Jaguar XE SV Project 8 Das Tier

Mit einer hochgerüsteten Kleinserie der Limousine XE werden Millionärsträume wahr. Nie zuvor gab es einen Jaguar mit 600 PS. Die Leistung des SV Project 8 bestimmt alles im Wagen - selbst die Position des Lenkrads.

Jaguar

Der erste Eindruck: Da steckt viel Testosteron drin! Während der normale XE brav und bieder aussieht, wirkt die neue Variante XE SV Project 8 schrill und aufgepumpt.

Das sagt der Hersteller: Der Jaguar XE SV Project 8 ist ein Traumwagen. Nicht nur für reiche Kunden, sondern auch für die Entwickler, sagt Projektleiter Mark Stanton. Bei der Konstruktion des Autos waren den Ingenieuren kaum Grenzen gesetzt. "Normalerweise müssen wir immer über Kosten diskutieren, über die Komplexität der Produktion oder andere Einschränkungen", sagt Stanton. Für das Project 8 und die ultimative Rennstreckenlimousine jedoch habe es nur eine Losung gegeben: "Gut ist, was schnell macht."

Deshalb habe auch niemand mit der Wimper gezuckt, als die Abteilung "Special Vehicle Operations" anfing, Karosserieteile aus Karbon zu backen, mechanische Verstelldämpfer einzubauen oder eine neue Keramik-Bremse. "Wir haben uns an Rennwagen orientiert und uns nur da zurückgehalten, wo wir die Straßenzulassung riskiert hätten", sagt Stanton. Die Bodenfreiheit lässt sich deshalb genauso variieren wie die Spoilerlippe, die sich für den Renneinsatz, weitab von Fußgängern, um ein paar Fingerbreit weiter herausziehen lässt. Beim Antrieb habe es ohnehin keine Alternative gegeben. Stanton: "Wir haben einfach das größte und stärkste Triebwerk genommen, das wir haben. Und haben es noch etwas weiter optimiert."

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Das ist uns aufgefallen: Die kraftvolle Karosserie, die bunte Kriegsbemalung und der Krach aus dem Auspuff - das Project 8 ist ein einziger Schrei nach Aufmerksamkeit. Die hat der Jaguar XE auch bitter nötig. Nicht nur, weil das Grundmodell vergleichsweise bieder und ziemlich unauffällig daher kommt, sondern vor allem, weil man den XE hierzulande kaum wahrnimmt. In der deutschen Zulassungsstatistik jedenfalls spielt das vor drei Jahren gestartete Jaguar-Einstiegsmodell kaum eine Rolle: 2000 Neuanmeldungen waren es im vergangenen Jahr; Konkurrenten wie BMW 3er oder Mercedes C-Klasse erreichen diese Verkaufszahl in weniger als einem Monat.

Beim Project 8 hat Jaguar in der Track-Version die Rückbank aus- und einen Überrollkäfig eingebaut - das spart zwölf Kilo Gewicht. Warum der Wagen dennoch rund 1,8 Tonnen wiegt, erkennt man beim Blick nach vorn. Er hat den großen Touchscreen und das komplette Interieur einer Business-Class-Limousine mit schweren Materialien wie Leder und diversen elektrischen Helfern. So viel Luxus wiegt schwer.

Sobald der Motor läuft und die achtstufige Automatik auf "D" wie Drive oder, besser noch, auf "S" wie Sport steht, sollte man seine gesamte Aufmerksamkeit auf die Strecke richten. So sehr der Allradantrieb, die mehrstufig regulierende Traktionskontrolle und der Abtrieb durch den riesigen Heckflügel das Fahren des Wagens erleichtern - besser man hat alle Sinne beisammen bei einem Auto mit 600 PS Leistung und 700 Nm Drehmoment.

