Autogramm Jaguar XJ Komfort an vorderster Stelle

Facelift für das Flaggschiff: Jaguar hat beim neuen XJ vor allem das Infotainmentsystem und den Dieselmotor gekonnt aufgefrischt - und gleichzeitig ein paar Schrulligkeiten bewahrt.

Jaguar

Der erste Eindruck: Schau mir in die Augen, Langer! Die neuen LED-Scheinwerfer des Jaguar XJ haben eine beinahe hypnotische Wirkung.

Das sagt der Hersteller: "Schnelle Sportwagen und große Limousinen" seien die beiden Säulen, auf denen Jaguar stehe, sagt Unternehmenssprecherin Andrea Leitner. Das mag grundsätzlich stimmen, doch zumindest heirzulande hat der XJ gegen Konkurrenten wie die Mercedes S-Klasse, den BMW 7er und den Audi A8 nicht den Hauch einer Chance. Im vergangenen Jahr verzeichnete der XJ in Deutschland 221 Neuzulassungen laut Kraftfahrtbundesamt (Mercedes S-Klasse: 7312). 48 Jahre und acht Generationen nach der Premiere der Baureihe verkauft Jaguar die meisten XJ mittlerweile in China, gefolgt von den USA; Europa folgt erst an vierter Stelle.

Das ist uns aufgefallen: Während die neuen Jaguar-Modelle einen coolen Look mit bisweilen eisblauer Beleuchtung pflegen, strahlt der XJ bei entsprechender Ausstattung noch immer die wohlige Wärme eines holzbefeuerten Clubzimmers aus. Das Auto wirkt dabei so britisch-elitär, dass man das Ticken der Kaminuhr zu hören glaubt.

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Doch so viel Holz sich auch auf der Armaturentafel unter der weit nach vorne gezogenen Frontscheibe befindet, was die technische Einrichtung betrifft, macht der XJ einen Ausflug in den Cyberspace. Der 8-Zoll-Bildschirm in der Mittelkonsole wird mit dem neuen sogenannten Control TouchPro-System bespielt. So sperrig der Name, so geschmeidig führt einen die Software auf der 60 Gigabyte großen Festplatte durch die neu entwickelten Apps und lässt einen wie auf dem Tablet wischen und zoomen.

Vor allem die Navigation bietet mehr als die kürzeste Strecke von A nach B. Zu den üblichen Abbiegehinweisen und Verkehrsflussdaten gibt es auch Ratschläge zum Umstieg auf den öffentlichen Nahverkehr oder, kurz vor der Ankunft, eine 360-Grad-Projektion des Zielgebiets. Tägliche Pendelrouten kann die Elektronik verinnerlichen und automatisch alternative Wege anbieten, wenn es die Verkehrslage erfordert.

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Aller Modernität zum Trotz leistet sich der XJ noch einige britische Eigenheiten. Zum Beispiel kehrt er mit dem großzügigen Cockpit und dem eher knappen Fond die üblichen Verhältnisse in Oberklasselimousinen um: Denn während man in S-Klasse & Co. bei allem Komfort der ersten Reihe im Fond meist besser sitzt als hinterm Lenkrad, ist und bleibt der Jaguar ein Fahrerauto. Selbst Einzelsitze hinten sowie zwölf zusätzliche Zentimeter bei der Langversion ändern nichts an den vergleichsweise engen Fondtürausschnitten und an der mäßigen Kniefreiheit auf der Rückbank.

Ein weiteres Argument, beim XJ an vorderster Stelle Platz zu nehmen statt sich nach hinten zu begeben, ist der überarbeitete 3-Liter-V6-Dieselmotor. Dieser erhielt ein Leistungsplus von knapp zehn Prozent auf nun 300 PS, das maximale Drehmoment klettert um 100 auf imposante 700 Nm. Damit hat der ansonsten samtigseidige XJ einen derartigen Punch, dass man dieses Vergnügen nicht dem Personal überlassen möchte.

Das muss man wissen: Die ersten Exemplare des überarbeiteten XJ sind bereits im Handel. Mit dem hier vorgestellten V6-Diesel kostet der Wagen mindestens 81.000 Euro, mit gestrecktem Radstand werden 4000 Euro mehr fällig. Neben dem Selbstzünder gibt es unverändert einen V6-Benziner mit ebenfalls drei Liter Hubraum und 340 PS sowie den V8-Kompressor, der auf fünf Liter Hubraum 550 PS schöpft und so in die Domäne von AMG & Co. vorstößt.

