Infiniti Q30 Selten gut

Die Marke Infiniti ist hierzulande kaum präsent. In Deutschland fand bislang der Kompaktwagen Q30 die meisten Käufer. Wenn man ihn fährt, weiß man warum.

Jürgen Pander

Von Jürgen Pander


Ein Detail, das die Stilrichtung der Marke Infiniti sichtbar macht, ist der Kühlergrill. Der besteht beim Modell Q30, dem bislang kleinsten und in Deutschland erfolgreichsten Infiniti-Modell, aus vielen ineinander verschlungenen Wellenlinien. So könnte man auch das Meer in einer Kinderbibel darstellen: Ein rundlich-rhythmisches Auf und Ab, dynamisch und weich zugleich. Genau so möchte Infiniti sein.

Weltweit betrachtet funktioniert das recht ordentlich, im vergangenen Jahr verkaufte die Nissan-Tochter insgesamt gut 246.000 Autos (und damit ebenso viele wie Porsche). In Deutschland hingegen ist die Marke mit 1230 Neuzulassungen im Jahr 2017 kaum wahrnehmbar (Tesla lag bei 3332, Lexus bei 3002, Bentley bei 1329). Das liegt nicht an der Qualität der Fahrzeuge, sondern vielmehr an Gewohnheiten, etwa dem Hang zu heimischen Marken mit langer Tradition. Infiniti gibt es erst seit 1989, die erste Filiale in Deutschland wurde im Herbst 2009 in Hamburg eröffnet.

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Infiniti Q30: Neuer Schwung

Das meistverkaufte Modell hierzulande - mit 513 Neuzulassungen im vergangenen Jahr - ist der Kompaktwagen Q30. Es ist das einzige Modell, das in Europa gebaut wird; und jenes, das technisch zu großen Teilen mit der Mercedes A-Klasse identisch ist. Man merkt das an den Proportionen, an manchen Motorisierungen und an Mercedes-typischen Details wie den Sitzverstellschaltern auf den Türbrüstungen oder der Scheibenwischerbedienung im knolligen Blinkerhebel an der linken Lenkradseite.

Allerdings wäre es falsch, den Infiniti unter der Rubrik "badge Engineering" abzutun, ihn also jenen Typen zuzurechnen, bei denen bis auf das Logo praktisch nichts verändert wird beim Übergang von der einen Marke zur anderen. Infiniti-Ingenieure seien von Beginn an vor Ort in Stuttgart in die Entwicklung der A-Klasse eingebunden gewesen, heißt es beim japanischen Hersteller. Und tatsächlich fühlen sich die beiden Autos unterschiedlich an: der Mercedes betont jugendlich und knackig, der Infiniti weitaus gelassener, gediegener und gepflegter.

Motor, Getriebe, Fahrwerk - es geht auch entspannter

Sportlichkeit - oder das, was viele Autohersteller dafür halten - interessiert bei Infiniti nicht so sehr. Der 2,2-Liter-Vierzylinder-Turbodiesel zum Beispiel tritt in der A-Klasse als 220d mit einer Leistung von 177 PS an, im Infiniti 2.2d (unserem Testauto) mit 170 PS. Auch diese Leistung reicht völlig, um das Auto zügig zu bewegen; vor allem aber ging es den Infiniti-Leuten bei der Abstimmung des Antriebsstrangs darum, nicht das letzte Quäntchen Leistung, sondern ein Maximum an Laufruhe herauszuholen. Die fällt in Verbindung mit dem seidenweich kalibrierten Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe tatsächlich auf. Selten gab es ein Kompaktauto mit einem so entspannten Vortrieb.

Auch das sämig eingestellte Fahrwerk trägt dazu bei, und man kann gar nicht immer genau sagen, ob es nun am fluffigen Motor oder an der kissenartigen Dämpfung und Federung liegt, dass man sich im Infiniti Q30 fühlt wie in einer zwei Klassen höher positionierten Limousine.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des Infiniti Q30 - mit unserem 360-Grad-Foto:

Man muss das nicht mögen, aber es ist ein klar nachvollziehbares Merkmal dieses Autos. Und wer genau nach so einem wohltemperierten Kompaktwagen sucht, wird sich über den Infiniti Q30 freuen. Zumal auch andere Dinge diesen Eindruck verstärken. Der zentrale Bildschirm ist komplett in die Armaturentafel integriert - bei Mercedes ragt er aus ihr hervor. Zudem handelt es sich um einen Touchscreen, der außerdem noch per Dreh- und Drücktasten auf der Mittelkonsole bedient werden kann - bei Mercedes gibt es nur letztere Bedienoption.

