Indian-Revival Der alte Häuptling gibt wieder Gas

Mit Modellen wie der Chief oder der Scout dominierte Indian einst die Motorradszene. Knapp ein halbes Jahrhundert nach der Pleite sollen die Kultkolosse auch wieder über deutsche Straßen rollen - dem Retro-Boom sei Dank.


Vor 47 Jahren war endgültig Schluss. Die Firma Indian musste dicht machen. Nun wurde die älteste Motorradmarke der Welt erfolgreich wiederbelebt. Die schweren Maschinen mit den Kultkotflügeln brausen wieder über die Highways.

Riesige Kotflügel und wild gewordene Auspuffrohre: Mit ihrem Design aus den vierziger Jahren liegt die Indian voll im Trend
Foto: Menne

Riesige Kotflügel und wild gewordene Auspuffrohre: Mit ihrem Design aus den vierziger Jahren liegt die Indian voll im Trend

"The Legend lives" heißt es im Prospekt ­ genauer wäre jedoch: "The Legend survived". Mit der Legende ist, so viel Pathos muss sein, die Motorradmarke Indian gemeint, die jetzt eine Renaissance erlebt.

Vor knapp einem Jahr lief in einer ehemaligen Lagerhalle im kalifornischen Gilroy die Produktion neuer Motorräder an. Inzwischen hat auch der Export nach Deutschland begonnen. Der Dortmunder Fahrrad- und Motorradhändler Jürgen Brand hat sich die Vertriebsrechte für die "Cadillacs unter den Motorrädern" gesichert und in den vergangenen Wochen vier Exemplare der knapp 60.000 Mark teuren Kult-Kolosse verkauft.

Die Indian Chief sieht aus, als habe sich seit den vierziger Jahren im Motorradbau nichts mehr verändert. Das machte der Marke 1953 den Garaus. Doch heute, in einer Zeit, in der Retro-Design boomt, und es gar nicht genug Anleihen aus der Heckflossen-Weißwandreifen-Chromleisten-Ära geben kann, steuern die schwergewichtigen Boliden genau auf Trendkurs.

Riesige, ausladend geschwungene Kotflügel verdecken die Speichenräder fast völlig, der tränenförmige Scheinwerfer hat den Durchmesser eines Esstellers und der so genannte Fishtail-Auspuff sieht aus wie eine wildgewordene Orgelpfeife. Angetrieben wird das 294 Kilo schwere Zweirad von einem 1,4-Liter-V2-Motor von der Firma S&S, der 75 PS leistet.

Renaissance: 47 Jahre nach der Pleite will Indian an alte Erfolge anknüpfen

Renaissance: 47 Jahre nach der Pleite will Indian an alte Erfolge anknüpfen

Das Aggregat gleicht denen von Harley-Davidson. Indian-Puristen mögen zwar über die Anleihe bei der Konkurrenz ihre Bikernasen rümpfen, für Neubesitzer ist der Motor jedoch ein großer Vorteil: Indian-Maschinen können von jedem Harley-Schrauber repariert werden ­ ein entscheidendes Plus für eine Marke, die kaum Händler und Service-Stützpunkte hat.

1901 in Springfield/Massachussets gegründet, war Indian der erste Motorradhersteller der USA. Modelle wie die Chief oder die Scout galten in den zwanziger und dreißiger Jahren als das Nonplusultra des Zweiradbaus. Indian versorgte die US-Polizei und das Militär, baute sogar ein für den Fallschirmabwurf geeignetes Motorrad und fuhr auf den Rennstrecken zwischen San Diego und New York Erfolge ein.

Allerdings: Die Arbeit der Ingenieure wurde immer häufiger von unternehmerischen Abenteuern torpediert. Der finanzielle Schlingerkurs von Indian endete 1953 schließlich im Graben. Die letzte Maschine lief vom Band, Indian war pleite. Seither päppelten die Fans der Marke den Mythos Indian, putzten und polierten die alten Maschinen ­ und träumten von einer Wiedergeburt der gediegenen Motorräder mit den mächtigen Motoren.

Im kommenden Jahr, wenn die Marke ihr 100-jähriges Bestehen groß feiern wird, soll auch ein eigener Motor präsentiert werden. Dann, so prophezeien Cruiser-Enthusiasten, könnte es für Indian noch einmal eine Chance geben, gegen die übermächtige Harley-Davidson-Konkurrenz aus Milwaukee zu bestehen.



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