Werfen Sie einen Blick in den Innenraum des Jaguar XE SV Project 8 - mit unserem 360-Grad-Foto:

Fast explosionsartig erreicht der Wagen Geschwindigkeiten, bei denen kein Assistenzsystem der Welt mehr helfen kann; die Physik fordert ihren Tribut. Es fällt schwer, ja, es ist fast unmöglich, mit diesem Auto langsam zu fahren. Trotzdem spendierte Jaguar dem XE SV Project 8 einen Komfort-Modus, in dem sich die Limousine ohne peinliches Gebrüll aus dem Auspuff durch die Stadt bewegen lässt und das Fahrwerk nicht mehr ganz so knüppelhart ist. Doch im Grunde ringt der Fahrer im XE SV Project 8 ständig damit, Regeln einzuhalten und der plötzlich aufkeimenden Risikobereitschaft nicht nachzugeben. Wenn das Serienmodell nur einen Bruchteil der Leidenschaft und Begeisterung dieser Extremvariante transportieren würde, müsste sich Jaguar um den Absatz wohl keine Sorgen machen.

Das muss man wissen: Der XE SV Project 8 ist eine weitere Spinnerei der Abteilung Special Vehicle Operations, in der Jaguar und Land Rover die Experten für Extrawürste zusammengezogen hat. Dort werden, weitgehend von Hand, exakt 300 Exemplare des straßenzugelassenen Rennwagens gebaut, dessen Auslieferung nach den Sommerferien beginnt. Im Zentrum des Umbaus steht der Motor, ein fünf Liter großer V8-Benziner, dem ein Kompressor 600 PS entlockt. Das sind 25 PS mehr als in der bisher potentesten Version, was den XE SV Project 8 zum stärksten Jaguar in der bisherigen Firmengeschichte macht. Unter den Limousinen hält das Auto noch mehr Rekorde: Mit einem Spitzentempo von 322 km/h ist er der schnellste Viertürer der Markenhistorie und mit einer Rundenzeit von 7:21,23 Minuten der aktuelle Rekordhalter auf der Nürburgring-Nordschleife.

So extrem die Eckdaten sind, so exorbitant ist auch der Preis. 182.000 Euro rufen die Briten für das Fahrzeug auf, das damit erheblich teurer ist als Konkurrenzmodelle wie Audi RS4, BMW M3 oder Mercedes-AMG C63. Die Kunden scheint das nicht zu stören. Kaum war der Rundenrekord bestätigt, war auch schon die Hälfte der Autos verkauft.

Das werden wir nicht vergessen: Dass das Auto aus Großbritannien kommt, aber das Lenkrad ausschließlich auf der linken Seite sitzen wird. "Im Rechtslenker hätten wir ohne einen erheblichen Aufwand den Motor nicht unterbekommen. Außerdem macht es auf der Rennstrecke keinen Unterschied, auf welcher Seite das Lenkrad sitzt", sagt Stanton.

