Jeep Cherokee 2.2 Diesel Fahren und täuschen

Der SUV-Boom bringt immer neue Modelle und Varianten hervor, schon immer da war hingegen der Jeep Cherokee. Die jüngste Generation geht zwar optisch mit der Mode, doch tatsächlich ist der Wagen knorrig wie vor 31 Jahren.

Jürgen Pander

Von Jürgen Pander


"Since 1941" steht auf dem Lenkrad. Die Inschrift soll an die Anfänge der Marke Jeep erinnern, die inzwischen Chrysler gehört und damit Teil des Konzerns Fiat Chrysler Automobiles ist, kurz FCA. Das Lenkrad weckt noch aus einem anderen Grund nostalgische Gefühle: Es hat einen dicken Kranz und man muss trotz Servo-Unterstützung kräftig hinlangen. Man spürt, dass man knapp zwei Tonnen Auto dirigiert, und damit ist ein prägendes Merkmal des Jeep Cherokee schon genannt: dieser SUV ist ein harter Brocken.

Die erste Cherokee-Generation von 1984 war simpel und eckig; Jeep preist die Modellreihe als erstes Mittelklasse-SUV überhaupt und ernennt sich damit zum Erfinder dieses Fahrzeugtyps, von dem heute jeder Hersteller ein Exemplar im Angebot hat. Das Interessante am neuen Cherokee ist: Während die Konkurrenz bescheidene Offroad-Fähigkeiten meist durch rustikale Optikelemente zu kaschieren versucht, macht es der US-SUV genau umgekehrt. Die jüngste Generation verbirgt ihre Geländekompetenz unter einer modisch zurechtgemachten Hülle.

Immer im grünen Bereich

Es gibt nicht nur ein knorriges Lenkrad, sondern auch Gummifußmatten mit grobem Wabenmuster und einen "Select Terrain"-Wählknopf auf der Mittelkonsole zum Voreinstellen des automatischen Allradantriebs. Der sitzt gleich neben dem Wählhebel des Neungang-Automatikgetriebes, das vom deutschen Zulieferer ZF stammt. Es gibt etwas mehr Hartplastik-Oberflächen als üblich und im Cockpit eine Verbrauchsanzeige, deren Bildschirmfarbe schon ab einem Durchschnittswert von 25 Liter oder weniger von gelb auf grün wechselt. Auch durch den Stadtverkehr tuckert man deshalb im grünen Bereich.

In Wahrheit ist es natürlich ganz anders. 5,7 Liter Dieselkraftstoff je 100 Kilometer soll der neue 2.2-Liter-Vierzylindermotor von Fiat durchschnittlich konsumieren, verbreitet Jeep. Nach unseren Testfahrten im ganz normalen Alltagsbetrieb zeigte der Bordcomputer 8,8 Liter an, und auf etwa diesen Wert kamen wir auch nach Auswertung der Tankbelege. Anders gesagt: Auch der Jeep Cherokee mit dem neuen, 200 PS starken Dieselmotor schluckt im Realbetrieb erheblich mehr als der Prüfstandswert glauben macht. Entsprechend irreführend ist auch der offizielle CO2-Ausstoß von 150 Gramm je Kilometer; legt man 8,8 Liter Verbrauch zugrunde, sind es nämlich 231 g/km.

Der neue Motor ersetzte auch deshalb den bisherigen 2-Liter-Selbstzünder mit 170 PS, weil er die Euro-6-Abgasnorm erfüllt. Unter anderem werde dies durch einen Stickoxid-Speicherkatalysator erreicht, heißt es beim Hersteller. Das aufwändigere und teurere System mit Harnstoffeinspritzung zur Abgasnachbehandlung sei nicht nötig.

Viel Platz für Passagiere, wenig fürs Gepäck

Als Folge des VW-Abgasskandals wird man natürlich hellhörig bei solchen Angaben, doch für Jeep-Interessenten und erst recht die Cherokee-Käufer dürfte der Verbrauch eine eher untergeordnete Rolle spielen. Dieses Auto wählt man aus, weil man einen Allradler fahren möchte, der zwar aussieht wie für den Boulevard gemacht, aber doch aus der hemdsärmeligen Ecke kommt.

