichischen KTM-Werk Mattighofen in Serie produziert.

Husqvarna-Chef Stefan Pierer, der die schwedische Traditionsmarke vor ein paar Jahren von BMW gekauft hat, betont, dass er es mit Husqvarna nicht eilig hat. "Die Marke ist für uns ein ideales Spielfeld. Mit Husqvarna können wir Dinge bauen, die bei unserer Kernmarke KTM nicht ins Portfolio passen und so andere Zielgruppen ansprechen", sagte Pierer vor ein paar Monaten am Rande einer Motorrad-Präsentation im Salzburger Hangar-7.

Und tatsächlich hat die Vitpilen 701 etwas ungewohnt Spielerisches: Einerseits ist sie prägnant designt, trotzdem wirkt sie nicht aufdringlich. Die Formentwickler von Kiska Design haben der Vitpilen einen "Neo-Retro-Look für den Urban Lifestyle" verpasst, bei dem Elemente von klassischen Motorrädern mit moderner Naked Bike-Anmutung verschmelzen. Als Naked Bikes werden Serienstraßenmotorräder ohne Teil- oder Vollverkleidung bezeichnet.

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Husqvarna Vitpilen 701: Feuriger Eintopf

Leitgedanke war mit Sicherheit: alles weglassen, was man zum Fahren nicht braucht. Herausgekommen ist ein Fahrzeug, das für maximalen Spaß und viel Wohlwollen sorgt. So viele Blicke und Daumen hoch an der Ampel kassiert man sonst nur mit Elektrorollern.

Das ist uns aufgefallen: So futuristisch das Design anmuten mag, bei der Technik haben die Entwickler in Mattighofen auf bewährte Technik zurückgegriffen. Der Einzylindermotor mit 692,7 Kubik Hubraum ist keine Eigenentwicklung, sondern stammt aus dem KTM-Fundus und wird in ähnlicher Konfiguration auch in der 690 Duke verbaut. Für den Einsatz in der Vitpilen haben ihn die Entwickler auf 75 PS und maximal 72 Newtonmeter Drehmoment getrimmt; dem Sechsganggetriebe wurde ein Schaltassistent spendiert, mit dem sich ohne Kupplung rauf- und runterschalten lässt.

Auf der Straße ist man mit diesem Motor schnell unterwegs, dem einzigen Einzylinder dieser Größe und Güte auf dem Markt. Das Aggregat hat seine ursprüngliche Ruppigkeit verloren, besitzt aber Kraft ohne Ende, die mit vollem 12-Liter-Tank nur 166 Kilogramm Motorrad beschleunigen muss. Das ist eine Riesengaudi: Der Eintopf hängt direkt am Gas und entfaltet seine Leistung mit steigender Drehzahl bis 8500 Umdrehungen kontinuierlich.

Die bei einem Einzylinder dabei unvermeidlichen Vibrationen hat Husqvarna mit zwei Ausgleichswellen sehr gut im Griff. Allerdings scheint der Motor noch andere Bauteile zum Leben zu erwecken: Bei der Testmaschine vibrierte unabhängig vom eingelegten Gang exakt zwischen 4900 und 5200 Umdrehungen eine Verkleidung, ein kleines Blech, irgendeine Schelle laut wie eine Kinderrassel - wir haben nie rausgefunden, was es war.

Die Café-Racer-Ergonomie mit flachem, verkürzten Lenker, leicht abfallender Sitzbank und das Fahrwerk passen dagegen perfekt. Die Vitpilen bleibt bei Hochgeschwindigkeit stoisch auf der Linie und liebt gleichzeitig die Kurve. Je verwinkelter die Route wird, desto aktiver muss man lenken, aber desto munterer fühlt man sich im Sattel. Der ist gewöhnungsbedürftig hart. Doch die Vitpilen ist ohnehin nicht für Langstrecke gebaut, sondern für die Stadt und den flotten Afterwork-Ausflug.

Für die Sicherheit ist gesorgt. Bosch-ABS und abschaltbare Traktionskontrolle reichen zusammen mit der Anti-Hopping-Kupplung völlig aus, um die Vitpilen in der Spur zu halten. Die Features sorgen dafür, dass die Räder bei einer harten Bremsung nicht blockieren und die Bodenhaftung bestehen bleibt.

Keine Abstriche macht Husqvarna auch bei Bremsen und Federbeinen/Dämpfer, die von Brembo respektive WP geliefert werden. Auch die Designbauteile sind extrem hochwertig: Details wie der gefräste Tankdeckel und die Stummellenker sind ebenso eine Augenweide wie die LED-Lichtanlage an der Fahrzeugfront.