Fahrzeugschein
Hersteller: Jaguar
Typ: XE SV Project 8
Karosserie: Limousine
Motor: V8-Kompressor-Benziner
Getriebe: Achtgang-Automatik
Antrieb: Allrad
Hubraum: 5.000 ccm
Leistung: 600 PS (441 kW)
Drehmoment: 700 Nm
Von 0 auf 100: 3,7 s
Höchstgeschw.: 322 km/h
Verbrauch (ECE): 11,0 Liter
CO2-Ausstoß: 254 g/km
Kofferraum: 450 Liter
Gewicht: 1.745 kg
Maße: 4713 / 1954 / 1436
Preis: 182.800 EUR
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insgesamt 24 Beiträge
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ein-berliner 22.06.2018
1. Ein Jaguar mit Krallen?
Wohl eher eine Miezekatze im Rausch der Verblendung. Was hat Jaguar geritten einen derartigen Kuhhandel mitzumachen? Nachdem sich die Firma zu einem seriösen Hersteller von grbrauchsfähigen Kraftfahrzeugen mit Alltagstauglichkeit entwickelt hat nun einen derartigen Vertreter für Halbstarke auf die Straße zu stellen. Die extremen Entwicklungskosten werden durch den exorbitanten Preis nicht ausgeglichen und der Sachverstand der Konstrukteure wäre bestimmt sinnvoller nutzbar. So steht ein Zuhälterkarren mehr in Garagen ohne jeden Mehrwert. Nicht alles was machbar ist bringt einen Autobauer weiter, dieses Projekt garantiert nicht. Es bedient die falsche Klientel. Schade um die Verschwendung von Ressourcen.
sucky 22.06.2018
2. Rennstreckenauto und kein Alltagsauto!
Ich (BMW Kunde seit Jahren, wird sich wohl demnächst ändern..) hatte jetzt am Mittwoch die Möglichkeit gehabt den Project 8 auf einem abgesperrtem Gelände in einem Rundkurs zu bewegen und muss sagen das Auto ist der Wahnsinn. Es macht unglaublich viel Spaß wie knallhart in die Kurve der Wagen zu bewegen ist und auch dank der Bereifung quasi auf dem Asphalt klebt. Das ist ein absolutes Spaßauto welches für die Rennstrecke konzipiert ist. Multimedia und den ganzen Lederfirlefanz hätte man ruhig weglassen können. Das Jaguarklientel würde so ein Auto sowieso nicht im alltäglichen Strassenverkehr bewegen wollen. Optisch gefällt der Project 7 in jedem Fall mehr, weshalb dieser auch viel schneller ausverkauft wurde. Den Project 8 kann man tatsächlich noch bestellen!
sam-berlin 22.06.2018
3. Grusel..
Jaguar stand mal für sportliche Eleganz, mit Betonung auf Eleganz. Dieser Markenkern darf und sollte gerne neu interpretiert werden. Aber diese orange Büchse wirkt ja nur abschreckend. Damit sinkt Jaguar endgültig auf das Niveau der AMG-Proleten-Schüsseln. Ich befürchte, dass es bei diesem peinlichen Ausrutscher nicht bleiben wird.
Indiana.Jones 22.06.2018
4. Hartes Gericht
Zitat von sam-berlinJaguar stand mal für sportliche Eleganz, mit Betonung auf Eleganz. Dieser Markenkern darf und sollte gerne neu interpretiert werden. Aber diese orange Büchse wirkt ja nur abschreckend. Damit sinkt Jaguar endgültig auf das Niveau der AMG-Proleten-Schüsseln. Ich befürchte, dass es bei diesem peinlichen Ausrutscher nicht bleiben wird.
Sie sollten nicht so hart mit Jaguar ins Gericht gehen. Das Ausloten des technisch machbarem gehört aktuell zum Portfolio nahezu aller Hersteller von schönen GT. Aston Martin mit dem "Vulcan", Mercedes mit den AMG-Modellen, BMW mit dem CSL. Die gefallen mir auch nicht, trotzdem bin ich überzeugt, dass z.B. Aston Martin auch zukünftig noch schöne Autos bauen wird. BMW hat mit dem neuen 8er auch einen superschönen GT konzipiert ( alles meine Meinung ). Und Jaguar ist für mich seit dem F-Type auch wieder auf dem richtigen Weg.
robster 22.06.2018
5. Very British...?
...wohl eher nicht. Der Gentleman driver dürfte sich hier nicht wirklich zuhause fühlen. Es ist immer wieder erstaunlich, welche Wirkung die Nordschleife hat bzw. welche Außenwirkung sich die Hersteller von Rundenrekorden erwarten. Neben den im Artikel genannten deutschen Herstellern hat sich Alfa Romeo ja auch die Giulia QV und einen Rekord auf der Nordschleife gegönnt. So beeindruckend das Potential von Serienautos ist, wenn sie nicht deutlich modifiziert auf die Reise geschickt werden, für mich wäre eine Neuauflage des Sportwagon (Giulia als Kombi) interessanter gewesen als eine verbesserte Rundenzeit. Beim Jag sehe ich das genauso. Cheers!
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