Das werden wir nicht vergessen: Hier dicke Lederpolster, da digitale Spielwiese, hier Holz, dort Hightech - es ist sehenswert, wie geschickt Jaguar bei seinem Flaggschiff Tradition und Moderne verbindet. Das sieht man nicht nur am TFT-Bildschirm hinter dem Lenkrad, dessen Grafik bei aller Brillanz so reduziert ist wie eine Uhr von Max Bill. Sondern vor allem erkennt man das an Details wie der Telefonkachel im Menü des Infotainmentsystems. Denn sobald man das Handy gekoppelt und eine Verbindung aufgebaut hat, leuchtet im Display eine altmodische englische Telefonzelle.

Tom Grünweg

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insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
wolleb 03.02.2016
1.
Was ist daran hypnotisch? Mein erster Eindruck war, will ich nicht haben.
muunoy 03.02.2016
2. Die wichtigste Frage bleibt unbeantwortet
O. k., die wichtigste Frage laesst sich fuer das neue Modell jetzt noch nicht beantworten. Aber dieser XJ bekommt ja jetzt lediglich ein Facelift. Die Frage lautet: Wie sieht es mit der Qualitaet aus? Ich selbst fahre einen XJ6 und werde nie wieder einen Jaguar kaufen. Grundvoraussetzung, um ueberhaupt ueber einen Jaguar nachzudenken ist der Besitz eines zweiten Autos. Nun, ich habe gluecklicherweise ein zweites Auto und war somit qualifiziert, einen Jaguar zu kaufen. Und ja, wenn er faehrt, gefaellt mir das Auto auch recht gut. Aber im Schnitt ist man alle 2.000 km in der Werkstatt. Am Samstag muss ich mal wieder hin. Angeblich ist die el. Parkbremse mal wieder defekt, obwohl sie funktioniert. Das koennte ich zwar selbst durch Abklemmen der Batterie und Neualibrierung er Bremse machen. Aber aufgrund der gigantischen Anzahl an Werkstattbesuchen bekomme ich das Auslesen des Fehlerpeichers ja kostenlos. Wegen anderer Elektronikprobleme war der Wagen schon 4 mal in der Werkstatt, wo lediglich teure Teile ausgetauscht wurden, aber die Fehler nicht behoben wurden. Als Jaguar-Fahrer sollte man sich da besser selbst zu helfen wissen. In den letzten 5 Jahren gingen auch viele Dinge kaputt, die mir bei anderen Autos noch nie kaputt gegangen sind. Und dann immer die Angst, im Ausland liegen zu bleiben. Der ADAC in Deutschland kommt auch mit der Schrottkarre klar. Aber im Ausland habe ich schon mal eine Nacht im Auto verbracht. Aber gross genug, um im Falle einer Panne in der Karre zu schlafen, ist er ja. Eigentlich ist das schade, da mir auch das neue Modell durchaus gefallen koennte. Aber ich brauche ein Auto nun einmal, um es auch zu fahren. Jeder, der mich hier nun als Meckerer abtut, moege einfach mal die diversen Blogs von Jaguar-Fahrern im Internet lesen.
cabriofahrer100 03.02.2016
3. Trauerspiel!
ich bleibe dabei, dieser wagen geht vielleicht als lexus-klon durch, als große jaguar - limousine ist
scxy 03.02.2016
4. Jaguar-Limousinen
sind vor allem zum Anschauen schön. Was muunoy schreibt kann ich nur bestätigen. Ok, es war kein brandaktuelles Modell, das ich 1 1/2 Jahre gepäppelt habe, aber die Beschreibung der Zuverlässigkeit passt exakt auf meinen Fall. Widersprechen möchte ich lediglich, was die Größe des Fahrzeugs zum darin schlafen angeht: sicherlich, genügend Grundfläche nimmt der Wagen schon ein. Aber er ist gegenüber anderen Fahrzeugen derart unpraktisch, dass man noch nicht einmal vernünftig darin schlafen kann. Deshalb habe ich später ein anderes Fahrzeug gekauft, dass über alle möglichen Annehmlichkeiten (Klimaautomatik, Sitzheizung, Bordcomputer etc.) und Schönheiten (Holzamaturenbrett, Lichtspielchen an Türen und Spiegeln usw.) verfügt. Es kann alles besser als der Jag, verbraucht viel weniger, ist wendiger, praktischer usw. usf. Es sieht halt nur nicht so spektakulär aus, dass Leute ihren Kopf danach verdrehen - was ich beim Jaguar schon hin und wieder aus den Augenwinkeln beobachtet habe und genossen habe. ;-)
Leser161 03.02.2016
5. Identität
Jaguar muss fix eine Identität finden. Die alte haben sie ja als zu altmodisch verworfen. Doch was ist die Neue? Es gibt keine. Schade. Ich mochte die Alte.
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