Autogramm Infiniti QX50 Hubraum wechsel dich

Rein äußerlich ist der QX50 nur ein weiterer SUV, die Marke Infiniti kennt in Deutschland eh kaum jemand. Das könnte sich ändern: Denn unter der Haube des Autos steckt ein revolutionäres Motorkonzept.

Infiniti

Der erste Eindruck: Kaum ein SUV in dieser Klasse zeigt ganz ohne Tuning so viele Muskeln und so viel Körperspannung wie der QX50. Und kaum einer hat derart animalische Scheinwerfer.

Das sagt der Hersteller: Für Motorenentwickler Shinichi Kiga geht mit dem QX50 ein Traum in Erfüllung. Weil in dem neuen Modell ein Motor steckt, an dem er seit 20 Jahren arbeitet. "Der QX50 ist das erste Auto mit variabler Verdichtung", sagt der japanische Motorenpapst und dankt der Elektronik, der er den Durchbruch verdankt. Ohne elektronische Motorsteuerung und vor allem ohne aufwendige Simulationen wäre er wohl nie ans Ziel gekommen, glaubt Kiga.

Der Motor mit der neuen VC-Turbo-Technik (hier finden Sie einen ausführlichen Artikel zum neuen Motorkonzept) vereint scheinbar unvereinbares: Der Vierzylinder leistet so viel wie ein Sechszylinder, verbraucht aber 30 Prozent weniger. "So machen wir uns weniger abhängig vom Diesel und gewinnen Zeit bei der Elektrifizierung", sagt Kiga. Er ist zuversichtlich, dass das Beispiel Schule machen wird. Erst einmal gibt es die Technik exklusiv für Infiniti, doch schon bald könne die variable Verdichtung zum Standard werden, ähnlich wie heute die Benzindirekteinspritzung. "Auf dem Weg zu weniger CO2-Ausstoß gibt es dazu kaum eine Alternative."

Das ist uns aufgefallen: Nichts, man merkt absolut nichts. Unter der Haube vollführen Elektronik und E-Motor ein feinmechanisches Kunststück, und der Fahrer bekommt davon nichts mit. Ob der Motor jetzt mit niedriger Verdichtung fährt oder mit hoher, kann er allenfalls an einer Anzeige ablesen - oder es fühlen. Denn sobald man etwas fester aufs Pedal tritt, entwickelt der Vierzylinder Bärenkräfte und wirft den wuchtigen QX50 mit so viel Elan nach vorn, dass er der Konkurrenz beim Sprint mindestens eine Sekunde abnehmen soll.

Mit 272 PS leistet der neue Motor genau so viel wie der 3,5-Liter-V6 des Vorgängermodells QX70 und hat mit 380 Nm sogar mehr Drehmoment. Und wenn man den Gasfuß etwas leichter macht, verbrennt er so wenig Sprit, dass man zumindest theoretisch pro Tankfüllung locker 200 Kilometer weiter kommt als mit dem V6-Aggregat des Vorgängers.

Aber der Motor wechselt nicht nur unbemerkt und fließend den Druck in den Brennräumen, er hält sich auch vornehm zurück. Das liegt daran, dass die Maschine mit aktiven Lagern vibrationsarm aufgehängt, so gut gedämmt und von der elektronischen Soundpolitur so gezähmt ist, dass man sie nur selten hört. An Bord herrscht Ruhe wie in einem Bentley. Das ist auch gut so. Denn sobald der neue Motor doch mal durchdringt und die Drehzahl steigt, vermisst man den V6-Motor eben doch - rein klanglich.

Die Ruhe an Bord ist nicht die einzige Parallele zu Bentley & Co., auch das Ambiente ist feiner als bei der deutschen Konkurrenz. Infiniti verarbeitet mehr Leder, bespannt damit auch Flächen, die maschinell kaum zu bearbeiten sind und perforiert die Haut mit Laserstrahlen für ein tadelloses Nahtbild. Dazu gibt es Sitze, die gemeinsam mit der NASA entwickelt wurden und weniger ermüden - fertig ist ein Wohlfühl-SUV, wie er in dieser Klasse allenfalls noch von Volvo mit dem XC60 gebaut wird. Mit dem ist der Infiniti QX50 auch wegen der eher gemütlichen Auslegung des Fahrwerks und der leichtgängigen Lenkung am ehesten vergleichbar.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des Infiniti QX50 - mit unserem 360-Grad-Foto:

Umso leichter akzeptiert man im QX50 eine weitere Neuheit, den ProPilot Assist. Während man bei BMW & Co. das Steuer nur ungern aus der Hand gibt, drückt man hier bereitwillig den blauen Knopf im Lenkrad und überlässt Spurführung, Abstandhalten und Temporegelung der Elektronik. Dass man die Hände trotzdem am Lenkrad lassen muss, liegt nur am Gesetzgeber.

Das muss man wissen: Der QX50 steht auf einer nagelneuen Plattform und ist mit 4,70 Metern so groß, dass er bei uns den QX70 ersetzen wird. Das Platzangebot ist immens und dank einer um 20 Zentimeter verschiebbaren Rückbank auch variabler als bei vielen Konkurrenten. In den USA kommt der QX50 in ein paar Wochen auf die Straße, bei den neun deutschen Infiniti-Händlern wird der Wagen erst im Frühjahr 2019 eintreffen. Niemand bei Infiniti kann so recht erklären, warum. Auch zum Preis gibt es noch keine Auskunft, doch unter 40.000 Euro wird das Auto wohl kaum verkauft. Ebenfalls nur Schätzungen gibt es bislang zum Verbrauch, es dürfte auf eine Sechs vor dem Komma hinauslaufen.