Das Rundinstrument trübt den positiven Gesamteindruck
Jochen Vorfelder

Das Rundinstrument trübt den positiven Gesamteindruck

Damit wären wir auch schon bei den seltenen Schwachstellen: Oberhalb des Scheinwerfers haben die Designer ein rundes Cockpit-Instrument aus Plexiglas verbaut, das optisch sein Geld nicht wert ist und wohl nach wenigen Fahrtagen verkratzt nervt. Die beim Testmotorrad verbauten Brems- und Kupplungshebel an den Lenkerstummeln sahen super aus, waren aber zu kurz. Die Kugel am Ende drückte schmerzhaft auf das Ringfingergelenk.

Das muss man wissen: Husqvarna bietet die Vitpilen 701 wie ihre kleine Schwester Vitpilen 401 bisher nur in einer Version und ausschließlich in der Farbgebung Silber an - zum selbstbewussten Preis von 10.195 Euro. Das ist konkurrenzlos viel Geld für einen Zylinder. Mit Zubehör wird die Maschine schnell teuer.

Das werden wir nicht vergessen: Der Imbiss Zollenspieker vor den Toren Hamburgs ist nicht nur ein beliebter Bikertreff, sondern auch ein guter Gradmesser für die Entwicklungen in der Szene. Hier treffen sich die alten Hasen und coolen Socken, die bei Serienfahrzeugen normalerweise die Nase rümpfen.

Dass der Stammtisch für die Husqvarna geschlossen aufgestanden- und prüfend über die Straße geschlendert ist, belegt: Die Österreicher haben einen Nerv getroffen. Die Vitpilen 701 wird einen Trend setzen - zu weniger Zylindern, mehr Leistung und maximalem Spaß.

Fahrzeugschein
Hersteller: Husqvarna
Typ: Vitpilen 701
Karosserie: Motorrad
Motor: Einzylindermotor
Getriebe: Sechsgang
Hubraum: 693 ccm
Leistung: 75 PS (55 kW)
Drehmoment: 72 Nm
Gewicht: 166 kg
Preis: 10.195 EUR


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P-Schrauber 21.08.2018
1. Ja ? weiter so und für die Zukunft es geht noch besser
Husqvarna ist ja eigentlich Schwedisch und nicht nur der Name auch die Modellbezeichnung lassen darauf deuten. Ich hätte mir noch etwas mehr Mut gewünscht und mehr hinwendung zur schwedischen Designphilosophie ind zwar im tatsächlich konstruktiven Aufbau mit einfachen und extrem soliden Lösungen und dabei gleichzeitig auch sehr guten Design. Leider kein eigener Motor leider sehr fraktales Erscheinungsbild wo dann hier und da als Augenfang Bauteile des Motors überproportional akzentuiert werden samt bei dem Rohr und Bauteile "Verhau" (sorry) das Auge seine Ruhe finder.
DeeVau 21.08.2018
2. Geschmackssache
Was an diesem Tamagotchi neo/retro sein soll, erschließt sich mir nicht. Ich finde sie nur abstoßend häßlich. Ja, ich bin Oldschoolbiker und mag Motorräder mit Charakter - aber das Ding sieht aus, als hätten es die Klingonen hier das letzte mal vergessen. Was nützten mir passable Fahreigenschaften, wenn die Fuhre kleiner als das Mofa meines Neffen ist und ich nach dem Absteigen mit dem Brechreiz kämpfen muß, wenn ich mich umdrehe?
dolfi 21.08.2018
3. Entscheidende Punkte sind schlecht.
Die Vitpilen ist ein geniales Motorrad, keine Frage. Aber in einem entscheidenen Punkt ist sie eine Katastrophe: die Sitzhaltung. Diese ist so verkrampft Vorderrad orientiert, dass es nach einer Stunde weh tut zu fahren. Der Lenker ist dem Design geschuldet so flach, dass man völlig verkrümmt drauf sitzt. Für mich mit diesem Lenker ein no-go.
DerAndereBarde 21.08.2018
4. Dialektisch
Netter Motor, unfassbar hässliches Drumrum! Kein Pfeil, mehr ein blecherner Bobbel mit verkümmertem schwarzem Bürzel. Ein bissel Ducati, ein bissel Buell, ein bissel generisches Retro... da harmoniert gar nichts. Auch der Preis ist unsexy. Dann lieber eine Husqvarna-Nähmaschine.
spon-1292345938400 21.08.2018
5. Design oder nicht sein
Ich verstehe nicht warum heute die meisten Motorräder aussehen als hätten sie einen serienmässigen Heckschaden. Meins ist das nicht und so bleib ich bei den 3 Motorräden die ich schon besitze. Alle mit rundem Scheinwerfer und einem ordentlichen Hintern.
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