Durchschnittsverbrauch bei unseren Testfahrten: 6,1 Liter

Unser Testauto mit dem 170-PS-Diesel (Grundpreis 31.050 Euro) war mit dem Ausstattungspaket "City-Black" bestückt, das unter anderem 19-Zoll-Räder umfasst. In dieser Konfiguration gibt der Hersteller 4,4 Liter als Durchschnittsverbrauch an - wir kamen auf 6,1 Liter je 100 Kilometer im Schnitt und erzielten im "Eco-Drive-Report", einer Art Effizienz-Nachhilfe auf dem Bordcomputer, 81 von 100 möglichen Punkten. Übersetzt bedeutet das: Bei überwiegend behutsamer Fahrweise und mit vier Personen an Bord schluckt der Wagen gut eineinhalb Liter mehr Sprit als vom Hersteller angegeben.

Ärgerlicher als diese Abweichung, die man ja fast schon erwartet, ist jedoch etwas anderes. Die mangelhafte Rundumsicht nämlich, die das Auto vor allem im unübersichtlichen Stadtverkehr zur Nervenprobe macht. Zum Rangieren gibt es zwar eine hilfreiche 360°-Rundumsicht aus der Vogelperspektive auf dem Bordmonitor, aber im fließenden Verkehr zwischen geparkten Autos, unübersichtlichen Häuserecken, Zebrastreifen, Ampeln, querenden Radfahrern und warnblinkenden Lieferwagen bringt das gar nichts.

Da wird der sonst so wohltuend beruhigende Infiniti Q30 zum Stressfaktor - weil man ständig das Gefühl hat, irgendetwas zu übersehen oder zu spät zu bemerken. Wie angenehm, wenn man wenigstens das "Ortsende"-Schild mitkriegt. Ab jetzt ist das Auto wieder eine wohlige Ruhezone.

Früher kannte man das so eigentlich nur von Mercedes.