Um Gewicht zu sparen, nutzt Infiniti beim QX50 erstmals einen neuen, besonders festen Stahl, der entsprechend dünn verarbeitet werden kann. Der rote Lack ist eine Spezialentwicklung und hat mehr Tiefe als jedes andere Rot. Und die Bleche an den Flanken sind tiefer eingezogen als bei jedem anderen Auto aus der Großserie.

Glanzlicht des QX50 ist aber der erwähnte VC-Turbo-Motor, der für die variable Verdichtung eine neuartige Kurbelwelle erhält. Drei Stellglieder und ein E-Motor variieren den Kolbenhub um bis zu sechs Millimeter und blenden so stufenlos zwischen einer niedrigen Verdichtung von 8:1 bei hoher Leistungsanforderung und einer hohen Verdichtung von 14:1 bei niedriger Last hin und her. Effektiv hat der Motor deshalb je nach Betriebszustand zwischen 1970 und 1997 Kubikzentimeter Hubraum.

Das werden wir nicht vergessen: Das altbackene Infotainment-System mit schmucklosen Analoginstrumenten und zwei Touchscreens, die zwar groß sind und viele Knöpfe ersetzen, die aber lausig integriert wurden und beinahe wie eine Nachrüstlösung aussehen. Anders als unter der Haube hat Infiniti auf dem Weg in die Zukunft in diesem Fall die falsche Richtung eingeschlagen.

Fahrzeugschein
Hersteller: Infiniti
Typ: QX50
Karosserie: SUV
Motor: Vierzylinder-Benzindirekteinspritzer-Turbo
Getriebe: stufenlose Automatik
Antrieb: Allrad
Hubraum: 1.997 ccm
Leistung: 272 PS (200 kW)
Drehmoment: 380 Nm
Von 0 auf 100: 6,3 s
Höchstgeschw.: 230 km/h
Kofferraum: 565 Liter
Maße: 4693 / 1903 / 1679
Preis: 40.000 EUR


Anm. d. Red.: In einer ursprünglichen Fassung des Textes hieß es der QX50 würde erstmals in Europa angeboten. Allerdings wurde das Auto bereits in der Vorgängergeneration in Europa angeboten. Dieser Fehler wurde korrigiert.

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insgesamt 53 Beiträge
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Seite 1
marty_gi 23.03.2018
1. gut so
Ich mag eindeutige Knoepfe und analoge Anzeigen, die "Samantha Fox"-Ausstattungen der meisten heutigen Wagen (Touch me, Touch me) koennen gerne genau dort bleiben - bei den anderen. Dass sich dann auch jemand mal motorentechnisch was wagt, ist ebenfalls zu begruessen. Das Design ist stimmig und nicht so krampfhaft gewollt prollig/manga-haft wie bei der ueblichen Lexus-Front, auch das Innendesign finde ich gut (auch wenn ich niemals eine helle Innenausstattung waehlen wuerde). Wenn jetzt die dunklen Scheiben ab der B-Saeule auch noch Wunschdetail sind, man also auf sie verzichten kann (weil ich sie fuer haesslich halte, und verkehrsgefaehrdend obendrein wegen Erschwerung des vorausschauenden Fahrens) und stattdessen mit farblich sauberer Fensterlinie unterwegs ist, dann kann ich Infiniti schon mal gratulieren - mehr Interesse bei mir geweckt, als alle Konkurrenten.
observerlbg 23.03.2018
2. Interessant
Leider lässt Nissan seine Luxusfahrzeuge in Mexico bauen. Hauptabsatzmarkt USA! Da war doch was? Als Ingenieur befürchte ich aber bei diesem Motor, dass die vielen zusätzlich bewegten Teile an ohnehin viel bewegten Grundelementen (Kurbelwelle...) langfristig hohe Reparaturkosten verursachen werden. Aber sollte der QX50 tatsächlich für 40.000,-Euro erhältlich sein, würde ich solche Bedenken übergehen. Bin in der Vergangenheit gut gefahren mit Nissan. Und Drehmomentwerte, die ich sonst nur von Dieseln kenne, ohne Dieselnageln und ohne Dieselschadstoffe? Höchst interessant.
schwarzweißinfarbe 23.03.2018
3. Tolle Technik!
Tolle Technik und ich denke da werden noch einige Hersteller nachziehen. Aber so gut wie jeder neue Motor ist am Anfang sehr sehr laufruhig, so dass man schnell denkt er wäre aus (im Stand). Vibrationen stellen sich meistens erst nach einigen 10k km ein. Mich würde daher eher interessieren, wie laufruhig und vibrationsarm der Motor bzw. die Technik nach 50k km ist.
RalfBukowski 23.03.2018
4. "Der Vierzylinder leistet so viel wie ein Sechszylinder"
Warum auch nicht? Was hat die Leistung mit der Zylinderzahl zu tun? Wahrscheinlich wollte der Autor sagen: Der kleinere Turbo leistet soviel wie der grössere Sauger...
DerBlicker 23.03.2018
5. das Wichtigste fehlt
Was ist denn jetzt mit dem Verbrauch? Ich finde keine Angaben.
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