Jaguar XJ: Traditionspflege mal anders

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Das Design polarisiert, und die deutschen Konkurrenzmodelle sind in Bezug auf die Verkaufszahlen enteilt. Doch wer erst einmal hinterm Lenkrad des neuen Jaguar XJ sitzt, vergisst derlei Petitessen. Der Wagen fährt nämlich genau so, wie ein Jaguar fahren soll: entspannt und sportlich.

Jaguar XJ: Traditionspflege in neuer Form Fotos

Die Marke Jaguar ist auf dem Sprung. Zwar weiß noch keiner so ganz genau, welche Richtung das Unternehmen unter der Führung des indischen Großkonzerns Tata und dessen neuem Auto-Boss Carl-Peter Forster nehmen wird, doch vorläufig geht der Blick ausschließlich nach vorn. "Die Vergangenheit hat keine Zukunft", philosophiert Jaguar-Chef Mike O'Driscoll und schiebt sogleich selbstkritisch hinterher, dass die Marke vor allem stilistisch viel zu lange in der Vergangenheit gelebt habe.

Dass es damit vorbei ist, konnte man schon vor zwei Jahren am neuen Modell XF erkennen, dem Nachfolger des biederen S-Type. Falls es doch noch Zweifler gab, die dem neuen Auftritt von Jaguar misstrauten, werden auch die nun eines Besseren belehrt. Das Vehikel dazu ist die neue Oberklasse-Limousine XJ. Selten in der 75-jährigen Firmengeschichte geriet ein Auto der britischen Marke derart avantgardistisch und unkonventionell wie das neue Flaggschiff, dass in Deutschland ab Ende Mai bei den Händlern steht.

Die neue Jaguar-Linie erschließt sich vor allem am Heck des 5,12 Meter langen - in der XL-Version misst der Wagen gar 5,25 Meter - Luxusmodells: Während die schräge, weit nach hinten gezogene Coupé-Linie den aktuellen Trend im Limousinenbau aufgreift, wagte das Team um Designchef Ian Callum mit schwarz verkleideten Karosseriesäulen, sichelförmigen Rückleuchten und dem großen Kofferraumdeckels wirklich außergewöhnliches. Womöglich ist es auch zuviel des Neuen für die etablierte Kundschaft.

Wenn der Startknopf gedrückt ist, freut sich der Jaguar-Kenner

Aus der Perspektive hinterm Lenkrad ist der neue Jaguar wieder ganz typisch. Holz und Leder erinnern an das klassische Clubhaus-Ambiente; allerdings sind die analogen Rundinstrumente passé, stattdessen bildet ein Monitor ersetzt das konventionelle Cockpit. Wird der Startknopf gedrückt und auf der Mittelkonsole der Drehregler der Sechsstufen-Automatik auf D gestellt, stellt sich das Jaguar-Kennern vertraute Gefühl ein: Diese spezielle Mischung nämlich aus Komfort und Sportlichkeit.

Dank des adaptiven Dämpfersystems gleitet die Limousine auch mit hohem Tempo noch entspannt und lässig über die Autobahn; im Innenraum herrschen Ruhe und Behaglichkeit. Wünscht der Fahrer einen Adrenalinkick, drückt er die Sporttaste, und prompt versteifen sich die Federn, das Lenkrad erfordert größeren Krafteinsatz und der Jaguar bleckt die Zähne. Das Auto reagiert dann deutlich agiler und flotter.

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Diese Verwandlung ist durchaus auch beim Modell mit Dieselmotor zu bemerken. Der Wagen mit dem 3-Liter-Selbstzünder mit 275 PS markiert den Einstieg in die britische Oberklasse. Bis zu 600 Nm Drehmoment, von denen 80 Prozent praktisch ab Leerlaufdrehzahl an den Hinterrädern zerren, machen den Diesel zum Dampfhammer. Mit enormem Schub und einem dezenten Brummen beschleunigt der Motor den neuen XJ in 6,4 Sekunden auf Tempo 100 und hat mit dem Limit von 250 km/h keine Mühe.

Diese Motorisierung wird in Deutschland wohl nicht nur den größten Verkaufsanteil erreichen, sie ist auch die einzig vernünftige. Denn als Alternative sind zwei 5-Liter-Achtzylinder-Benziner im Angebot, wahlweise mit einer Leistung von 385 oder 510 PS. Es mag sein, dass deren Verbrauch - gemessen an der Leistung - relativ moderat ist. Absolut jedoch sind 11,4 oder 12,1 Liter Durchschnittsverbrauch zu viel. Das hilft auch die Alukarosserie, die bis zu 150 Kilogramm Gewichtsvorteil bringt, nicht mehr viel. Und ein Sechszylinder-Benziner, eine Achtgang-Automatik, eine Start-Stopp-Funktion oder ein Hybrid-Antrieb lassen noch mindestens zwei Jahre auf sich warten.