Fahrzeugschein
Hersteller: Infiniti
Typ: Q30 2.2d
Karosserie: Kompaktwagen
Motor: Vierzylinder-Turbodiesel
Getriebe: Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe
Antrieb: Front
Hubraum: 2.143 ccm
Leistung: 170 PS (125 kW)
Drehmoment: 350 Nm
Von 0 auf 100: 8,3 s
Höchstgeschw.: 220 km/h
Verbrauch (ECE): 4,4 Liter
CO2-Ausstoß: 116 g/km
Kofferraum: 430 Liter
umgebaut: 1.200 Liter
Gewicht: 1.560 kg
Maße: 4425 / 1805 / 1495
Preis: 37.640 EUR
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insgesamt 59 Beiträge
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mazzmazz 25.01.2018
1. Falsche Motorisierung
Mercedes A / Infinity Q30 werden wohl fast nie von Vielfahrern eingesetzt. Insofern haben Sie die falsche Motorisierung getestet. Wer kauft denn heute noch einen Diesel in der Kompaktklasse? Der Mercedes A ist kein schlechtes Auto. Egal welches Badge darauf prangt, er fährt sich in der Tat auf Wunsch auch unaufgeregt. Das DKG allerdings ist eine Katastrophe. Das hier als "seidenweich kalibriert" beschriebene Getriebe ruckelt fast genauso schlimm wie die VW-Lösung, schaltet ewig langsam in den Rückwärtsgang und im Komfortmodus, der einzig erträgliche, viel zu langsam hoch. Zudem teilt es Schläge ins Kreuz aus, sobald es etwas zügiger vorangehen soll. Das ist eines Mercedes nicht würdig. Ansonsten ist die A Klasse ein im Klassenvergleich sehr leises, komfortables Auto, das wohnlicher und hochwertiger wirkt als sogar der Audi A3, welcher ja von der Presse gerne mal als Benchmark in der Kompaktklasse herangezogen wird. Mercedes bietet mit dem A250 4matic hier ein gutes Package an. Ob es diese Maschine auch im Infinity gibt, weiß ich nicht. Die Motoren von Mercedes scheinen mir zur Zeit die besten in dieser 2L Turbo Spielzeugklasse zu sein. VW und BMW haben in dieser Klasse zahlreiche Motorprobleme, von Mercedes ist mir nichts bekannt. Die 211 PS empfinde ich als ausreichend für dieses Auto. Allrad ist Pflicht, sonst gibt´s wegen billigem Frontkratzer-Setup keine Traktion bei Nässe. Am Ende würde ich wohl über den Preis und die Nähe zur Vertragswerkstatt (bei Neukauf) entscheiden, denn mit einer guten Ausstattung scheint mir der A genauso wertig zu sein. Der Monitor darf einen dann nicht stören, aber wir hatten uns schnell daran gewöhnt. Fällt gar nicht mehr auf. Wer bereit ist, etwas mehr Geld für ein Kompaktauto auszugeben, sollte sich den A / Q30 ruhig einmal ansehen. Man bekommt dafür ein feines Auto, das fährt wie eine Klasse höher, allerdings eher wenig Platz hinter den Vordersitzen bietet. Baumarktfans sollten lieber einen Focus Kombi kaufen. Wir fahren auch mal zu 4. damit und kommen gut zurecht. Muss man sich ansehen. Gute Fahrt!
kangootom 25.01.2018
2. Was hat der Autor geraucht?
Schwadronieren über Wellen im Kühlergrill, als ginge es hier um ein Kunstgemälde, überdimensionierte 170PS "reichen völlig". Was ist bitteschön ein sämig eingestelltes Fahrwerk? Wenigstens geht es im 2.Abschnitt um die Alltagstauglichkeit, wie Lärmentwicklung und Rundumsicht.
observerlbg 25.01.2018
3. Ups, sollte ich zurück zu Nissan?
Bin überrascht. Die Front ist zwar gewohnt häßlich (Nissan fiel bisher nicht gerade mit Design-Ikonen auf), die Sicht nach hinten wie heut üblich quasi nicht vorhanden (Einparkhilfen sind jedoch gut). Aber die Funktionalität und Haptik scheinen sehr gut. 1993 bekam ich einen neuen Nissan Sunny SR aus dem gleichen Werk. Den Wagen schenkte ich 1997 meiner Mutter. Die fährt ihn heute noch. Wenn diese Nachhaltigkeit bei Nissan weiter besteht (ich meine jetzt nicht die Micras aus Indien), denn mal her damit. Und einem TD von Daimler traue ich auch in jedem Fall mehr, als von VAG. Und am Preis kann man bestimmt noch was machen, wenn man Geduld hat.
v126.560 25.01.2018
4. Ein 220 CDI BlueEfficiency also
Ich hatte diesen Motor überhaupt nicht auf dem Zettel, weil ich sonst nur deutlich ältere Mercedes fahre, fahre ihn aber seit jetzt einem Monat in einem W204 Mopf. Drittel-Mix mit zurückhaltender Fahrweise schaffe ich bei wenig Verkehr 4,8 Liter, beim üblichen Hamburger Sirup immerhin 5,8. das einzige, was mich wirklich „stört“: den Benz hat sich vor 4 Jahren mal jemand als Avantgarde bestellt. Das ist zwar nicht unkonfortabel, mir aber schon zu straff. Ein infinity wäre vielleicht die bessere Wahl gewesen.
brunosacco 25.01.2018
5. Sternschnuppe
...vor allem vermeidet die Marke den Fehler den "das Bester oder nichts" macht: Auf Teufel komm raus mit niedrigsten Leasingraten Fahrzeuge in den Markt zu drücken. Wenn ich mir das Klientel der A-Klasse Fahrer in Berlin ansehe: Meistens mit dem AMG Optikpaket (früher gab es diese Plastikteile im Baumarkt um abgenudelte 190er "audzumotzen") und ein jugendliches Klientes am Steuer wo man genau weiß, hier hat die ganze "Sippe" zusammengelegt um die erste Leasingrate zusammenzukratzen damit man ein "standesgemäßes" Fahrzeug fährt. So macht man zwar Masse aber ruiniert den Ruf und den Markenkern der bekanntesten Deutschen Marke. Aber der schnelle shareholdervalue geht ja vor - die Ehrenmänner um Zetsche wollen ja am Jahresende ihr Boni einstreichen . Traurig was aus der Marke geworden ist: Blingbling Fahrzeuge mit einem gruseligen Design - noch dazu nur noch in schwarz und grau lieferbar.
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