Fondpassagiere dürfte an dem Auto vor allem das auch hinten geräumige Ambiente gefallen; ganz am Ende jedoch baut der Cherokee ab. Der Kofferraum kommt mit 412 Liter Ladevolumen kaum über VW-Golf-Niveau (380 Liter) hinaus. Was allerdings auch daran liegt, dass unter dem Ladeboden unseres Testwagens ein vollwertiges Ersatzrad bereit liegt (Aufpreis 190 Euro). Werden die Rückenlehnen umgeklappt, passen 1267 Liter rein (VW Golf: 1270 Liter).

Sollte man das Auto kaufen? Wenn man zu den Leuten gehört, die gerne einen Geländewagen hätten, aber nicht wie Oberförster daherkommen möchten, dann ja. Wenn man sich allerding jenen zurechnet, die höher sitzen und bequemer einsteigen wollen und SUVs eigentlich ganz cool finden - dann eher nicht.

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insgesamt 98 Beiträge
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Seite 1
der_neue_Student 18.12.2015
1. mein Senf
oha!! Nach unseren Testfahrten im ganz normalen Alltagsbetrieb zeigte der Bordcomputer 8,8 Liter an, und auf etwa diesen Wert kamen wir auch nach Auswertung der Tankbelege. Vermutlich eher darüber besonders wenn die Leistung 200 PS (147 kW) abgefordert wird. Nicht vergessen! Die Gurke wiegt 2 TONNEN. SPON als kompromissloser Aufklärer.
mazzmazz 18.12.2015
2. Feuer frei!
Ein böses SUV! Es verbraucht 9 L! Es kommt aus den USA! Kein Mensch braucht so etwas! Solche Spritschleudern sollten mit Sondersteuern belegt oder gleich verboten werden! Dass ein solches Auto ein super praktischer Alltagsbegleiter auch für den Winter in den Bergen und gutes Zugfahrzeug ist, ist ja egal. Ein VW Golf Kombi reicht doch für alle völlig aus... Dass die Fiat Diesel seit bald 20 Jahren eher zu den moderneren, sparsamen und v.a. haltbaren Vertretern ihrer Gattung zählen, muss die VW-Fans ja nicht stören. Da hängt man sich lieber am kleinen Kofferraum auf, der trotzdem locker für den Urlaub mit 2 Kindern und den Großeinkuf reicht oder an fehlendem Softlack auf den Scharnieren für das Handschuhfach. Für 46.000 Eur Listenpreis(!) erhält man hier ein voll ausgestattetes, echtes Allradauto mit klasse Maschine und dichtem Netz an Servicepunkten. Zudem sieht das Ding noch ganz gut aus, wie ich finde. Aber natürlich kann ein VW Tiguan alles besser... Übrigens: der erste Jeep Cherokee war bereits mit einem "Downsize"-Diesel ausgestattet und in allen drei verfügbaren Motorvarianten quasi unzerstörbar. Dennoch wurde er schon in den 90ern regelmässig von der deutschen Motorpresse verrissen. Die Kunden werden es heute entspannt sehen, genau wie sie es damals taten. 300 Mark Service im Jahr, 180 PS, Allrad und eine angenehm hohe Sitzposition, für unter 40.000 D-Mark. Das konnte damals noch nicht einmal Mitsubishi. Geheimtip: wer einen größeren Kofferraum möchte, kann sich den Grand Cherokee ansehen. Den gibt es sogar noch mit richtigem Motor.
ke_karolus 18.12.2015
3. Bin gespannt,
wann es mit dem "solche Autos verbieten!" losgeht
RobMcKenna 18.12.2015
4.
Oh, ist mal wieder "day of defeat"? Schon mal herzlichen Dank an die SPON-Redaktion für die Steilvorlage zum Freitag. Ich denke, das wird ein lustiger Wochenausklang... :-)
tpk 18.12.2015
5. Den gibt es schon über ein Jahr
oder? Oder zumindest einen ähnlichen Bruder. Erinnere mich, dass ich völlig fassungslos über das Design vor einem Exemplar auf nem Parkplatz stand. Passt hervorragend ins Portfolio von Fiat als Nachfolger vom Multipla (den ich wegen seinen inneren Werten allerdings geliebt habe).
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