Attraktiver Preis durch üppige Serienausstattung

Einstweilen setzt Jaguar auf eine attraktive Preispolitik. 76.900 Euro kostet das Basismodell, was auf den erste Blick deutlich über den Preisen von Mercedes S-Klasse der BMW 7er liegt. "Schaut man aber auf die Ausstattung, haben wir die Nase vorn", sagt der deutsche Jaguar-Chef Peter Modelhart. Extras wie Xenonleuchten, Lederpolster, Navigationssystem oder Schiebedach, die in dieser Klasse fast schon obligat sind, treiben den Preis der Konkurrenzmodelle um bis zu 8000 Euro in die Höhe, sind jedoch bei Jaguar serienmäßig an Bord. So gerechnet, wird der XJ unter Strich günstiger als die Wettbewerber. Allerdings kann Jaguar bei den Assistenzsystemen nicht ganz mithalten. Eine Abstandsregelung und eine Totwinkel-Überwachung ist zwar verfügbar, nicht aber erhältlich sind ein Nachtsicht- oder Spurhaltesystem, eine Verkehrszeichenerkennung oder ein Müdigkeitswarner.

Dass man sich am Design des neuen Jaguar XJ reiben kann, will Modelhart übrigens gar nicht leugnen. Doch glaubt er nach vielen Gesprächen mit Interessenten, dass sich von der buchstäblich schrägen Silhouette die Kunden durchaus angesprochen fühlen. "Anders als beim letzten Modellwechsel sieht man jetzt wenigstens, dass dies ein neues Auto ist."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 22 Beiträge
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1. Und wie sieht er aus?
Thorkoch 22.03.2010
Da wird ausführlich über das Design eines Autos räson... äh, philosophiert, und was gibt es nicht: Ein brauchbares Bild! Dafür kann ich mir anhören, wie die Türen klappen. Was für ein Unsinn! Information geht irgendwie anders.
2. Eben keine Spiesserkarre wie aus Stuttgart und München
hom0i5l 22.03.2010
Misst man ein Auto heute in Deutschland an folgendem: "nicht aber erhältlich sind ein Nachtsicht- oder Spurhaltesystem, eine Verkehrszeichenerkennung oder ein Müdigkeitswarner." Mann, fahrt ihr noch oder lebt ohr nicht mehr. Was ist denn bloss aus der Autofahrernation nach der WM 2006 geworden. Nur weil die Seniorenmarken Mercedes und BMW all so Zeugs anbieten, und Audi sich schon immer zum Nachziehen drängeln lässt, muss eine Marke wie Jaguar, ja nicht auch gleich die Demenzabteilung von Mercedes und BMW betreten. Oder liegt es daran, dass die Fahrerautos wie Jaguar oder eben Audi das gar nicht nötig haben, und die Sänften eben den Chauffeur bei Laune halten wollen?
3. Wenn Bilder brechen könnten...
superdoc 22.03.2010
Zitat von ThorkochDa wird ausführlich über das Design eines Autos räson... äh, philosophiert, und was gibt es nicht: Ein brauchbares Bild! Dafür kann ich mir anhören, wie die Türen klappen. Was für ein Unsinn! Information geht irgendwie anders.
Das hat schon seine Richtigkeit mit den Bildern. Vermutlich wollte die Redaktion lediglich ihrer Sorgfaltspflicht nachkommen und die Leser des Artikels vor spontaner Netzhautablösung schützen. Von den darauf zu erwartenden Schadenersatzklagen einmal ganz abgesehen. Was ich aber an der Sache nicht so ganz verstehe ist, wieso Jaguar ausgerechnet den Designer der Erfolgslimousine Citroen C6 abgeworben hat...
4. bilder?
hansi wurst 22.03.2010
für ein paar bilder hat's nicht mehr gerreicht, oder warum dürfe wir uns nicht am "aussergewöhnlichen design" reiben?!
5. ..
m-pesch 22.03.2010
http://www.automotiveaddicts.com/wp-content/uploads/2009/07/jaguar_xj.jpg Na toll. Monstergrill wie ihn Da Silva nicht größer hätte hinkriegen können. Auch die Asi LEDs von Audi hat man übernommen. Ansonsten hat man sich stark am Quattroporte angelehnt. Das Heck ist allerdings abartig. Aus dem eigenen Jaguar Design hätte man sicher mehr rausbekommen können
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Fahrzeugschein
Hersteller: Jaguar
Typ: XJ
Karosserie: Limousine
Motor: Sechszylinder-Diesel
Getriebe: Sechsgang-Automatik
Antrieb: Heck
Hubraum: 2.993 ccm
Leistung: 275 PS (202 kW)
Drehmoment: 600 Nm
Von 0 auf 100: 6,3 s
Höchstgeschw.: 250 km/h
Verbrauch (ECE): 7,0 Liter
CO2-Ausstoß: 184 g/km
Kraftstoff: Diesel
Kofferraum: 520 Liter
Versicherung: 23 (HP) / 30 (TK) / 32 (VK)
Preis: 76.900 EUR

Schnellcheck

Jaguar XJ

Einsteigen: ...weil der XJ endlich mal eine Alternative zur langweiligen Limousine ist, innen sehr edel wirkt und einfach toll fährt.

Aussteigen:...weil das Design für die Oberklasse so schräg wirkt wie ein Frack in rosa, weil Spartechnik frühestens in zwei Jahren kommt und es um Kopf und Schultern etwas eng wird.

Umsteigen: ...natürlich zuallererst aus Mercedes S-Klasse, BMW Siebener und Lexus LS. Aber Jaguar sieht sich auch auf dem Niveau von Maserati Quattroporte und sogar Bentley Continental.



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